Kassel zwischen Studium und Ausbildung: Warum bis 2029 rund 530.000 Fachkräfte fehlen könnten
Am Campus der Uni Kassel ist die Stimmung an diesem 7. Oktober 2026 gemischt: Viele Jugendliche interessieren sich weiterhin für ein Studium, gleichzeitig wird der Einstieg in Ausbildung und Beruf für Unternehmen spürbar schwieriger. Im Landkreis Kassel wurden zuletzt 3 % weniger Ausbildungsstellen gemeldet als im Vorjahr und 12,4 % weniger als im Ausbildungsjahr 2023/24. Bei der Berufsberatung meldeten sich 963 Personen – 10,8 % weniger als im Vorjahr.
Auch Volkswagen in Baunatal fährt die Zahl der neuen Ausbildungsplätze zurück. Früher waren es fast 170 Lehrstellen pro Jahrgang, 2024 noch 148, 2025 schließlich 141. Zum 1. September begannen im VW-Werk Kassel 90 Auszubildende und vier Dualstudierende. Die meisten kommen aus Hessen. Die größten Gruppen bilden 24 Industriemechanikerinnen und Industriemechaniker sowie 14 Fachkräfte für Lagerlogistik.
Weniger Plätze, aber hohe Erwartungen
Ausgebildet werden die Nachwuchskräfte in der Volkswagen-Akademie unter der Leitung von Jens Dembowski. Trotz des konzernweiten Kostensenkungsdrucks soll die Ausbildung Fachkräfte für Elektromobilität, Digitalisierung und neue Antriebstechnologien sichern, erklärt Dembowski. Volkswagen brauche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die den Standort und die Produktionsabläufe umfassend kennen. Das klingt nach einer ziemlich langen Lernkurve – und nach Wissen, das sich nicht einfach per Schnellkurs nachholen lässt.
Gemeinsam mit der Industrie- und Handelskammer und Berufsschulen hat Volkswagen deshalb ein neues Grundausbildungsmodell entwickelt. Es soll die Eignung und die Interessen der Auszubildenden stärker berücksichtigen. Für das aktuelle Ausbildungsjahr meldeten regionale Unternehmen der Arbeitsagentur bislang 879 Stellen. 523 davon sind besetzt, weitere wurden storniert oder zurückgezogen. Noch frei sind derzeit 167 Ausbildungs- und duale Studienplätze.
Gesucht werden vor allem Kaufleute im Einzelhandel, Verkäuferinnen und Verkäufer, Fachkräfte für Lagerlogistik, Elektronikerinnen und Elektroniker für Betriebstechnik sowie Steuerfachangestellte. Ein Einstieg in das laufende Ausbildungsjahr ist laut Arbeitsagentur noch möglich. Wer also bisher gezögert hat, muss nicht zwingend bis zum nächsten Herbst warten.
Studium bleibt gefragt – die Zahlen sinken trotzdem
Das Interesse an einem Studium bleibt bei vielen Jugendlichen bestehen. An der Universität Kassel ist die Zahl der Studierenden dennoch zurückgegangen: Im Wintersemester 2023/24 waren es 19.901, im Wintersemester 2024/25 noch 19.414 und im vergangenen Jahr 19.158.
Kassel bringt für Studierende einiges mit: historische Gebäude, Cafés, Parks und moderne Hochschulstandorte liegen vergleichsweise nah beieinander. Viele Ziele sind schnell erreichbar, Grün- und Erholungsgebiete beginnen wenige Minuten vom Stadtzentrum entfernt. Kurze Wege und stadtnaher Freiraum gehören damit für viele zum Alltag – ein nicht ganz unwichtiges Gegengewicht zum Sitzen in Seminarräumen und vor Bildschirmen.
Der Bergpark Wilhelmshöhe ist ganzjährig ein attraktives Ausflugsziel und als UNESCO-Weltkulturerbe anerkannt. Zur Anlage gehören die Herkules-Statue, Schloss Wilhelmshöhe und die Löwenburg. Im Park lassen sich Sonnenuntergänge anschauen oder Picknicks mit Aussicht machen. Gerade wenn der Kopf nach einer Prüfung raucht, ist das vermutlich die angenehmere Form von Standortfaktor.
Der Arbeitsmarkt steht vor einem Umbau
Wie viele Fachkräfte künftig gebraucht werden, untersucht das Fachkräftemonitoring des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales. Es prognostiziert Bedarfe, Engpässe und Überschüsse auf Grundlage des QuBe-Projekts von BIBB, IAB und GWS. Berücksichtigt werden unter anderem die beschleunigte Digitalisierung, Klimawandel und Dekarbonisierung, die Zeiten- und Energiewende sowie Unsicherheiten im Außenhandel – insbesondere durch die US-Zollpolitik.
Das Monitoring dient als empirische Grundlage der Fachkräftepolitik und der Fachkräftestrategie der Bundesregierung. Es betrachtet neu entstehende und wegfallende Arbeitsplätze, Zugänge aus Bildung und Ausbildung, Übergänge in den Ruhestand und berufliche Mobilität. Die Mittelfristprognose blickt jeweils auf die kommenden fünf Jahre. Für den Zeitraum 2025 bis 2029 schließt sie damit die Lücke zwischen der aktuellen Engpassanalyse der Bundesagentur für Arbeit und den 10- bis 20-jährigen Langfristprognosen. Die Langfristprognose des QuBe-Projekts liegt derzeit in der achten Welle vor und betrachtet mindestens 15 bis 20 Jahre.
Für die mittlere Frist werden sogenannte Fokusberufe ausgewiesen, in denen Engpässe oder Überschüsse bei Arbeitskräfteangebot und -nachfrage erwartet werden. Bis 2029 rechnet die Prognose mit 41 Fokusberufen mit Arbeitskräfteengpässen. Die Mehrheit davon gehört zu Fachkrafttätigkeiten. Engpässe können sogar in Berufsgruppen auftreten, in denen insgesamt Arbeitsplätze abgebaut werden – vor allem, weil die Babyboomer ausscheiden und kleinere Jahrgänge nachrücken. Auf Fachkräfteebene könnten bis 2029 rund 530.000 Personen fehlen.
Exporte in die USA dürften wegen der Exportzölle zunächst an Dynamik verlieren. Dadurch gewinnen europäische Märkte und die deutsche Binnennachfrage an Bedeutung. Änderungen des Grundgesetzes zu Verteidigung, Infrastruktur und der Schuldenregel für die Länder sollen ab 2025 einen starken Investitionsimpuls auslösen, der die außenwirtschaftlichen Risiken der mittleren Frist teilweise ausgleichen kann. Das Produzierende Gewerbe könnte gegenüber anderen Branchen wieder wichtiger werden und erstmals seit längerer Zeit Marktanteile bei der preisbereinigten Produktion gewinnen.
Vom Investitionsschub dürften insbesondere Metallerzeugnisse, der sonstige Fahrzeugbau und das Baugewerbe profitieren. Zusätzliche Nachfrage entsteht vor allem in Bauberufen und im Verarbeitenden Gewerbe; hoch bleibt sie außerdem in IT- und Gesundheitsberufen. Gleichzeitig treffen Investitionen in Infrastruktur und Verteidigung auf ein schrumpfendes Arbeitskräfteangebot. Neben Metallerzeugnissen, sonstigem Fahrzeugbau und Baugewerbe ist auch der Energiebereich betroffen.
530.000 fehlende Fachkräfte – und viele Stellschrauben
Für die Umsetzung der Investitionen müssen mehr Personen oder Arbeitsstunden mobilisiert und produktiver eingesetzt werden, etwa durch Digitalisierung und effizientere Planungsverfahren. Eine höhere Erwerbsbeteiligung Älterer hilft allerdings nur kurzfristig, weil die Babyboomer anschließend aus dem Arbeitsmarkt ausscheiden. Längerfristig könnten eine höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen und Personen ausländischer Nationalität das Arbeitskräfteangebot vergrößern.
Bei Infrastrukturprojekten braucht es bessere operative Fähigkeiten von Bund, Ländern und Kommunen sowie verlässliche Planung und Priorisierung. Die Wirkung hoher Verteidigungsausgaben hängt unter anderem davon ab, wie gut Übergänge zwischen militärischen und zivilen Arbeitsplätzen funktionieren. Die Bundeswehr könnte stärker als Bildungsträger genutzt werden. Übergänge von der Bundeswehr in den zivilen Arbeitsmarkt sowie die zivile Nutzung militärischer Forschung und Produkte können Wachstum unterstützen. Auch staatliche Förderung technologischer Forschung und Entwicklung verbessert laut den genannten Quellen die langfristigen Wachstumsaussichten.
Fachkräfteengpässe können militärische und bauliche Projekte verzögern. Unternehmen sollen deshalb auch Branchenwechsel unterstützen, etwa vom schrumpfenden Fahrzeugbau in wachsende Branchen. Der Wanderungssaldo wird den Alterungseffekt der in Deutschland lebenden Bevölkerung voraussichtlich nicht mehr ausgleichen. Sowohl die Gesamtbevölkerung als auch die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter wird sinken.
Gezielte, insbesondere qualifizierte Einwanderung kann diesem Rückgang entgegenwirken. Für bereits Zugewanderte braucht es bessere Integrationsmöglichkeiten in Bildung und Arbeitsmarkt. Sprachkenntnisse sind wichtig für den Erwerb und die Anerkennung beruflicher Qualifikationen. Formale berufliche Abschlüsse erhöhen die Beschäftigungschancen und können Abwanderung verringern. Klingt trocken, entscheidet aber oft darüber, ob eine offene Stelle tatsächlich besetzt werden kann.
Weiterbildung soll Kompetenzerweiterung, Branchenwechsel und das Nachholen beruflicher Abschlüsse ermöglichen. Ohne ausreichende Qualifikationen dürfte die Lücke zwischen den Qualifikationsniveaus der Arbeitskräfte und den Anforderungen der Stellen weiter wachsen. Der demografische Wandel bringt dabei beides: frei werdende, nicht ausreichend nachbesetzbare Arbeitsplätze und zusätzlichen Fachkräftebedarf in wachsenden Bereichen mit hohem Ersatzbedarf.
Besonders betroffen sind informationstechnische Berufe sowie Gesundheit und Pflege. Digitalisierung kann zwar durch Automatisierung Arbeitsplätze abbauen, etwa im Einzelhandel sowie bei Banken und Versicherungen. Gleichzeitig entstehen in vielen Berufen zusätzliche Kompetenzanforderungen mit IT-Bezug. Klimaschutz und Dekarbonisierung erhöhen den Personalbedarf
