Deutschlands Stromautobahnen kommen frühestens in den 2030er-Jahren ans Ziel
Wer in Deutschland Wind- und Solarstrom erzeugt, braucht nicht nur Anlagen, sondern auch Leitungen. Genau da hakt es gewaltig: Der Bau neuer Nord-Süd-Stromleitungen verzögert sich, sodass ein Teil des erneuerbaren Stroms gar nicht genutzt werden kann. Der Ausbau von insgesamt fast 17.000 Kilometern Stromleitungen wird frühestens in den 2030er-Jahren abgeschlossen sein.
Das zeigt eine Darstellung des NDR auf Grundlage tagesaktueller Daten der Bundesnetzagentur auf Netzausbau.de. Als „umgesetzt“ gelten dort fertiggestellte Leitungsabschnitte. Übertragungsleitungen können meist allerdings erst nach ihrer vollständigen Fertigstellung in Betrieb gehen. Die „ursprüngliche Planung“ bezeichnet das erste geplante Inbetriebnahmedatum im Netzentwicklungsplan.
Windstrom im Norden, Engpässe im Süden
Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern erzeugten 2025 mehr Strom aus Wind und Sonne, als sie selbst verbrauchten. Offshore-Windstrom ist dabei nicht eingerechnet. Baden-Württemberg, Bayern und Hessen sind dagegen auf Stromimporte aus Nord- und Ostdeutschland angewiesen – besonders, seit im Frühjahr 2023 die letzten deutschen Atomkraftwerke abgeschaltet wurden.
Vier große Hochspannungsleitungen sollten deshalb Wind- und Offshore-Strom nach Süddeutschland bringen. Beschlossen wurden sie 2013 im Bundesbedarfsplanungsgesetz. Zusammen sollen sie eine Kapazität von zehn Gigawatt haben. Spätestens 2022 sollten sie ursprünglich in Betrieb sein. Daraus wurde nichts.
| Projekt | Ursprünglicher Termin | Aktueller voraussichtlicher Termin |
|---|---|---|
| A-Nord | 2020 | Mitte 2027 |
| Ultranet | 2017 | Ende 2026 |
| SuedLink | 2019 beziehungsweise 2022 | Ende 2028 |
| SuedOstLink | 2022 | 2027 |
Eine später ergänzte Verlängerung des SuedOstLinks soll ab 2032 in Betrieb gehen. 2025 waren alle vier Projekte vollständig genehmigt. Trotzdem hätten sie ursprünglich drei bis acht Jahre früher laufen sollen. Der Übertragungsnetzausbau umfasst inzwischen mehr als 100 Einzelprojekte. Viele wurden verspätet fertiggestellt oder liegen teilweise mehr als zehn Jahre hinter dem Zeitplan.
Mehrere Vorhaben sind immerhin in der Bauphase. Bei SuedLink wurde im Sommer der Elbtunnel fertiggestellt, bei A-Nord wurden die ersten Kabel in die vorbereiteten Rohre eingezogen. Kleine Fortschritte, die im großen Kalender trotzdem ziemlich spät kommen.
Erdkabel, Engpässe und teurer Stillstand
2015 änderte die Bundesregierung die Pläne: Statt Freileitungen sollen die Stromautobahnen überwiegend als Erdkabel gebaut werden. Als Grund für die Umplanung gilt der erwartete Protest gegen Freileitungen und Strommasten, unter anderem im Zusammenhang mit der Landtagswahl in Bayern. Die Erdkabelplanung erhöhte laut Kathrin Goldammer vom Reiner Lemoine Institut jedoch Aufwand und Kosten.
Genehmigungsverfahren wurden laut Goldammer unter dem früheren Wirtschaftsminister Robert Habeck beschleunigt. Dazu gehörte auch die Einstufung der Hochspannungsnetze als von überragendem öffentlichem Interesse. Gleichzeitig fehlen weltweit Transformatoren und Kabel, und in Deutschland mangelt es an Nachwuchs in der Elektrotechnik. Ein Engpass zieht den nächsten hinter sich her.
Weil die Nord-Süd-Leitungen noch fehlen, müssen Netzbetreiber bei starkem Wind oder hoher Sonneneinstrahlung Anlagen abregeln, damit das Stromnetz nicht überlastet. Für den entgangenen Gewinn bekommen die Betreiber Entschädigungen. Bezahlt werden sie über die Netzentgelte von Stromkundinnen und Stromkunden, zusätzlich beteiligt sich der Staat.
Im vergangenen Jahr konnten fast 9,4 Terawattstunden erneuerbarer Strom nicht eingespeist werden. Das entsprach etwa vier Prozent der erneuerbaren Stromerzeugung. Gegenüber 2023 wurde in den beiden Folgejahren zwar weniger erneuerbarer Strom abgeregelt. Billig war die Verzögerung trotzdem nicht: Seit 2022 entstanden dadurch mehr als vier Milliarden Euro zusätzliche Kosten.
Arne Lilienkamp vom Energiewirtschaftlichen Institut der Universität zu Köln schätzt, dass bei einer Fertigstellung der vier großen Leitungen bis 2022 in den vergangenen drei Jahren jährlich mindestens 1,4 Milliarden Euro hätten eingespart werden können. Für Köln klingt das besonders nah – der Blick auf die Zahlen bleibt trotzdem ziemlich ernüchternd.
SuedLink: Baustopp am Salzbergwerk
Ausgerechnet bei SuedLink ist nun ein Bauabschnitt beim Salzbergwerk Bad Friedrichshall im Kreis Heilbronn vorerst gestoppt. Bei Untersuchungen wurde festgestellt, dass sich in einer unterirdischen Erdschicht möglicherweise Wasser befindet. Erkundungsbohrungen aus den Jahren 2019 und 2020 hatten den Bereich noch als trocken und unkritisch bewertet.
Nach den neuen Hinweisen wurden die Arbeiten sofort eingestellt. TransnetBW erarbeitet eine alternative Planung. Die Vorsicht hat einen konkreten Grund: In den Bergwerksstollen wird giftiger Müll gelagert, der nicht nass werden darf.
Der Ort, an dem das SuedLink-Kabel ins Bergwerk geführt wird, soll verlegt werden. Außerdem wird eine oberirdische Trassenführung neu geplant. Unter Tage soll eine etwa 700 Meter lange neue Verbindungsstrecke entstehen; auf rund drei Kilometern soll das Kabel in etwa zwei Metern Tiefe verlegt werden. Ursprünglich war vorgesehen, es in etwa 200 Metern Tiefe durch bestehende Bergwerksstollen zu führen.
Für die Änderungen ist ein neues Genehmigungsverfahren nötig. TransnetBW hält dennoch am geplanten Start der SuedLink-Trasse Ende 2028 fest und steht dazu mit der Bundesnetzagentur in Kontakt. Die ausgesetzten Bauarbeiten sollen im Herbst 2027 fortgesetzt werden. Im November ist eine Informationsveranstaltung für Bürgerinnen und Bürger geplant.
Bürgermeister Timo Frey (CDU) erwartet, dass eine zweistellige Zahl von Grundstückseigentümern von der Umplanung betroffen sein könnte. Sie sollen über die Gründe und den Ablauf informiert werden. SuedLink soll auf rund 700 Kilometern Windstrom aus Norddeutschland nach Bayern und Baden-Württemberg transportieren. Eine der beiden Trassen endet am Umspannwerk in Leingarten im Kreis Heilbronn.
TransnetBW rechnet für seinen Projektanteil weiterhin mit Kosten von acht Milliarden Euro. Bürgerinitiativen und Umweltverbände kritisieren SuedLink wegen der Kosten, des Flächenverbrauchs und möglicher Eingriffe in die Natur. Bei Spülbohrungen in Möckmühl im Kreis Heilbronn trat im Mai 2026 unkontrolliert Bohrschlamm aus; der BUND befürchtete Umweltschäden. Die Bürgerinitiative „GegenGift Heilbronn“ fordert nach dem Baustopp erneut das endgültige Ende der SuedLink-Bergwerksarbeiten.
Auch die Verteilernetze müssen mithalten
Über den großen Stromautobahnen wird gern gesprochen. Für die Systemstabilität sind aber auch die Verteilernetze entscheidend. Der Ausbau erneuerbarer Erzeugungsanlagen in diesen Netzen sowie der erwartete Zuwachs bei Elektromobilität und im Wärmesektor erhöhen ihre Bedeutung spürbar – daheim an der Wallbox, in Wärmepumpenkellern und überall dort, wo Strom künftig stärker direkt vor Ort gebraucht wird.
Die Bundesnetzagentur erhebt von Verteilernetzbetreibern Informationen zum Zustand und Ausbau der Netze. Grundlage dafür sind § 14 Abs. 2 in Verbindung mit § 14d EnWG. Die Informationen zu Stromverteilernetzen veröffentlicht die Behörde in Artikeln auf der Plattform SMARD (smard.de).
In den Netzausbauplänen 2024, kurz NAP 2024, haben 82 große Verteilernetzbetreiber den voraussichtlichen Netzausbaubedarf ermittelt. Grundlage sind die erstmals 2023 in sechs Planungsregionen erarbeiteten Regionalszenarien. Berücksichtigt werden konkrete regionale Entwicklungen für die kommenden fünf und zehn Jahre sowie die gesetzlich festgelegten Ziele der Bundesregierung für das Zieljahr 2045.
Für Veröffentlichungen nach § 14e EnWG betreiben die Verteilernetzbetreiber die gemeinsame Plattform www.vnbdigital.de. Dort stehen die Regionalszenarien der sechs Planungsregionen und die einzelnen Netzausbaupläne. Ab den NAP 2024 bündelt die Bundesnetzagentur
