Heute, am 27.09.2026, wirkt die Hitze des Sommers in Greifswald vielleicht schon weit weg. Die Luft ist kühler, die Fenster bleiben wieder länger geschlossen. Doch ihre Folgen reichen zurück: Das Robert Koch-Institut beziffert die zusätzlichen hitzebedingten Todesfälle in Deutschland in diesem Sommer auf 16.000.

Hitze tötet dabei nicht immer unmittelbar. In Einzelfällen ist es ein Hitzeschlag, meist aber das Zusammenspiel von hoher Temperatur und bestehenden Erkrankungen. Besonders deutlich steigen bei Hitze die Sterbefälle mit neurologischen Ursachen, etwa Demenz. Auch Atemwegserkrankungen treten häufiger als Todesursache auf. Herz-Kreislauf-Erkrankungen nehmen ähnlich stark zu wie die Gesamtsterblichkeit in der jeweiligen Altersgruppe. Geringer fallen die Anstiege bei Krebserkrankungen, Krankheiten des Verdauungssystems sowie Verletzungen, Vergiftungen und anderen äußeren Ursachen aus.

Ein Antrag, zwei Lager – und kein Koalitionsvorschlag

In einer Bundestagsdebatte beantragten Grüne und Linke, eine Gemeinschaftsaufgabe für Klimaanpassung und Hitzeschutz beziehungsweise Naturschutz im Grundgesetz zu verankern. Der Koalitionsvertrag von Union und SPD enthält bereits einen Prüfauftrag für eine solche Gemeinschaftsaufgabe. Einen eigenen Koalitionsantrag gab es jedoch nicht.

Einige SPD-Abgeordnete signalisierten Unterstützung für den Antrag der Grünen. In der CDU reichten die Positionen von klarer Ablehnung bis zu vorsichtiger Zustimmung. Am Ende stimmten Union und SPD geschlossen gegen den Grünen-Antrag. Der Antrag der Linken wurde an den Ausschuss überwiesen. Bei der Grundgesetzänderung zugunsten einer Gemeinschaftsaufgabe stellte sich die Mehrheit des Bundestags damit zunächst gegen eine engere institutionelle Verbindung von Sozial- und Klimapolitik.

Die Umweltjuristin Sabine Schlacke kritisiert, dass die Politik nach Hitzewellen rasch zum Tagesgeschäft zurückkehrt. Nötig sei mehr Geld für Hitzeschutz in Städten und ländlichen Regionen: öffentliche Räume könnten begrünt, Wasserspeicher nach dem Schwammstadt-Prinzip angelegt und geschädigte Moorböden wiedervernässt werden. Schlacke ist Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung für Globale Umweltveränderungen, des WBGU, der zeitgleich zur Bundestagsdebatte sein Gutachten „Gesellschaftlicher Zusammenhalt stärkt Sicherheit“ veröffentlichte.

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Wenn Klimaschutz zur sozialen Frage wird

Der WBGU untersucht darin, wie Sicherheit angesichts von Krisen und gesellschaftlichen Umbrüchen neu gedacht werden kann. Globale Bedrohungen wie der Klimawandel, so der Beirat, lassen sich nur gemeinschaftlich bewältigen. Gleichzeitig warnt er vor einer tiefen gesellschaftlichen Spaltung bei den Konzepten, mit denen diese Risiken bearbeitet werden sollen. Damit die Demokratie handlungsfähig bleibt, müssten Spaltungstendenzen gezielt verringert werden.

Die Akzeptanz von Klimaschutz steigt laut Gutachten deutlich, wenn Maßnahmen als fair wahrgenommen werden. Armut und soziale Ungleichheit zu verringern, führt allein allerdings nicht automatisch zu größerer Zustimmung zur Klimapolitik. Ebenso entscheidend seien stärkere kommunale Mitbestimmung und bessere politische Kommunikation.

Sozial benachteiligte Gruppen tragen die Folgen der Erderwärmung besonders stark. Viele Betroffene können weder ihre Wohnung ausreichend kühlen noch weitere CO₂-Einsparungen finanzieren, obwohl sie häufig zu den Menschen mit den niedrigsten Emissionen gehören. Das ist der unangenehme Widerspruch: Wer wenig zur Klimakrise beiträgt, sitzt oft in den heißesten vier Wänden.

Der WBGU empfiehlt deshalb, Umwelt- und Sozialpolitik strukturell enger zu verbinden, etwa durch eine interministerielle Arbeitsgruppe. Ein „Superministerium“ lehnt Schlacke wegen der Themenbreite ab. Stattdessen sollten bestehende Referate ausgebaut und Länder sowie Kommunen stärker einbezogen werden, denn sie tragen bei vielen Maßnahmen die finanziellen Lasten.

Als Instrumente nennt das Gutachten ein sozial gestaffeltes Klimageld, Klimasozialpläne und eine stärkere Vermögensbildung für untere und mittlere Einkommen. Hinzu kommen eine Reform der Besteuerung von Erbschaften und Schenkungen sowie die Prüfung einer wirtschaftlich effizienten und bürokratiearmen Vermögensteuer – im Rahmen der Vorgaben des Bundesverfassungsgerichts.

Fortschritte sieht Schlacke bei der Beteiligung von Bürgern und Gemeinden an Windenergieprojekten. In einigen Bundesländern gibt es Zweckbindungen für die daraus entstehenden Mittel, etwa für die Sanierung kommunaler Gebäude sowie für Kultur und Bildung. Die WBGU-Empfehlungen bleiben an manchen Stellen allerdings allgemein. Eine konkrete Forderung nach einem 29-Euro-Deutschlandticket findet sich nicht im Gutachten. Schlacke erklärt, die Maßnahme könne zwar aus den allgemeinen Empfehlungen abgeleitet werden; ausdrücklich empfohlen habe der Beirat sie wegen einer möglichen Überschreitung seines Mandats nicht.

Was Hitze im Körper anrichtet

Hitzeperioden führen in Deutschland regelmäßig zu einem Anstieg der Sterblichkeit. Ein hitzebedingter Anstieg der Gesamtsterblichkeit wird typischerweise ab einer Wochenmitteltemperatur von etwa 20 °C sichtbar. Da Hitze meist nicht als zugrunde liegende Todesursache eingetragen wird, muss das Ausmaß der hitzebedingten Sterbefälle mithilfe statistischer Methoden geschätzt werden.

Besonders gefährdet sind ältere Menschen mit neurologischen Erkrankungen wie Demenz sowie Personen mit vorbestehenden Herz-Kreislauf- oder Lungenerkrankungen. Deutschland muss infolge des Klimawandels mit häufiger auftretender extremer Hitze rechnen. Sie kann Gesundheit und Wohlbefinden beeinträchtigen, bestehende Herz-Kreislauf-, Atemwegs- und Nierenerkrankungen verschlimmern und bei bestimmten Medikamenten schwere Nebenwirkungen auslösen. Während Hitzeperioden steigen die Sterbefälle deutlich – die Gefahr betrifft die gesamte Bevölkerung, wird aber durch individuelle Risikofaktoren und eine hohe Hitzeexposition im Lebensumfeld verstärkt.

International werden zum Schutz vor solchen Folgen Hitzeaktionspläne empfohlen. Sie sollen zentral koordiniert, ressortübergreifend umgesetzt und mit Maßnahmen des präventiven Gesundheitsschutzes sowie der Gesundheitsförderung verbunden werden. Auf Bundesebene gehören dazu das Hitzewarnsystem des Deutschen Wetterdienstes zur frühzeitigen Erkennung bevorstehender Hitzeperioden, gesundheitsbezogene Kommunikationsangebote, unter anderem des Bundesinstituts für öffentliche Gesundheit, und das kontinuierliche Monitoring der gesundheitlichen Auswirkungen durch das RKI.

Das RKI veröffentlicht in der Regel von Juni bis September Wochenberichte zur hitzebedingten Mortalität, sobald die Wochenmitteltemperatur in Deutschland 20 °C übersteigt. In den Sommermonaten erscheinen die Berichte üblicherweise jeweils donnerstags. Der Wochenbericht zur hitzebedingten Mortalität für Kalenderwoche 37/2026 umfasst den Zeitraum vom 7. bis 13. September 2026 und ist der letzte Bericht des Sommers 2026. Ein Archiv der Wochenberichte ist seit 2023 verfügbar.

Warnungen, Notaufnahmen und die offene politische Frage

Das RKI arbeitet intersektoral mit dem Bundesministerium für Gesundheit, den genannten Behörden und weiteren Instituten zusammen. International beteiligt es sich am Committee Climate Change and Public Health der International Association of National Public Health Institutes, IANPHI. Außerdem stellt das Institut FAQ zu Klimawandel, Gesundheit und Hitzebelastung bereit, Stand: 31. August 2026.

Über die syndromische Notaufnahmesurveillance veröffentlicht das RKI ganzjährig in einem interaktiven Dashboard Informationen zu akuten Erkrankungen in deutschen Notaufnahmen. Im Juli 2026 wurde die Berichterstattung um einen Indikator für hitzeassoziierte Notaufnahmevorstellungen erweitert. Weitere Informationen und öffentlich zugängliche aggregierte Daten stehen auf der Website der Notaufnahmesurveillance bereit. Dazu kommen weitere Daten und Publikationen, eigene Forschung, externe Links und Empfehlungen zum Thema Hitze.

Wie eine stärkere Zusammenarbeit von Sozial- und Klimapolitik umgesetzt wird, muss die Politik entscheiden. Sicher ist nur: Die nächste heiße Woche wartet nicht auf eine Grundgesetzänderung. Und in Greifswald wie anderswo werden dann wieder Fenster geöffnet, Ventilatoren angeworfen und die Warnmeldungen des Deutschen Wetterdienstes gelesen.