Bucerius Kunst Forum bringt die verlorenen Sammlungen jüdischer Mäzene zurück
Im Hamburger Bucerius Kunst Forum werden Werke aus den Sammlungen der jüdischen Kunstsammler Max Silberberg und Antonie Lessing wieder zusammengeführt. Die Ausstellung erzählt von jüdischen Mäzenen, die die Moderne förderten – und während der NS-Zeit ihre Sammlungen verloren. Kunst, die von den Nationalsozialisten diffamiert wurde, hängt hier erneut im Zusammenhang. Zugleich macht die Schau die Namen und die Bedeutung der betroffenen Sammler sichtbar.
Der Anlass ist ernst, aber die Ausstellung bleibt nicht bei einer anonymen Geschichte von Verlust und Verfolgung stehen. Hinter jedem Bild stehen Menschen, Entscheidungen, Beziehungen – und ein Leben, das durch den NS-Terror auseinandergerissen wurde. Der Artikel von Dagmar Leischow erschien am 26. September 2026.
Vom Sohn eines Schneiders zum Kunstsammler
Max Silberberg wurde 1878 als Sohn des Schneiders Isidor Silberberg in Neuruppin geboren. Die assimilierte jüdische Familie lebte in einfachen Verhältnissen. Anders als seine Schwester Margarete, die Schneiderin wurde, besuchte Max das Gymnasium. Nach seinem Militärdienst zog die Familie nach Beuthen in Oberschlesien. Dort erlernte Silberberg vermutlich einen kaufmännischen Beruf.
Mit 24 Jahren wurde er Prokurist der Metallverarbeitungsfabrik M. Weißenberg. Das Unternehmen stellte feuerfeste Baustoffe für Hochöfen her und gehörte einem Magnesitwerke-Kartell an. Silberberg heiratete Johanna Weißenberg, die Tochter des Firmeneigentümers, und wurde Mitinhaber. Ihr Sohn Alfred kam am 8. November 1908 zur Welt.
1920 zog die Familie nach Breslau und bewohnte dort eine große Villa in der Landsberger Straße 1–3. Architekt August Endell entwarf 1923 das Esszimmer samt Möbeln und Teppich im Stil des Art déco. Man kann sich diesen Raum heute leicht vorstellen: klare Linien, glänzende Oberflächen, ein Interieur, das die Moderne nicht nur sammelte, sondern bewohnbar machte.
Silberberg baute eine bedeutende Kunstsammlung mit überwiegend deutschen und französischen Werken des 19. und 20. Jahrhunderts auf. Dazu kam eine umfangreiche, vor allem französischsprachige Kunstbibliothek zur modernen Kunst. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gehörte seine Sammlung zu den bedeutenden privaten Kunstsammlungen im Deutschen Reich.
Möglicherweise wurde Silberberg beim Aufbau von Heinz Braune beraten, der ab 1916 Direktor des Schlesischen Museums der bildenden Künste in Breslau war. Unter Braune öffnete sich das zuvor gegenüber moderner Kunst zurückhaltende Museum stärker für moderne Strömungen. Drei Schenkungen Silberbergs gelten als Hinweise auf einen Austausch mit Braune: ein Stillleben von Carl Schuch sowie Zeichnungen von Hans Purrmann und Max Beckmann.
Da Breslau keinen bedeutenden Kunsthandel besaß, kaufte Silberberg viele Werke über den Berliner Kunsthandel. Besonders Paul Cassirer beriet ihn. Außerdem stand Silberberg mit dem Kunsthistoriker Julius Meier-Graefe in Kontakt und traf Künstler wie Max Liebermann, Georg Kolbe und Hans Purrmann. Weitere Erwerbungen kamen aus der Galerie Thannhauser in Luzern, von Berliner „Russenauktionen“ und direkt aus anderen Privatsammlungen.
Dazu gehörten unter anderem eine frühere Eremitage-Zeichnung von Greuze, Claude Monets „Boote auf der Seine“ sowie Werke aus den Sammlungen Adolf Rothermundt und Leo Lewin. Der Gesamtumfang der Sammlung wird auf etwa 130 bis 250 Gemälde, Zeichnungen und Plastiken geschätzt. Grundlage dafür sind Beschreibungen aus deutschen Zeitschriften sowie Auktionskataloge von 1932 und 1935/36. Die Erwerbungen reichen von Silberbergs Zeit in Beuthen bis 1931.
Eine Sammlung zwischen Realismus und Avantgarde
Im Mittelpunkt standen deutsche und französische Kunst des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Zu den wenigen älteren Stücken gehörten eine Greuze-Zeichnung sowie Pokale und Becher aus Renaissance und Barock. Die deutsche Abteilung umfasste Werke von Wilhelm Leibl, Wilhelm Trübner, Hans von Marées, Carl Schuch, Max Liebermann, Lovis Corinth, Adolph Menzel, Hans Purrmann, Otto Müller und Georg Kolbe.
Aus dem deutschsprachigen Ausland besaß Silberberg Zeichnungen von Gustav Klimt und Paul Klee sowie Ferdinand Hodlers „Stockhornkette mit Thunersee“. Die französische Sammlung konzentrierte sich auf Realismus und Impressionismus. Vertreten waren Eugène Delacroix, Camille Corot, Honoré Daumier, Adolphe Monticelli, Jean-François Millet und Gustave Courbet. Von Courbet befanden sich unter anderem „Grand Pont“, „Lesendes junges Mädchen“ und „Der Felsen in Hautepierre“ in der Sammlung.
Bei den Impressionisten fanden sich Édouard Manet, Pierre-Auguste Renoir, Claude Monet, Alfred Sisley, Camille Pissarro und Edgar Degas. Die spätimpressionistische Abteilung umfasste Werke von Paul Cézanne und Vincent van Gogh. Außerdem besaß Silberberg Arbeiten von Paul Signac, Georges Braque, Georges Seurat, Alexej von Jawlensky und Paul Klee.
Auch Skulpturen gehörten dazu: Ernst Barlachs Holzfigur „Die Trauer“ aus dem Besitz der Schauspielerin Tilla Durieux sowie weitere Skulpturen und Kleinbronzen von August Gaul, Auguste Rodin, Aristide Maillol, Constantin Meunier, Renée Sintenis und Henri Matisse.
Silberberg war nicht bloß Käufer. Er engagierte sich im Breslauer Kulturleben und veranstaltete Vorträge, unter anderem zur Geschichte des Judentums. Für die Bewahrung jüdischer Kulturgeschichte setzte er sich ebenfalls ein und war Mitbegründer des Vereins Jüdisches Museum in Breslau. Seit März 1928 war er dessen erster Vorsitzender.
1929 organisierte er gemeinsam mit Erwin Hinze, dem Direktor des Breslauer Schlossmuseums, die Ausstellung „Das Judentum in der Geschichte Schlesiens“. Als Mäzen stiftete Silberberg dem Jüdischen Museum einen silbernen Toraschild und einen silbernen Thorazeiger aus dem 18. Jahrhundert. Außerdem gehörte er dem Kuratorium des Schlesischen Museums der bildenden Künste und dem Vorstand der Gesellschaft der Kunstfreunde an.
Enteignung, Flucht und Mord
Mit der nationalsozialistischen Machtübernahme begann Silberbergs systematische Ausgrenzung, Entrechtung und Enteignung. Alle öffentlichen Ämter verlor er. 1932 hatte er wegen der Weltwirtschaftskrise bereits in Paris 30 bedeutende Werke versteigert, darunter Gemälde von Monet, van Gogh und Renoir. Was danach geschah, war keine freie Neuordnung seines Besitzes, sondern der schrittweise Zugriff des Regimes.
1935 empfahl SS-Sturmbannführer Ernst Müller, Silberbergs Villa für den SS-Sicherheitsdienst zu nutzen. Silberberg musste das Haus weit unter Wert verkaufen. Danach zog die Familie in eine kleine Mietwohnung. Der größte Teil seiner Kunstsammlung und Bibliothek wurde in mehreren Auktionen beim Berliner Auktionshaus Graupe versteigert. Unter den veräußerten Werken waren Arbeiten von Menzel, Degas, Cézanne und Rodin.
Während der Novemberpogrome 1938 wurde Alfred Silberberg in das KZ Buchenwald verschleppt und dort acht Wochen festgehalten. Er durfte das Lager nur unter der Bedingung verlassen, Deutschland sofort zu verlassen. Alfred und seine Frau Gerta emigrierten kurz darauf nach Großbritannien.
Für Max Silberberg verschärften diskriminierende Abgaben wie die Judenvermögensabgabe die finanzielle Lage. Zusätzlich musste er Reichsfluchtsteuer zahlen, obwohl er und Johanna nicht ausreisten. Im November 1938 wurde die Firma Weißenberg „arisiert“ und ging an den Breslauer Industriellen Carl Wilhelm über.
Das Finanzamt Breslau-Süd verpfändete Silberbergs Besitz wegen angeblicher Steuerschulden. Er lebte nun in ärmlichen Verhältnissen. Einige verbliebene Kunstwerke musste er an das Schlesische Museum der bildenden Künste verkaufen; der Erlös ging an die arisierte Firma Weißenberg.
Das Museum ließ außerdem Carl Schuchs „Stillleben mit Äpfeln und Porree“ abholen, obwohl Silberberg es 1920 gestiftet hatte und es bis zu seinem Tod in seiner Wohnung bleiben sollte. Der verbliebene Rest der Sammlung – Zeichnungen und Kleinplastiken von Georg Kolbe – wurde 1940 vom Breslauer Museum der bildenden Künste „arisiert“.
Ende 1941 erhielt Alfred im
