An der Universität Vechta ging es am 26. September 2026 um eine Frage, die im Alltag schnell nach hinten rückt – bis plötzlich Strom, Diesel oder bestimmte Betriebsmittel fehlen: Wie bleibt Niedersachsen auch in Krisenzeiten ernährungssicher? Rund 120 Personen kamen zur Fachtagung „Vorsorgen statt reagieren: Wege zur Ernährungssicherheit in Niedersachsen“.

Eingeladen hatten der Verbund Transformationsforschung agrar Niedersachsen (trafo:agrar) und das Netzwerk EIP Agrar & Innovation Niedersachsen. Pandemie, Energiekrise, geopolitische Konflikte und Extremwetter haben die Rahmenbedingungen verändert. Landwirtschaftliche Betriebe und regionale Wertschöpfungsketten müssen deshalb überlegen, wie sie bei möglichen Engpässen bei Energie, Treibstoff und Betriebsmitteln handlungsfähig bleiben.

Vorsorge statt völliger Unabhängigkeit

Vertreterinnen und Vertreter aus Landwirtschaft, Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Beratung diskutierten langfristige Strategien: kritische Abhängigkeiten verringern, Innovationen in der Landwirtschaft voranbringen, regionale Wertschöpfungsstrukturen stärken und neue Wege im Umgang mit Energie und Ressourcen finden.

Dr. Barbara Grabkowsky, Leiterin von trafo:agrar, hob dabei Sensibilisierung, Kommunikation und belastbare Netzwerke hervor. Es geht nicht darum, sich vollständig von überregionalen Strukturen abzukoppeln. Gefragt sind ein bewusster Umgang mit Abhängigkeiten, verfügbare Alternativen und größere regionale Handlungsspielräume – also ein Plan B, bevor es brennt.

Wie das praktisch aussehen kann, zeigten mehrere Praxisbeispiele, Start-ups und EIP-Projekte: „BlaubaD“ setzt auf Blaulicht-Desinfektion, um Lebensmittelabfälle zu reduzieren. „Algen-EPA“ erzeugt Omega-3-Fettsäuren direkt auf dem Hof, während „Stallgrün“ Gemüseanbau im Schweinestall erprobt. Bei „Seedalive“ helfen KI-gestützte Keimfähigkeitstests bei einer präziseren Anbauplanung.

Hier könnte Ihr Advertorial stehen
Ein Advertorial bietet Unternehmen die Möglichkeit, ihre Botschaft direkt im redaktionellen Umfeld zu platzieren

Timo Hoffmann stellte außerdem mit „Microfarming Farm Ammerland“ einen Ansatz für diversifizierte landwirtschaftliche Produktion vor. Thorsten Dralle von der RegioMotion Beratungs GmbH präsentierte digitale Ressourcenmarktplätze, über die vorhandene Kapazitäten und Ressourcen regional vermittelt werden können. Das klingt zunächst nach Plattformökonomie – im Ernstfall kann es aber schlicht bedeuten, dass jemand weiß, wo noch ein Generator, ein Lagerplatz oder eine freie Transportmöglichkeit zu finden ist.

AgriSecure nimmt Lieferketten unter die Lupe

Ein weiterer Schwerpunkt der Tagung war das Forschungs- und Transferprojekt „AgriSecure – Vorsorgeorientierte Stärkung der Ernährungssicherheit in Niedersachsen“. Das Niedersächsische Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz fördert das Projekt mit 1,5 Millionen Euro. Geleitet wird es vom Verbund Transformationsforschung agrar Niedersachsen (trafo:agrar) an der Universität Vechta; es läuft bis Dezember 2027.

AgriSecure untersucht kritische Abhängigkeiten in den niedersächsischen Agrar- und Ernährungssystemen und entwickelt Vorsorgestrategien. Im Zentrum stehen die Stabilität und Handlungsfähigkeit der Wertschöpfungsketten der Agrar- und Ernährungswirtschaft – auch dann, wenn Krisen den normalen Ablauf ordentlich durcheinanderbringen.

Erfahrungen aus der COVID-19-Pandemie und dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine haben gezeigt, wie anfällig Wertschöpfungsketten unter Belastung sein können. Das Projekt analysiert bestehende Strukturen frühzeitig, identifiziert Schwachstellen und erarbeitet gemeinsam mit Wirtschafts- und Sozialpartnern konkrete Handlungsempfehlungen für widerstandsfähige Versorgungssysteme.

Untersucht werden unter anderem die Wertschöpfungsketten für Milch, Fleisch, Obst und Gemüse, Getreide sowie Kartoffeln. Auch die Funktionsfähigkeit des Lebensmittelmarktes, insbesondere Lebensmittelerzeugung und Vertrieb, soll im Krisenfall unterstützt werden. Im Blick stehen außerdem die Zusammenarbeit zwischen Staat, Wirtschaft, Verwaltung und Sozialpartnern sowie Energieversorgung und Energieautarkie.

Verbraucherschutzministerin Miriam Staudte erklärte, AgriSecure solle Abhängigkeiten frühzeitig sichtbar machen und konkrete Handlungsmöglichkeiten für Niedersachsen entwickeln. Dr. Stefanie Retz von trafo:agrar stellte erste Ansätze vor, die auf langfristig stabilere und anpassungsfähigere Wertschöpfungsketten zielen. Am Ende sollen „Vorsorge-Blaupausen“ für Niedersachsen entstehen – keine Schablonen für jede Lage, aber brauchbare Orientierung, wenn es schnell gehen muss.

Zum Projektverbund gehören trafo:agrar an der Universität Vechta, die Universität Göttingen, die Hochschule Osnabrück, das Agrar- und Ernährungsforum Nord-West sowie weitere Praxis-, Sozial-, Wirtschafts- und Netzwerkpartner. Bestehende Netzwerke wie das KRITIS-Netzwerk werden berücksichtigt und gegebenenfalls eingebunden. KRITIS bezeichnet Einrichtungen und Anlagen, die für die Daseinsvorsorge sowie für die Funktionsfähigkeit des Landes und die Bevölkerung von grundlegender Bedeutung sind.

Eine Aufgabe für viele Schultern

In den Diskussionen wurde Ernährungssicherheit als gemeinsame Aufgabe von Landwirtschaft, Unternehmen, Kommunen, Politik, Wissenschaft und Gesellschaft beschrieben. Fabian Storm, Leiter des Netzwerks EIP Agrar & Innovation Niedersachsen, verwies auf vorhandenes Fachwissen und bestehende Ideen, die nun für die Praxis zusammengeführt werden sollen.

Wie dringend solche Überlegungen sind, zeigt auch der Blick über Niedersachsen hinaus. Die Agrarminister der Länder berieten in Bad Reichenhall über die bundeseinheitliche Umsetzung der Ernährungsnotfallvorsorge. Dabei geht es um Maßnahmen für den Fall von Nahrungsmittelengpässen infolge von Naturkatastrophen oder anderen Krisen.

Die bayerische Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber fordert, die Landwirtschaft ebenso prioritär zu behandeln wie die Bundeswehr. Deutschland müsse im Verteidigungsfall auch Hunderttausende NATO-Soldaten mit Lebensmitteln versorgen können, argumentiert sie. Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer will die Landwirtschaft in Sicherheitsübungen der Bundeswehr einbeziehen und verlangt für Krisenzeiten weniger Bürokratie sowie mehr EU-Mittel für die Landwirtschaft.

Wie schnell entfernte Konflikte in den Alltag von Höfen hineinreichen können, zeigt das Beispiel der Straße von Hormus: Eine Sperrung könnte europäische Öl- und Düngerpreise beeinflussen. Nach Angaben des Agrarökonomen Matin Qaim deckt Deutschland etwa 83 Prozent seines Lebensmittelbedarfs selbst. Bei Getreide, Fleisch, Milch, Kartoffeln und Zucker liegt der Selbstversorgungsgrad über 100 Prozent. Obst, Gemüse, Pflanzenöle und Eier werden dagegen in großen Mengen importiert; dort liegt er deutlich unter 100 Prozent.

Auch der Stromausfall ist kein Planspiel, das man einfach beiseitelegt. Das bayerische Landwirtschaftsministerium befragte Betriebe dazu, wie sie bei einem längeren Ausfall ihre Tiere versorgen, Ställe belüften und Melkroboter mit Notstrom betreiben können.

Mehr Produktion oder weniger Abhängigkeit?

Die stärkere Priorisierung der Landwirtschaft hat allerdings auch einen strategischen Hintergrund: Angesichts der Bedeutung von Verteidigung und Sicherheit könnten zusätzliche Mittel begründet oder Kürzungen verhindert werden. Während früher Klima- und Artenschutz, Flächenstilllegungen und ein geringerer Düngereinsatz im Mittelpunkt standen, fordern konservative Agrarpolitiker und Verbände nun vor allem weniger Bürokratie und eine höhere Produktion.

Naturschutzverbände und Ökoanbauverbände kritisieren diesen politischen Kurswechsel. BUND-Vorsitzender Olaf Bandt fordert, die Landwirtschaft angesichts steigender Energie- und Betriebsmittelpreise unabhängiger von Importen zu machen. Vertreter des Ökolandbaus sehen im Verzicht auf synthetischen Dünger und Pflanzenschutzmittel eine Möglichkeit, Abhängigkeiten von Importen und Lieferketten zu reduzieren.

Naturschützer und Grünen-Politiker betonen zudem die Bedeutung intakter Ökosysteme für die Krisenvorsorge. Ökologischer Landbau kann allerdings mit geringeren Erträgen verbunden sein und steht damit im Gegensatz zur von konservativen Agrarpolitikern und Bauernverbänden geforderten Produktionssteigerung. Eine einfache Lösung passt da kaum auf ein Plakat.

Auf EU-Ebene wird derzeit über die Höhe der Agrarmittel ab 2028 beraten. Im Entwurf der EU-Kommission ist eine Kürzung der Mittel für den Agrarsektor um 20 Prozent vorgesehen.

Zum Abschluss der Veranstaltung an der Universität Vechta wurden sechs Nachwuchspreisträgerinnen und -preisträger des trafo:nachwuchspreises 2026 für ihre Arbeiten ausgezeichnet. Zwischen Forschung, Betriebspraxis und politischer Planung bleibt damit einiges zu tun – und zwar nicht erst, wenn die nächste Krise anklopft