Am 15. und 16. Oktober lädt die Universität Münster zum Symposium „200 Jahre Emanzipation durch Bildung – Alexander Haindorf und seine Vision“ ein. Im Zentrum stehen Haindorfs Leben, seine Zeit und seine Bildungsvision, die Geschichte der Marks-Haindorf-Stiftung sowie das Stiftungshaus am Kanonengraben 4 – ein Ort jüdischer Bildungs-, Verfolgungs- und Erinnerungsgeschichte. Organisiert wird die Veranstaltung vom Beauftragten der Universität Münster gegen Antisemitismus. Eine Frage zieht sich dabei durch das Programm: Wie können Menschen dazugehören, ohne ihre Unterschiede aufzugeben?

Alexander Haindorf wurde 1784 geboren. Nach dem frühen Tod seiner Eltern wuchs er bei seinen Großeltern mütterlicherseits in Hamm auf. Der jüdische Gemeindevorsteher Anschel Hertz erkannte seine Begabung und förderte ihn. Haindorf studierte Medizin, Psychologie, Philosophie und Geschichte – und entwickelte sich zu einem Universalgelehrten.

Ein Bildungsprojekt gegen verschlossene Türen

1810 habilitierte sich Haindorf, ein Jahr nach seiner Promotion, mit einer Schrift über die „Pathologie und Therapie der Gemüts- und Geisteskrankheiten“. Eine Professur blieb ihm dennoch verwehrt. Die damalige Akademie, zu der die Universität Münster 1810 herabgestuft worden war, begründete dies damit, dass bislang kein Jude an eine deutsche Universität berufen worden sei. Haindorf reagierte nicht mit Rückzug. Er wollte die Bildung und die Aufstiegschancen von Juden insgesamt verbessern.

Am 17. Oktober 1825 reichte der westfälische Mediziner die Vereinsstatuten bei der Bezirksregierung Münster ein; die Genehmigung folgte am 17. November. Am 28. November 1825 wurde die Marks-Haindorf-Stiftung als Verein gegründet. Vorgesehen waren die Förderung von Handwerken unter Juden, eine Schule für arme und verwaiste Kinder sowie die Ausbildung künftiger jüdischer Schullehrer. In einem Rundbrief kündigte Haindorf eine unentgeltliche Schule und ein Lehrerseminar an. Dazu kamen die Verbesserung des jüdischen Bildungswesens in Westfalen, die bürgerliche und staatsrechtliche Gleichstellung der jüdischen Bevölkerung und allgemeine Menschenbildung.

Haindorf orientierte sich am Philanthropismus und gilt als früher Vertreter des Reformjudentums. Im Frühjahr 1826 öffnete die jüdische Elementarschule Am Kanonengraben in Münster. Kinder verschiedener Glaubensrichtungen und sozialer Schichten wurden aufgenommen, jüdische und christliche Lehrkräfte unterrichteten gemeinsam, Unterrichtssprache war Deutsch. Der Religionsunterricht blieb getrennt: jüdische, protestantische und katholische Schüler lernten jeweils ihre Religion; Hebräisch konnte als Wahlfach belegt werden. Haindorf betonte beides – die Pflege der eigenen Religion und den gegenseitigen Respekt.

Hier könnte Ihr Advertorial stehen
Ein Advertorial bietet Unternehmen die Möglichkeit, ihre Botschaft direkt im redaktionellen Umfeld zu platzieren

Auf Vorschlag des Oberpräsidenten Ludwig von Vincke wurde der Zuständigkeitsbereich 1826 auf die Rheinprovinz erweitert. Der Verein erhielt den Namen „Verein für Westfalen und Rheinprovinz zur Bildung von Elementar-Lehrern und Beförderung von Handwerkern unter den Juden“. Als private Initiative durfte er zunächst keine öffentlichen oder privaten Spenden annehmen. Zehn Jahre lang bemühte sich Haindorf um die staatliche Anerkennung der Elementarschule.

1839 kam sie, maßgeblich unterstützt durch eine Spende von 25.000 Talern von Elias Marks. Die Schule wurde als jüdische Schule eingetragen, Kinder anderer Konfessionen durften danach nicht mehr aufgenommen werden. Laut einem Bericht der Bezirksregierung Münster war sie bereits 1830 die bedeutendste israelitische Schule im Münsterland. Schritt für Schritt entwickelte sie sich zu einer Mittel- beziehungsweise höheren Stadtschule. Auch in der christlichen Bürgerschaft Münsters genoss sie wegen ihres überdurchschnittlichen Bildungsstandards einen guten Ruf. Für die Lehrer bedeutete die Finanzierung durch private Geldgeber vergleichsweise sichere Stellen – der Schulbetrieb hing nicht unmittelbar vom Gemeindeleben ab.

Stiftungshaus, Seminar und lange Nachwirkungen

Das Seminar und die gleichnamige Stiftung tragen die Namen Alexander Haindorfs und seines Schwiegervaters, des Kaufmanns Elias Marks. Zu den Schülern gehörte Salomon Blumenau. Nach Haindorfs Tod 1862 übernahm sein Schwiegersohn Jakob Loeb den Vereinsvorsitz. 1866 wurde die Einrichtung unter Loebs Leitung in eine Körperschaft öffentlichen Rechts umgewandelt: die Marks-Haindorf’sche Stiftung.

Jakob Loewenberg besuchte von 1870 bis 1873 das Lehrerseminar. Später verbreitete er den Stiftungsgedanken in Deutschland – als Verbindung jüdischer Tradition mit preußischer Königstreue und deutschem Patriotismus. Felix Coblenz begann 1878 seine Lehrerausbildung am Seminar. Von 1900 bis 1911 leitete Meier Spanier das Lehrerseminar.

Die Seminaristen durften kostenlos den Münsteraner Zoo besuchen. Möglich machte das die Verbindung zwischen dem ehemaligen Stiftungsschüler Eli Marcus und Zoodirektor Hermann Landois. Solche Details wirken heute fast beiläufig, erzählen aber viel über den Alltag der Einrichtung. 1905 bescheinigte ein Gutachten des Oberpräsidiums der Provinz Westfalen der Schule einen „guten Geist“ und die Erziehung zu nationaler und patriotischer Gesinnung.

1901 wurde die Vermittlung von Handwerkslehrstellen eingestellt, weil Naturwissenschaften und Technik zunehmend an Bedeutung gewannen. Damit gab die Stiftung einen ursprünglich in den Statuten verankerten Aufgabenbereich auf. Zugleich wuchs die jüdische Gemeinde Münsters, ebenso die Schülerzahl. Das Deutsche Kaiserreich unter Wilhelm II. wurde zur letzten Blütezeit der Elementarschule; um 1900 gewann der reformjüdische Ansatz der Stiftung bundesweit an Bedeutung.

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs, 1914, meldeten sich die vier Seminaristen der letzten Klasse freiwillig zum Militär. Julius Kaufmann diente beim Metzer Infanterieregiment Nr. 67 in Münster, Emil Kanowitz beim 8. Husarenregiment in Paderborn; die beiden anderen wurden anschließend einberufen. Die Zöglinge der Stiftung zeichneten Kriegsanleihen im Wert von 309.800 Mark. Bei rund 50 Schülern entsprach dies laut Artikel 2,5 % der gesamten Kriegsanleihen der Provinzialhauptstadt.

1926 wurde das Lehrerseminar aufgelöst. 1933 fielen sämtliche städtischen Zuschüsse weg. Im November 1938 war die Stiftung von antisemitischen Vandalismusschäden betroffen; am 17. Dezember 1938 wurden die staatlichen Subventionen ersatzlos gestrichen. Ab 1939 diente das Gebäude als eines von 14 Münsteraner „Judenhäusern“, in denen Juden vor ihrer Deportation in Vernichtungslager zwangsweise untergebracht wurden. 1940 wurde die Stiftung zwangsweise in die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland überführt und hörte damit auf zu bestehen.

Das Schulhaus überstand den Zweiten Weltkrieg und den antisemitischen Terror. Von 1949 bis 1960, bis zum Neubau der Münsteraner Synagoge, diente es als jüdisches Gemeindezentrum. Heute erinnert eine Informationstafel an die Stiftung. Das Jüdische Museum Westfalen erwähnt sie im Zusammenhang mit Alexander Haindorfs Lebenswerk; in unmittelbarer Nähe liegt die Marks-Haindorf-Stiege.

Konzert, Schauspiel und eine Vitrine

Am 15. Oktober beginnt um 19:30 Uhr im LWL-Museum für Kunst und Kultur ein Konzertabend. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Das Ensemble „Mendels Töchter“ spielt Lieder von Erich Mendel (1902–1988). Mendel war Chorleiter, erforschte jüdische Musik und wurde am Marks-Haindorf-Lehrerseminar in Münster ausgebildet.

Der Schauspieler Jonas Riemer verkörpert Haindorf und lässt ihn mit seinen Ideen, Hoffnungen und Widersprüchen zu Wort kommen. Haindorf selbst engagierte sich außerdem für das kulturelle Leben Münsters – als Kunstsammler und als Mitbegründer des Kunstvereins, damit auch für die Vorgeschichte des heutigen LWL-Museums für Kunst und Kultur.

Vom 15. Oktober bis 15. November zeigt das Archäologische Museum eine Sondervitrine zu Haindorf und zur Geschichte der Marks-Haindorf-Stiftung. Historische Objekte und Dokumente veranschaulichen seine Bildungsvision und die Entwicklung der von ihm gegründeten Institution. Zu sehen ist auch ein Ehrenpokal aus dem Jahr 1850. Die „Israelitische Gemeinde“ widmete ihn Haindorf zum 25-jährigen Bestehen seiner Bildungsinitiative. Der Pokal dokumentiert die Wertschätzung für Haindorf und sein Engagement für jüdische Bildung.