Cyberangriffe im KI-Zeitalter: Wie Unternehmen sich wirksam schützen können
Cyberkriminalität klingt oft nach Großkonzern, dunklem Keller und hochkomplexem Hackerfilm. Tatsächlich kann es jede und jeden treffen: Behörden, Unternehmen, Vereine und Privatpersonen. Hackerangriffe, Datendiebstahl, Phishing-Mails, Schadsoftware, gestohlene Zugangsdaten, Betrugsversuche, Know-how-Diebstahl, Datenverlust und Sabotage gehören längst zum Alltag digitaler Risiken. Auch kleine und mittlere Unternehmen geraten zunehmend ins Visier.
Die Veranstaltungsreihe „Wirtschaftsförderung vor Ort“ widmet sich deshalb am Dienstag, 10. November, dem Thema „Cyberangriffe im KI-Zeitalter – Wie Unternehmen sich wirksam schützen können“. Beginn ist um 18 Uhr im Rathaus Neu Wulmstorf, Bahnhofstraße 39. Organisiert wird der Abend von der Stabsstelle Kreisentwicklung, Wirtschaftsförderung und Mobilität des Landkreises Harburg, der Gemeinde Neu Wulmstorf und dem Innovationsnetzwerk für Künstliche Intelligenz KI.NON.
Wenn Phishing plötzlich sehr persönlich klingt
Der Einsatz Künstlicher Intelligenz kann Angriffe beschleunigen, professionalisieren und schwerer erkennbar machen. Öffentlich zugängliche Informationen aus sozialen Netzwerken, Unternehmenswebseiten, Handelsregistern, Pressemitteilungen, Stellenanzeigen sowie Plattformen wie GitHub und GitLab lassen sich sammeln, strukturieren, miteinander verknüpfen und in einen Kontext setzen. Daraus entstehen detaillierte Profile von Organisationen und Personen.
Eine Phishingnachricht kann dann reale Projekte, interne Begriffe, aktuelle Kampagnen, konkrete Termine oder einzelne Mitarbeitende aufgreifen. KI formuliert solche Nachrichten grammatikalisch korrekt, stilistisch passend und bei Bedarf in verschiedenen Sprachen. Chatbots führen längere Dialoge, stellen Rückfragen und bauen Vertrauen auf, bevor sie sensible Informationen oder Freigaben verlangen. Die alte Schulungsregel „Achte auf Rechtschreibfehler“ reicht da nicht mehr wirklich.
Unternehmen setzen daher ergänzend realistische, sichere und KI-gestützte Phishing-Simulationen ein. Im Alltag helfen weiterhin einfache, aber wichtige Schritte: Bei ungewöhnlicher Dringlichkeit innehalten, sensible Anfragen über einen zweiten Kommunikationskanal verifizieren, Absenderadressen und URLs prüfen und die vorgesehenen Freigabeprozesse einhalten. Organisationen schauen außerdem zunehmend darauf, ob interne Strukturen, Tools, Ansprechpartner, Projektkürzel oder Architekturdetails überhaupt öffentlich genannt werden müssen. Neue Sicherheitswerkzeuge analysieren frei verfügbare Daten aus der Verteidigungsperspektive, zeigen mögliche Angriffspfade und helfen dabei, sicherheitsrelevante Informationen zu entfernen.
Angriffe laufen zunehmend automatisiert
KI wirkt auf beiden Seiten. Angreifer können Attacken schneller, skalierbarer, flexibler und schwerer erkennbar durchführen. Unterschiedliche KI-Agenten könnten öffentlich erreichbare Systeme kontinuierlich auf Schwachstellen prüfen, individuelle Phishingkampagnen erstellen sowie Zugangsdaten testen oder bekannte Datenleaks auswerten. Die Gefahr liegt dabei nicht nur in einem einzelnen spektakulären Angriff, sondern in der hohen Zahl, Geschwindigkeit und Anpassungsfähigkeit vieler fortlaufender Versuche.
Auch Schadsoftware wird beweglicher. Während frühere Viren und Trojaner überwiegend nach statischen, vorhersehbaren Abläufen arbeiteten, analysieren KI-gestützte Schadprogramme unter anderem Betriebssystem, Sicherheitslösungen, Netzwerkarchitektur, Benutzerrechte und laufende Dienste. Abhängig von der Umgebung wählen sie die erfolgversprechendste Strategie. Teile ihres Codes können während der Laufzeit neu generiert, kombiniert oder verändert werden; erkannte Funktionen lassen sich in späteren Varianten gezielt anpassen. So entstehen neue Versionen, die signaturbasierte Erkennung umgehen können.
Bei Ransomware kann KI wertvolle Ziele, den Angriffszeitpunkt und die Tarnung optimieren. Ein Angriff kurz vor einem Quartalsabschluss oder einer Produktvorstellung ist für Betroffene besonders unangenehm. Frühindikatoren sind massenhafte Dateiänderungen, plötzliche Verschlüsselungsversuche, Anomalien bei Servicekonten und stark zunehmende Fehlzugriffe. Automatisierte Notfallpläne können dann betroffene Systeme isolieren, Zugänge sperren und Datenströme einfrieren.
Die Verteidigung arbeitet mit ähnlichen Prinzipien. KI-basierte Systeme überwachen nahezu in Echtzeit Log-ins, Datenflüsse, Konfigurationen und Netzwerkverkehr, erkennen Muster, priorisieren Alarme und leiten abhängig vom Schweregrad automatisch Gegenmaßnahmen ein. Sie lernen das typische Verhalten eines Netzwerks oder einer Anwendung kontinuierlich. Ungewöhnliche Datenflüsse, verdächtige Prozesse, Zugriffe außerhalb üblicher Zeiten oder aus atypischen Regionen können dadurch Alarm und Schutzmaßnahmen auslösen. Sicherheit wird damit zu einem dauerhaften, dynamischen Prozess – weniger zum einmaligen Aufräumen nach dem Vorfall.
Deepfake live im Rathaus
IT-Sicherheitsexperte Patrick Jung gibt bei der Veranstaltung einen Überblick über die aktuelle Cybercrime-Lage und zeigt in einer Live-Demonstration einen Deepfake. Künstlich erzeugte oder manipulierte Stimmen, Bilder und Videos können gefälschte Videoanrufe von Führungskräften, angebliche Bankmitarbeiter oder fingierte Interviews glaubwürdig erscheinen lassen. Zusammen mit Informationen über interne Strukturen und Projekte wird daraus schnell eine ziemlich überzeugende Täuschung.
KI-Erkennungssysteme suchen in Audio- und Videodaten nach Bildartefakten, ungewöhnlicher Lippensynchronität, unnatürlichen Tonfrequenzen und widersprüchlichen Metadaten. Verlässlich allein sind diese Hinweise derzeit nicht. Digitale Signaturen und Wasserzeichen für authentische Inhalte werden von Medien, Plattformbetreibern und Sicherheitsanbietern entwickelt. Informierte Mitarbeitende und simple Prüfmechanismen bleiben trotzdem eine wichtige Kontrollinstanz.
Auch Authentifizierungsmechanismen geraten unter Druck: Persönliche Informationen aus sozialen Netzwerken und Datenleaks können für gezielte Passwortangriffe genutzt werden, einfach implementierte biometrische Verfahren lassen sich unter bestimmten Bedingungen umgehen. Moderne Verfahren kombinieren deshalb mehrere Faktoren und Kontextprüfungen – starke Passwörter, Hardware-Token, Biometrie und kontextbasierte Kontrollen.
Informationen, Beratung und Förderung
An konkreten Beispielen wird erläutert, wie typische Cyberangriffe funktionieren, welche Rolle KI dabei spielt, welche Gefahren durch den Einsatz von KI im eigenen Unternehmen entstehen, welche Schutzmaßnahmen kurzfristig sinnvoll sind und welche Inhalte ein Notfallplan haben sollte.
Elisabeth Klose von der INNO.NON Innovationsagentur Nordostniedersachsen stellt das Innovationsnetzwerk KI.NON vor. Sven Samplatzki vom Transferzentrum Elbe-Weser in Stade informiert über Beratungsangebote des Landkreises Harburg zu Digitalisierung und KI sowie zu Innovation und Technologie. Zusätzlich geht es um Unterstützungs- und Fördermöglichkeiten für kleine und mittlere Unternehmen in den Bereichen Digitalisierung, KI und IT-Sicherheit.
KI kann große Mengen aus Logdaten, Netzwerkverkehr, Endpoint-Telemetrie, Cloud-Konfigurationen sowie Identitäts- und Zugriffsprotokollen auswerten. Dadurch werden Muster sichtbar, die menschlichen Analysten wegen Datenmenge und Geschwindigkeit entgehen könnten. Bei geeigneter Konfiguration lassen sich irrelevante Alarme reduzieren, komplexe Angriffsszenarien für Management und Fachabteilungen verständlicher darstellen und Mitarbeitenden direkt in ihren Anwendungen kontextsensitive Hinweise geben. Grundlegende Sicherheitsstrukturen ersetzt das nicht; fehlende Sicherheitskapazitäten kann die Technik aber teilweise ausgleichen – gerade in kleinen und mittleren Organisationen ohne große Spezialistenteams.
Für Unternehmen bedeutet das: moderne Multi-Faktor-Authentifizierung, aktuelle und gehärtete Systeme, KI-basierte Sicherheitslösungen sowie kontinuierliche Aufklärung und Schulungen gehören zusammen. Ebenso wichtig sind ganzheitliche Sicherheitsstrategien, moderne Sicherheitsarchitekturen und eine Kultur, in der Mitarbeitende nachfragen und Vorfälle melden. Regulatorische und organisatorische Rahmenbedingungen beeinflussen, wie diese Maßnahmen umgesetzt werden.
Im Anschluss an die Veranstaltung sind individuelle Fragen, Gespräche mit den Referenten und Erfahrungsaustausch vorgesehen. Die Teilnahme ist kostenlos, eine Anmeldung bis zum 6. November ist erforderlich: telefonisch unter 04171 693-555, per E-Mail an wirtschaftsfoerderung@lkharburg.de oder online unter www.landkreis-harburg.de/cyberkriminalitaet.
Die Reihe „Wirtschaftsförderung vor Ort“ wird vom Landkreis Harburg gemeinsam mit den kreisangehörigen Städten und Gemeinden organisiert. Sie richtet sich an Unternehmerinnen und Unternehmer sowie Interessierte im Landkreis Harburg und soll den Austausch zwischen Verwaltung, Institutionen und Unternehmen fördern. Weitere Informationen gibt es unter www.landkreis-harburg.de/wirtschaftsfoerderung-vor-ort.
