Pharma-Standort Marburg vor dem Umbruch: 1.300 Arbeitsplätze bedroht, Innovations-Hub geplant
Am Pharma-Standort Marburg stehen harte Einschnitte bevor: Durch Stellenabbau und Werksschließungen könnten rund 1.300 Arbeitsplätze verloren gehen. Für viele Beschäftigte ist das keine Zahl aus einer Unternehmensmitteilung, sondern eine sehr konkrete Sorge um Wohnung, Familie und den nächsten Arbeitstag.
Betroffen sind unter anderem Biontech, CSL Innovation, Nexelis Marburg, CSL Behring und Innexis. Biontech plant die Schließung seines Produktionsstandorts mit rund 540 Beschäftigten. Bei CSL Innovation soll die Forschung und Entwicklung eingestellt werden; dort geht es um rund 500 Arbeitsplätze. Nexelis will sein Werk mit etwa 85 Beschäftigten schließen. CSL Behring baut bis Anfang Juli im Rahmen einer weltweiten Umstrukturierung 275 Stellen ab, bei Innexis sollen 110 Stellen wegfallen.
Biontech zieht die Reißleine
Biontech plant, bis Ende 2027 mehrere Produktionsstandorte zu schließen: neben Marburg auch Idar-Oberstein in Rheinland-Pfalz, Tübingen in Baden-Württemberg und ein Werk in Singapur. Weltweit sollen dadurch rund 1.860 Stellen wegfallen, etwa 540 davon in Hessen.
Als Gründe nennt das Unternehmen deutlich gesunkene Umsätze mit COVID-19-Impfstoffen auf dem europäischen und US-amerikanischen Markt. Gleichzeitig seien die Kosten für Forschung und Entwicklung sowie für Betrieb und Verwaltung gestiegen. Biontech will sich stärker auf Forschung, Entwicklung und die Markteinführung von Krebstherapien konzentrieren. Ab 2029 sollen die Maßnahmen jährlich rund 500 Millionen Euro einsparen; das frei werdende Kapital soll in die Weiterentwicklung der Onkologie-Pipeline fließen.
Das Marburger Werk hatte Biontech während der Pandemie vom Schweizer Pharmakonzern Novartis übernommen und umfassend modernisiert. 2023 investierte das Unternehmen dort rund 40 Millionen Euro in eine Anlage zur Herstellung von Plasmid-DNA. Marburg gilt als eine der größten mRNA-Produktionsstätten Europas und liegt auf dem Gelände der Behringwerke.
mRNA steht für „messenger ribonucleic acid“, also Boten-RNA. Sie enthält Bauanleitungen für Proteine und wird unter anderem genutzt, damit Körperzellen Bestandteile eines Krankheitserregers herstellen und das Immunsystem Antikörper bildet. Laut dem Artikel greift mRNA nicht in das menschliche Erbgut ein und wird im Körper rasch abgebaut. Ihre Herstellung braucht allerdings spezialisierte Anlagen. Genau solche Strukturen stehen nun zur Disposition.
Im März 2025 hatte Biontech bereits den Abbau von 315 der damals 670 Vollzeitstellen in Marburg angekündigt. Von einer Werksschließung war damals noch keine Rede. Marburg galt weiterhin als wichtiger Bestandteil des Netzwerks, vorgesehen war sogar ein Exzellenzzentrum für größere mRNA-Chargen für fortgeschrittene klinische Studien.
Nun erklärt Biontech, die Schließungsentscheidungen seien „schweren Herzens“ und aus strategischen Gründen getroffen worden; sie spiegelten nicht die Leistung der Beschäftigten wider. Geprüfte Alternativen seien strategisch und finanziell nicht tragfähig gewesen. Die Umsetzung solle sozialverträglich erfolgen, möglichst ohne betriebsbedingte Kündigungen.
Der Betriebsrat in Marburg kündigte gemeinsam mit den Arbeitnehmervertretungen der anderen Standorte „entschiedenen Widerstand“ an. Betriebsratsvorsitzender Mark Pfister bezeichnete die Schließung als schweren Schlag für die Region. Biontech habe es versäumt, den Standort zukunftssicher aufzustellen. Marburg habe während der Pandemie maßgeblich zur Versorgung mit Corona-Impfstoffen beigetragen; frühere Zukunftsplanungen seien nun hinfällig.
Auch die Gewerkschaft IGBCE sprach von einem „Kahlschlag“ und warf Biontech gesellschaftliche Verantwortungslosigkeit vor. Sie kritisierte, dass das Unternehmen nach Milliardenumsätzen während der Pandemie und hohen staatlichen Zuschüssen den Standort Marburg aufgebe. Nach Ansicht der Gewerkschaft gefährdet die Entscheidung die Widerstandsfähigkeit des Pharma- und Biotech-Standorts Deutschland. Im März demonstrierten in Marburg bereits rund 3.000 Menschen gegen diese Entwicklung.
Für die Stadt geht es um mehr als Arbeitsplätze
Marburgs Oberbürgermeister Thomas Spies (SPD) nannte die Biontech-Entscheidung „ungeheuerlich“. Er verwies auf staatliche Förderungen und die öffentliche Verantwortung des Unternehmens. Die Folgen für die Region bezeichnete Spies als Katastrophe, auch weil interne Weiterbeschäftigungsmöglichkeiten inzwischen geringer seien.
Schon die einzelnen Lebensgeschichten dahinter machen die Dimension sichtbar. Spies bezeichnete die Folgen für die Beschäftigten als schwerwiegend: Einige hätten in der Region Häuser gebaut und ihre Kinder dort eingeschult. Ein Arbeitsplatzwechsel ist dann eben kein Haken auf einer Liste, sondern kann den gesamten Alltag verschieben.
Die Stadt verzeichnet wegen der Entwicklungen rückläufige Gewerbesteuereinnahmen. Während des Biontech-Booms in der Corona-Pandemie waren diese zeitweise stark gestiegen. Trotzdem sieht Spies keinen Niedergang des Pharma-Standorts. Marburg bleibe ein bedeutender Produktionsstandort; Produkte aus der Stadt würden unter anderem in Rettungswagen und Intensivstationen eingesetzt.
Der Oberbürgermeister fordert Unterstützung der Bundesregierung, damit der Standort auch für die Vorbereitung auf künftige Pandemien arbeitsfähig bleibt. Zugleich bauen auch andere Pharmaunternehmen in Marburg Stellen ab oder reduzieren Forschungsaktivitäten. CSL Behring kündigte unter anderem Sparmaßnahmen und Personalabbau an. Nach Schätzungen der IGBCE könnten in Marburg insgesamt bis zu 1.500 Arbeitsplätze wegfallen.
Ein neuer Hub im alten Forschungsgebäude
Die Stadt und die Philipps-Universität wollen trotz der Einschnitte eine geplante Gründerdrehscheibe für Pharma, Biotechnologie und Life Sciences umsetzen. Dafür soll das Forschungs- und Entwicklungsgebäude von CSL Innovation genutzt werden, das vor rund dreieinhalb Jahren eröffnet wurde.
Der Campus zwischen Marbach und Michelbach kostete etwa 150 Millionen Euro und verfügt über Labor- und Büroflächen. Künftig sollen dort Wissenschaftler und Branchenexperten gemeinsam arbeiten können. CSL erklärte, die Nutzung der vorhandenen Infrastruktur stärke den Forschungsstandort Marburg.
Der geplante Innovations-Hub soll das Gebäude möglichst durch mehrere Unternehmen weiter nutzen, eine Forschungsaußenstelle der Universität aufnehmen und betroffenen Beschäftigten neue berufliche Perspektiven eröffnen. Zwei ehemalige CSL-Innovation-Mitarbeiter beraten bereits Gründer bei ihren Vorhaben. Ein Anfang, mehr nicht – aber immerhin stehen die Räume nicht einfach leer.
Der von Innexis geplante offene Campus im nördlichen Bereich des früheren Berghofs in Marbach dürfte durch die neuen Pläne entfallen. Innexis, damals noch Pharmaserv, hatte den Baubeginn dieses Campus wegen fehlender Ankermieter und geringer Investitionsbereitschaft bereits zweimal verschoben.
CSL mit Sitz in Melbourne ist auf plasmabasierte Therapien für seltene Erkrankungen spezialisiert. Nexelis unterstützt Pharmaunternehmen unter anderem mit Laborinfrastruktur bei Forschung und Produktentwicklung. Das Marburger Werk ging aus der früheren GSK Vaccines Marburg GmbH hervor.
Branche wächst – und findet trotzdem kaum Leute
Der Blick auf Deutschland macht die Marburger Entwicklung widersprüchlich. Die Beschäftigung in der Pharmaindustrie ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen und entwickelte sich damit entgegen dem Trend vieler anderer Industriebranchen. 2024 arbeiteten rund 133.000 Menschen in Unternehmen, die pharmazeutische Erzeugnisse herstellen – leicht mehr als im Vorjahr.
Einschließlich der gesamten chemisch-pharmazeutischen Industrie waren rund 145.000 Menschen beschäftigt. Pharma Deutschland bezeichnet die Branche als wichtigen Arbeitgeber innerhalb der industriellen Gesundheitswirtschaft. Sie bietet zahlreiche hochqualifizierte Industriearbeitsplätze und beschäftigt viele akademische Fachkräfte in MINT-Berufen sowie in der Gesundheitsforschung.
Forschende Pharmaunternehmen beschäftigten in Deutschland rund 100.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, mehr als 20.000 davon in Forschung und Entwicklung. Dieser Anteil zählt laut Pharma Deutschland zu den höchsten im Industrievergleich.
Gleichzeitig verschärft sich der Fachkräftemangel. In pharmarelevanten Berufen fehlen derzeit rund 176.000 qualifizierte Arbeitskräfte, besonders in produktionsnahen Berufen wie der Chemie- und Pharmatechnik. Auch in Forschung, Entwicklung und IT gibt es erhebliche Personalengpässe; in manchen Bereichen bleibt nahezu jede vierte Stelle unbesetzt.
Dorothee Brakmann erklärte, das größte Risiko der Wachstumsbranche sei derzeit nicht eine fehlende Nachfrage, sondern fehlendes Personal. In Marburg klingt dieser Satz gerade eigenartig fern und zugleich ziemlich nah: Hier verschwinden Stellen, während anderswo dringend Fachkräfte gesucht werden. Der geplante Hub zwischen Marbach und Michelbach soll nun zeigen, ob aus Laboren, die für Schließung und Abbau stehen, tatsächlich wieder neue Arbeit entstehen kann.
