Auf dem Campus der Universität Bielefeld ist am Dienstag, 27. Oktober 2026, ein wichtiger Bauabschnitt der Medizinischen Fakultät OWL sichtbar abgeschlossen worden. Zum Wintersemester 2026/27 haben erstmals 300 Studierende das Humanmedizinstudium in Bielefeld aufgenommen. Damit ist die geplante Endausbaustufe der 2019 gegründeten Fakultät erreicht.

Möglich wurde der zusätzliche Jahrgang durch die planmäßige Fertigstellung der Lehr- und Anatomiegebäude R5 und R6. Beide Häuser sind seit Beginn des Semesters in Betrieb. Nach einem Rundgang weihte Ina Brandes, Ministerin für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen, die Gebäude ein. Im Skills Lab ließ sie sich von Dr. med. Anne Eickelmann unter anderem einen Übungsarm zur Blutentnahme zeigen – ein ziemlich handfestes Detail an einem Tag, an dem sonst viel über Millionen, Flächen und Ausbau gesprochen wurde.

Mehr Platz für Lehre, Anatomie und Forschung

R5 und R6 schaffen rund 8.000 Quadratmeter zusätzliche Nutzfläche. Das Land Nordrhein-Westfalen investierte rund 120 Millionen Euro in ihre Errichtung. R5 wird von der Medizinischen Fakultät und der Fakultät für Biologie genutzt. In R6 befinden sich die Anatomie, eine Prosektur und ein Präpariersaal. Dazu kommen ein Hörsaal mit rund 300 Plätzen sowie moderne Praktikums- und Seminarräume.

Acht Gebäude für Lehre und Forschung sind bereits in Betrieb, zwei weitere werden gebaut. Insgesamt entstehen rund 31.000 Quadratmeter Nutzfläche. Für den Aufbau der Fakultät unterstützt Nordrhein-Westfalen das Projekt mit bis zu 578 Millionen Euro für Baukosten.

Der Bielefelder Modellstudiengang Humanmedizin ist praxisorientiert. Schwerpunkte liegen unter anderem auf ambulanter Versorgung und Allgemeinmedizin. Die Universität will gemeinsam mit dem Land dem Ärztemangel entgegenwirken und die medizinische Versorgung in Ostwestfalen-Lippe stärken. Langfristig soll die Fakultät dazu beitragen, dass mehr Ärztinnen und Ärzte in der Region ausgebildet werden – und hoffentlich auch bleiben.

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Von 60 auf 300 Studienanfängerplätze

Seit dem Wintersemester 2021/22 wurde die Zahl der Studienanfänger schrittweise erhöht. Zunächst gab es 60 Plätze, im Vorjahr waren es 120. Zum Wintersemester 2026/27 sind es nun 300. Der Sprung ist groß, die Gebäude dafür stehen jetzt zumindest schon einmal.

Nordrhein-Westfalen verfügt über acht staatliche medizinische Fakultäten: in Aachen, Bielefeld, Bochum, Bonn, Düsseldorf, Duisburg-Essen, Köln und Münster. Hinzu kommt die private Universität Witten/Herdecke. An diesen Einrichtungen studieren insgesamt knapp 21.400 Menschen Human- und Zahnmedizin; rund 860 Professorinnen und Professoren lehren dort. Für das Studienjahr 2026 stehen landesweit 2.749 Studienanfängerplätze in Humanmedizin bereit. Seit 2017 ist deren Zahl um rund 20 Prozent gestiegen.

Für Lehre, Forschung, Investitionen und Betriebskosten der medizinischen Fachbereiche und Universitätskliniken stellt das Land 2026 rund 1,7 Milliarden Euro bereit. Viel Geld, keine Frage. Medizinische Ausbildung ist aber auch teuer: Die laufenden Hochschulausgaben in Humanmedizin und Gesundheitswissenschaften liegen bei 25.430 Euro je Studentin beziehungsweise Student. Mieten, Bau und weitere Investitionen kommen noch obendrauf.

Viele Bewerbungen, begrenzter Ausbau

Deutschland steuert trotz des Ausbaus auf einen Ärztinnen- und Ärztemangel zu. Jährlich erhalten rund 20.000 Studieninteressierte keinen Medizin-Studienplatz. Für das Wintersemester 2024/25 gab es 32.966 Bewerbungen auf 10.219 angebotene Plätze – etwa drei Bewerbungen pro Platz. Mehr als 20.000 Bewerberinnen und Bewerber gingen leer aus.

Im Wintersemester 2023/24 studierten rund 113.000 Menschen Medizin. Damit war Medizin der siebtgrößte Studienbereich; rund zwei Drittel der Studienanfängerinnen und Studienanfänger waren Frauen. 2023 forderte der damalige Gesundheitsminister Karl Lauterbach 5.000 zusätzliche Medizinstudienplätze, um die Versorgung der älter werdenden Babyboomer zu sichern. Tatsächlich stieg die Zahl der über Hochschulstart vergebenen Plätze seit dem Wintersemester 2015/16 von 9.068 auf aktuell etwa 1.000 Plätze mehr – also deutlich begrenzter, als es die Forderung erwarten ließ.

Private Hochschulen übernehmen teilweise die Ausbildungskosten. Bezahlt werden sie von Studierenden oder späteren Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern; zusammen nehmen private Hochschulen inzwischen knapp 1.500 Studienanfängerinnen und Studienanfänger pro Jahr im Fach Medizin auf. Zu den neuen beziehungsweise privaten Angeboten zählen unter anderem die Medizinische Fakultät der Universität Bielefeld und die HMU in Potsdam. In Osnabrück wird außerdem ein kommunal finanzierter Medizinstudiengang diskutiert.

Auch mindestens 8.800 deutsche Medizinstudierende studieren laut einer 2026 veröffentlichten CHE-Auswertung im Ausland. Finanziert werden diese Studienplätze durch Studiengebühren der Studierenden oder durch den jeweiligen Aufnahmestaat, etwa in Österreich. Einige Bundesländer vergeben Plätze über eine Landarztquote. Wer sie bekommt, verpflichtet sich, später mehrere Jahre in unterversorgten Regionen zu arbeiten. Wird diese Verpflichtung nicht erfüllt, können die Studienkosten zurückgefordert werden. Der Vorschlag, in Sachsen-Anhalt von Nicht-EU-Studierenden Studiengebühren zu verlangen, wenn sie Deutschland nach dem Studium verlassen, wird kontrovers bewertet.

Wo Studienplätze entstehen – und wo nicht

Die Bundesländer stellen staatliche Medizinstudienplätze in sehr unterschiedlichem Umfang bereit. Bezogen auf die Bevölkerung beziehungsweise die Zahl der Studienanfängerinnen und Studienanfänger bieten Mecklenburg-Vorpommern, das Saarland und Sachsen-Anhalt besonders viele Plätze an. Nordrhein-Westfalen stellt zwar insgesamt die meisten Plätze bereit, liegt bezogen auf Einwohnerinnen und Einwohner sowie auf Studienanfängerinnen und Studienanfänger aber nicht über dem Durchschnitt.

Bremen und Brandenburg hatten an staatlichen Hochschulen bislang keine Medizinstudienplätze. In Brandenburg soll die Medizinische Universität Lausitz in Cottbus zum Wintersemester 2026/27 starten. Der Standort wurde in der CHE-Auswertung noch nicht berücksichtigt, weil der Studienbetrieb erst 2026/27 beginnt. Angaben zu Bayern und Baden-Württemberg wurden am 2. September 2025 korrigiert; zuvor waren dort 110 beziehungsweise 179 Plätze zu wenig ausgewiesen worden.

Studienanbieter hoffen auf einen regionalen „Klebeeffekt“: Absolventinnen und Absolventen könnten nach dem Studium in der Region als Ärztinnen und Ärzte tätig werden. Die CHE-Auswertung vergleicht dafür die Ärztedichte in Raumordnungsregionen mit den Standorten staatlicher und privater Medizinstudiengänge. Gemessen wurden Vertragsärztinnen und Vertragsärzte je 100.000 Einwohnerinnen und Einwohner.

Regionen mit Medizin-Studienangebot weisen tendenziell eine höhere Ärztedichte auf. Besonders hohe Werte zeigen sich unter anderem in Berlin, Hamburg, Köln/Bonn und München, im Unteren Neckar mit der Universität Heidelberg, am Südlichen Oberrhein mit der Universität Freiburg sowie in Schleswig-Holstein Ost mit der Medizinischen Universität Lübeck. Bremen könnte trotz fehlender eigener Studienplätze von der Nähe zu den Standorten Oldenburg und Hamburg profitieren.

Für Bielefeld lässt sich dieser mögliche Effekt noch nicht prüfen: Zum Zeitpunkt der Auswertung hatte die Universität noch keine Medizin-Absolventinnen und -Absolventen. Die ersten 300 Studierenden, die nun gestartet sind, werden dafür noch einige Jahre brauchen. Der Hörsaal ist schon da, der Übungsarm auch – die Ärztedichte muss warten.

Der Bedarf wächst von zwei Seiten

Der demografische Wandel verschärft die Lage doppelt. Die Babyboomer werden älter und benötigen häufiger medizinische Leistungen. Gleichzeitig scheiden viele Ärztinnen und Ärzte dieser Generation aus dem Berufsleben aus. Der Aufbau neuer Studienplätze, der Bau medizinischer Einrichtungen sowie Studium und Facharztausbildung dauern mehrere Jahre.

Bei der Bedarfsplanung sollten außerdem der hohe Frauenanteil unter den Medizinstudierenden, höhere Teilzeitquoten und längere Elternzeiten von Frauen berücksichtigt werden. Dadurch könnte der Bedarf an medizinisch ausgebildeten Personen weiter steigen. Das macht die Rechnung komplizierter, als es die bloße Zahl neuer Studienplätze vermuten lässt.

Die CHE-Auswertung fordert deshalb eine erneute politische Debatte über Umfang, Finanzierung und regionale Verteilung von Medizinstudienplätzen. Länder und gegebenenfalls der Bund sollen gemeinsame Lösungen entwickeln. Regionen mit Ärztemangel könnten die Ansiedlung medizinischer Fakultäten prüfen, weil ein Zusammenhang zwischen Ausbildungsstandorten und höherer regionaler Ärztedichte besteht. R5 und R6 in Bielefeld sind dafür