In Würzburg richtet sich der Blick auf einen winzigen Erreger mit großer Reichweite: Forschende der Universität Würzburg haben in einem Übersichtsartikel rund 180 Studien zu Candida auris ausgewertet. Ihre Vermutung: Steigende Temperaturen infolge des Klimawandels könnten dazu beigetragen haben, dass dieser Hefepilz für Menschen infektiös wurde.

Bewiesen ist damit nicht, dass der Klimawandel die Infektiosität verursacht hat. Die ausgewertete Forschung liefere laut den Autoren aber mehrere unterstützende Hinweise. Und die Sache ist dringend genug, um genauer hinzusehen: Von schätzungsweise drei bis fünf Millionen Pilzarten können nur wenige hundert den Menschen infizieren. Viele Pilze wachsen bei der menschlichen Körpertemperatur von 37 °C schlicht nicht.

Ein Pilz, der Hitze aushält

Candida auris wächst bei 37 °C und übersteht Temperaturen bis 47 °C. Nahe verwandte Arten können das nicht. Eine Anpassung an höhere Temperaturen könnte Pilzen ermöglichen, den menschlichen Körper zu besiedeln – ein evolutionärer Türöffner, wenn man so will.

Wo Candida auris ursprünglich lebte, ist weiterhin unbekannt. Vermutet werden Küsten- und Feuchtgebiete sowie andere salzhaltige Lebensräume. Als weitere mögliche Erklärung für das plötzliche Auftreten und die rasche Ausbreitung gelten menschengemachte Umweltveränderungen, etwa der Einsatz von Pilzschutzmitteln in der Landwirtschaft.

Entdeckt wurde der Erreger 2009 in Japan, im Ohr eines Patienten. Der Name bedeutet wörtlich „Hefepilz des Ohrs“. Innerhalb weniger Jahre tauchte der Pilz auf mehreren Kontinenten und in verschiedenen genetischen Linien auf. Dass mehrere Linien ungefähr gleichzeitig erschienen, gilt in der Evolutionsbiologie als Hinweis auf einen weltweit wirkenden Selektionsfaktor – möglicherweise den Klimawandel.

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Für Kliniken ist Candida auris aus einem weiteren Grund heikel: Der Pilz kann lange auf Oberflächen überleben und ist häufig gleichzeitig gegen mehrere Antimykotika resistent. Besonders gefährdet sind geschwächte Menschen, darunter Krankenhauspatienten und Bewohner von Pflegeeinrichtungen. Gelangt der Erreger in die Blutbahn, liegt die Sterblichkeit je nach Studie zwischen 20 und 67 Prozent; aus vielen Ländern werden Werte um 52 Prozent berichtet. Bei einem europäischen Ausbruch mit 140 bestätigten Fällen starben 41 Prozent der Betroffenen innerhalb eines Monats.

Wenn die Diagnose zu spät kommt

Weltweit sterben jährlich rund 2,5 Millionen Menschen an Pilzinfektionen. Gefährdet sind vor allem Menschen mit schweren Vorerkrankungen, besonders auf Intensivstationen. Die Weltgesundheitsorganisation veröffentlichte 2022 eine Liste der gefährlichsten Pilzerreger – invasive Pilzinfektionen erhalten trotzdem bislang wenig Aufmerksamkeit.

Invasive Pilze dringen in den Körper ein und besiedeln Gewebe. Aspergillus fumigatus etwa kann über offene Wunden oder die Atemwege eindringen, sich über die Blutbahn ausbreiten, Gefäße und Organe schädigen und die Durchblutung befallener Bereiche unterbrechen. Medikamente erreichen das betroffene Gewebe dann schlechter. Unbehandelt drohen Blutstrominfektionen und Schäden an Magen, Darm, Nieren, Leber, Herz, Hirnhäuten und Gehirn.

Die Behandlung dauert häufig Monate oder Jahre. Wirksame Medikamente gibt es nur wenige, und die wichtige Wirkstoffgruppe der Azole verliert wegen zunehmender Resistenzen an Wirkung. Weil invasive Pilzinfektionen in Deutschland seltener sind als bakterielle Infektionen, werden sie anfangs häufig verwechselt und falsch behandelt.

Zu den besonders gefährdeten Gruppen zählen Krebspatientinnen und -patienten, Menschen nach Organtransplantationen, Personen mit durch Kortison geschwächtem Immunsystem, HIV-Infizierte sowie Diabetikerinnen und Diabetiker mit schlecht eingestelltem Blutzucker.

Candida auris gehört zu den gefährlichsten invasiven Pilzen. Der Erreger ist gegen die meisten Medikamente resistent, mehr als die Hälfte der Erkrankten stirbt an der Infektion. Ungewöhnlich für Pilze ist die Übertragung durch direkten Kontakt. Besonders betroffen waren und sind Indien, Südafrika, Venezuela und die USA; in den USA wurden 2022 mehr als 2.000 Infizierte gemeldet.

Genetische Untersuchungen zeigen, dass der Pilz bereits seit Tausenden Jahren existiert. Warum er erst spät als Gefahr erkannt wurde, bleibt ungeklärt. In Europa kam es unter anderem in England, Griechenland und Spanien zu Ausbrüchen.

Blutdruckmanschetten als Infektionsquelle

Wie hartnäckig der Pilz sein kann, zeigte sich ab 2016 in mehreren Krankenhäusern der spanischen Region Valencia. Candida auris breitete sich dort auf Intensivstationen aus. Diagnostikgeräte lieferten anfangs teilweise falsche Ergebnisse, herkömmliche Desinfektionsmittel waren zunächst unwirksam. Der Erreger hielt sich ungewöhnlich lange auf Oberflächen – Blutdruckmanschetten erwiesen sich als häufige Infektionsquellen.

Mehr als die Hälfte der betroffenen Intensivpatientinnen und -patienten starb mit oder an der Infektion. Erst nach zwei Jahren wurde die Ausbreitung gestoppt. Kliniken ermittelten wirksame Medikamente und Desinfektionsverfahren, überarbeiteten das Hygieneprotokoll vollständig und führten regelmäßige Abstriche bei Patienten sowie von Oberflächen ein. Diese Maßnahmen gehören weiterhin zur Routine, weil der Pilz in der Klinik nicht vollständig beseitigt werden konnte.

Auch an deutschen Universitätskliniken gab es kleinere Ausbrüche. Im vergangenen Jahr wurden in Deutschland etwa 80 Candida-auris-Erkrankungen gemeldet. Eine allgemeine Meldepflicht für Erregernachweise oder Verdachtsfälle besteht bislang nicht. Wie weit der Pilz tatsächlich verbreitet ist, bleibt deshalb unklar.

Frühwarnsysteme statt später Überraschungen

Der Würzburger Übersichtsartikel nimmt neben Candida auris weitere Pilzarten in den Blick, darunter Cryptococcus gattii und Aspergillus fumigatus. Sie besiedeln neue Regionen oder entwickeln Resistenzen. Forschende beobachten weltweit eine wachsende Bedeutung von Pilzinfektionen; welche Ursachen überwiegen und wie wichtig einzelne Faktoren sind, ist allerdings weiterhin umstritten.

Vorgeschlagen werden Frühwarnsysteme, die Pilze systematisch in Böden, Gewässern, der Luft und Krankenhäusern überwachen. Dafür müssten Umweltbeobachtung, Klimaforschung, Evolutionsbiologie und Medizin enger zusammenarbeiten. Die Entwicklung solcher Systeme und von Präventionsmaßnahmen würde Investitionen in Diagnostik, Laborinfrastruktur und Arzneimittelforschung erfordern. Theoretische Modelle könnten zunächst kostengünstig vorhersagen, welche Pilzarten künftig problematisch werden könnten.

Die Würzburger Forschenden erwarten, dass sich weitere eng verwandte Arten ähnlich wie Candida auris entwickeln könnten. Das klingt nicht nach einer einzelnen Krankenhausgeschichte, sondern nach einem Warnsignal aus mehreren Richtungen zugleich.

Auch die Landwirtschaft bekommt diesen Druck zu spüren. Weltweit gehen derzeit 10 bis 20 Prozent der Ernten durch invasive Pilze verloren. Betroffen sind unter anderem Weizen, Gerste, Roggen, Reis, Soja, Kartoffeln und Bananen. Angesichts der wachsenden Weltbevölkerung gefährdet das die Ernährungssicherheit.

Die Klimaerwärmung begünstigt die Ausbreitung von Pilzarten in nördlichere Regionen. Gleichzeitig verlieren Gegenmittel in der Landwirtschaft wegen zunehmender Resistenzen an Wirkung; Pflanzenschutzmittel tragen zur Entstehung neuer Resistenzen bei. Große Monokulturen erleichtern Pilzen den flächendeckenden Befall. Mischkulturen könnten eine Alternative sein. Erfahrungen aus Dänemark zeigen außerdem, dass sich damit der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln senken lässt.

In Würzburg ist es am 28.10.2026 kein einzelner Laborfund, der hängen bleibt, sondern dieses Zusammenspiel aus Wärme, Anpassung, Klinikalltag und Landwirtschaft. Ein Pilz wächst. Andere könnten folgen. Und irgendwo liegt vielleicht schon der nächste auf einer Oberfläche, die bisher niemand untersucht hat.