TransMIT: Wie drei Hochschulen seit 30 Jahren Forschung in Innovation verwandeln
An der Uni Gießen ist Technologietransfer seit 30 Jahren mehr als ein Schlagwort. 1996 wurde die TransMIT GmbH als Gemeinschaftsprojekt der mittelhessischen Hochschulen, Volksbanken und Sparkassen sowie der Industrie- und Handelskammer Gießen-Friedberg gegründet. Dahinter stand die damalige Kritik, Forschende in Deutschland seien zu weit von der Wirtschaft entfernt.
Heute vermittelt die in Gießen ansässige Gesellschaft wissenschaftliches Know-how zwischen Forschung und Praxis. Ihre Professoren arbeiten in sogenannten TransMIT-Zentren, inzwischen 185 Business Units. Dort bieten Wissenschaftler Unternehmen und öffentlichen Einrichtungen Produkte, Dienstleistungen und Fachwissen an – von Abfallmanagement, Architektur, Materialforschung und Hämotherapie bis zu IP-basierter Kommunikation, Quantencomputing und Veranstaltungsschallschutz.
Ein Zuhause für Ideen – und für junge Forschende
Die Zentren stammen insbesondere aus den drei Gesellschafterhochschulen: der Justus-Liebig-Universität Gießen, der Technischen Hochschule Mittelhessen und der Philipps-Universität Marburg. Rund 1.700 Forscher haben sie in den vergangenen 30 Jahren durchlaufen. Nach Angaben der TransMIT wären viele ohne die Gesellschaft vermutlich nicht in der Region geblieben. Genau das ist ein weiteres Ziel: junge Wissenschaftler und ihre Entwicklungen zumindest zeitweise in Mittelhessen zu halten.
Die Zahlen schwanken je nach Darstellung und Zeitpunkt: Die TransMIT GmbH nennt rund 160 Angestellte, nach Angaben aus dem Umfeld arbeiten von insgesamt 170 Beschäftigten derzeit rund 140 in Zentren und Projekten. Vor fünf Jahren waren es insgesamt 160 Mitarbeiter. Zusätzlich vermittelt die Gesellschaft Potenziale von etwa 7.000 Wissenschaftlern aus mehreren Forschungseinrichtungen innerhalb und außerhalb Hessens.
Aus den Zentren entstanden bislang zwölf eigenständige GmbHs. Geschäftsführer Peter Stumpf bezeichnet die TransMIT als „Prä-Inkubator“, der Hessen bei der Gründung weiterer Start-ups unterstützen könne. Der promovierte Physiker arbeitet seit 1998 bei der Gesellschaft und leitet ihre Geschäfte seit 2002. Die Kundschaft reicht von Pharma und Medizin über Biotechnologie, Chemie und Automobilindustrie bis zu Anlagen- und Maschinenbau, Elektrotechnik, Optik, Informationstechnologie, Neuen Medien, Telekommunikation, Handel und Dienstleistungen.
Zu den Referenzprojekten gehören das „timm-Clustermanagement für die Medizinwirtschaft in Mittelhessen“, das Mathematikum, H-IP-O (Hessische Intellectual Property Organisation), die Aktionslinie hessen-teleworking und hessen-biotech!, das Wissenschaftsportal der European Polymer Federation (EPF) sowie die BMWi-SIGNO-Projekte „KMU-Patentaktion“ und „Erfinderfachauskunft“.
Patente, Oxford und ein möglicher Standort in Marburg
Auch die Verwertung von Patenten mehrerer Hochschulen außerhalb Mittelhessens gehört zum Geschäft. In zwei Rankings im Auftrag von Bundesministerien belegte die TransMIT jeweils Platz 1 unter 21 größeren Technologietransfer-Unternehmen in Deutschland. Die Patente betreffen unter anderem neue Wirkstoffkandidaten, Materialien und Elektromotoren.
Stumpf möchte daraus künftig ein europäisches Innovationsnetzwerk entwickeln. Die Europäische Union befürworte solche Zusammenschlüsse, sagt er. Gespräche mit der Universität Oxford, die eine auf Innovationen spezialisierte Tochtergesellschaft betreibt, haben bereits stattgefunden; dort sei die Idee positiv aufgenommen worden. Weitere mögliche Partner sieht Stumpf in Frankreich und Polen. In Frankreich entstanden in den vergangenen Jahren mehrere Gesellschaften zur Förderung des Technologietransfers aus Hochschulen. Vorausgegangen war Kritik des damaligen französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy an zu wenigen Hochschulinnovationen und deren Folgen für den Arbeitsmarkt.
Ganz konkret könnte sich die TransMIT außerdem in Marburg engagieren. Im Gebäude der von der schrittweisen Schließung betroffenen CSL Innovation könnte ein Start-up-Zentrum entstehen. Die Initiative ging von Beschäftigten der CSL Innovation aus. Entwicklungen aus dem Bereich der Lebenswissenschaften könnten dort weiter gefördert werden. Eine Entscheidung steht noch aus; die Philipps-Universität und die Stadtverwaltung Marburg haben laut Stumpf positive Signale gegeben.
Was aus drei Hochschulen entstand
Die TransMIT war der Beginn der Zusammenarbeit der drei mittelhessischen Hochschulen. Später führte diese Kooperation unter anderem zum Forschungscampus Mittelhessen im Rahmen der Exzellenzinitiative; die Technische Hochschule Mittelhessen ist dort assoziierter Partner. Die Gesellschaft gilt als eine der ältesten Technologietransfergesellschaften Deutschlands.
Ob sie mit ihren Zentren in der bisherigen Form weiterbesteht, ist allerdings offen. Die Universität Marburg erklärt, die Gründung habe 1996 ein neues Kapitel für die mittelhessischen Hochschulen eröffnet und ihren Wissenstransfer maßgeblich unterstützt. Die Universitäten Gießen und Marburg prüfen derzeit, wie die TransMIT für die kommenden Jahre als Teil eines mittelhessischen Innovations- und Transferökosystems aufgestellt werden soll. Zur Prüfung gehört offenbar auch die Frage, wie die Umsätze der TransMIT den drei Partnerhochschulen zugerechnet werden könnten.
Vom Schutzrecht bis zum Lizenzvertrag
Wie Technologietransfer praktisch aussehen kann, zeigt auch die Plattform technologietransfer.de. Sie bietet Technologietransfer, Lizenzvermittlung und Schutzrechtsverwertung für Erfinder, Unternehmen und Forschungseinrichtungen an. Erfinder und Startups erhalten Unterstützung bei der Entwicklung eines vermarktbaren Lizenzangebots und bei der Suche nach Industriepartnern. Unternehmen können passende Schutzrechte, Technologien und Innovationen zur Ergänzung ihres Produktportfolios recherchieren. Universitäten und Forschungseinrichtungen sollen Forschungsergebnisse in die Wirtschaft bringen und Industriekooperationen aufbauen.
Der dort beschriebene Weg hat vier Stufen: Zunächst werden technische und rechtliche Qualität sowie das Marktpotenzial eines Schutzrechts analysiert. Danach folgen die Bewertung von Markt und Zielgruppen sowie die Suche nach relevanten Branchen, Wettbewerbern und Lizenznehmern. Anschließend werden potenzielle Lizenznehmer aus einem weltweiten Netzwerk gezielt angesprochen. Verhandlungen werden bis zum Lizenzvertrag und darüber hinaus begleitet.
Zur Lizenzierung verfügbar sind unter anderem ein patentiertes, minimal-invasives Schneidinstrument für die Arthroskopie, das präzise Gewebeentfernung mit reduziertem Blutverlust und schnellerer Heilung ermöglichen soll, sowie ein biobasierter, hochfester und kompostierbarer Verbundwerkstoff als Kunststoffersatz für Verpackungen und Konsumgüter. Dazu kommen eine KI-gestützte Qualitätskontrolle mit selbstlernender Bilderkennung zur Echtzeit-Fehlerdetektion in Produktionsprozessen, ein Latentwärmespeicher für Industrieanlagen mit 40 Prozent höherer Kapazität zur Prozesswärme-Rückgewinnung, eine selbstnachstellende Kupplungseinheit zur automatischen Verschleißkompensation und ein ergonomisches Griffsystem für Heimwerkzeuge mit aktiver Vibrationsdämpfung, das die Ermüdung um bis zu 60 Prozent reduzieren soll.
Für die ersten Schritte gibt es eine Checkliste zur Patentbewertung als PDF, Vorlagen für Lizenzverträge als editierbare DOCX-Dateien, Pitchdeck-Vorlagen für Gespräche mit Investoren und Lizenznehmern, ein KI-gestütztes Online-Tool zur ersten Bewertung technischer Ideen in einer Beta-Version sowie Vorlagen für Markt- und Wettbewerbsanalysen. Online-Kurse zu Lizenzstrategie, Patentbewertung und Verhandlungsführung werden mit Zertifikat angeboten.
Die Plattform nennt mehr als 500 abgeschlossene Projekte, über 30 Jahre Marktpräsenz und eine Weiterempfehlungsquote von 98 Prozent. Als Arbeitsweise führt sie langjährige Erfahrung im Innovationsmanagement, ein weltweites Netzwerk aus Industrie, Erfindern und Investoren, den Fokus auf praktische Verwertung und Lizenzabschlüsse, vertrauliche und persönliche Betreuung sowie individuelle Strategien für einzelne Schutzrechte an.
Adressiert werden Privatpersonen und Tüftler mit Patent oder technischer Idee ebenso wie kleine, mittlere und große Unternehmen mit Bedarf an externem Know-how oder an der Verwertung eigener Schutzrechte. Auch Hochschulen und Forschungseinrichtungen sowie Investoren und Unternehmen auf der Suche nach lizenzierbaren Technologien gehören zu den Zielgruppen.
Im Wissensbereich stehen Beiträge wie „Wie Sie den richtigen Lizenznehmer für Ihr Patent finden“ vom 12. April 2024, „Exklusiv vs. nicht-exklusiv: Welches Lizenzmodell passt zu Ihrer Erfindung?“ vom 28. März 2024 und „EXIST, WIPANO & Co: Förderprogramme für Erfinder und Startups 2024“ vom 15. März 2024.
Wer zunächst nur wissen möchte, ob eine Idee trägt, kann eine kostenlose und vertrauliche Ersteinschätzung für Patente, Gebrauchsmuster, Marken, technische Ideen ohne Schutzrecht und sonstige Anfragen anfordern. Versprochen werden eine Antwort innerhalb von 48 Stunden, eine individuelle Strategie, kein Risiko und keine versteckten Kosten sowie ein persönlicher Ansprechpartner. Für manche Erfinder dürfte das der angenehmere Einstieg sein als ein
