Auf dem Campus der Uni Saarland klingt die Uhr heute, am 8.10.2026, ganz gewöhnlich. Keine sichtbare Unruhe, kein Zeitsprung, kein hektischer Blick aufs Handy. Dabei steht die Schaltsekunde vor einer möglichen Zäsur: Ihre Abschaffung soll am 15. Oktober 2026 in Versailles endgültig bestätigt werden. Nach dem bisherigen Vorschlag wäre am 20. Mai 2027 Schluss mit der zusätzlichen Sekunde.

Das Thema wirkt zunächst klein, fast ein bisschen nerdig. Für Computersysteme, Energieversorgung, Telekommunikation und Verkehr ist es das nicht. Technologiekonzerne warnen vor Störungen, wenn die Weltzeit an die schwankende Erdrotation angepasst wird. Das Komitee des Internationalen Büros für Maß und Gewicht beschloss bereits 2022, die Schaltsekunde spätestens 2035 abzuschaffen; die Internationale Fernmeldeunion ITU bestätigte diesen Beschluss im Dezember 2023. Trotzdem beschäftigt die Schaltsekunde die Welt nun erneut. Laut einem Bericht gibt es dafür eine einfache Lösung.

Wenn eine Minute 61 Sekunden hat

Die Schaltsekunde hält zwei Zeitskalen beieinander. Die Koordinierte Weltzeit, UTC, entsteht auf Grundlage präziser Atomuhren. Die astronomische Zeit UT1 richtet sich dagegen nach der Erdrotation – und die läuft nicht vollkommen gleichmäßig. UTC und UT1 dürfen höchstens 0,9 Sekunden auseinanderliegen. Nähert sich die Differenz diesem Wert, wird eine Sekunde eingeschoben.

Eine positive Schaltsekunde erscheint in UTC als 23:59:60, danach folgt 00:00:00. Die betreffende Minute hat dann 61 statt 60 Sekunden, der Tag 86.401 Atomsekunden. Eingefügt wird sie nach 23:59:59 UTC vorrangig am 30. Juni oder 31. Dezember, alternativ am 31. März oder 30. September. Seit 1972 wurden allerdings nur Juni- und Dezembertermine genutzt.

In den 1980er- und 1990er-Jahren kam das im Durchschnitt etwa alle 18 Monate vor. Ein festes Muster gibt es nicht, weil die Erdrotation unregelmäßig schwankt. Seit der Einführung des Verfahrens wurden 27 Schaltsekunden eingefügt, davon 27 an Jahresenden und 11 Ende Juni – die Angaben beschreiben die seit 1972 aufgelaufene zusätzliche Differenz; aktuell gilt TAI = UTC + 37 Sekunden. Die letzte Schaltsekunde kam am 31. Dezember 2016.

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Die zusätzliche Sekunde bemerkt ein Mensch meist nicht. Eine handelsübliche Uhr kann 23:59:60 ohnehin oft nicht korrekt darstellen, weil ihr Informationen über bevorstehende Schaltsekunden fehlen. Funkuhren und Computer können die Nachricht über Zeitsignale oder NTP bekommen. Das deutsche DCF77-Signal kündigt eine positive Schaltsekunde an. Kommt eine Funkuhr nicht rechtzeitig an die Information, kann sie danach zunächst eine Sekunde vorgehen.

Der Ärger sitzt im Rechner

Für Software ist eine eingefügte Sekunde deutlich weniger harmlos als für Menschen am Küchentisch. Die Schaltsekunde vom 30. Juni 2012 verursachte unter anderem bei bestimmten Linux-Kernelversionen Deadlocks. Probleme gab es vor allem bei Java-Anwendungen, MySQL-Datenbanken und großen Websites. Auch die Fluggesellschaft Qantas war betroffen und verschob etwa 50 Flüge. Google umging Schwierigkeiten, indem die NTP-Zeit schrittweise über den Tag angepasst wurde.

Kritische Infrastrukturen brauchen möglichst konstante Zeitangaben ohne abrupte Korrekturen. Das gilt für Stromnetze, Telekommunikation und Verkehr. Die Industrie müsste eine erstmalige Minus-Schaltsekunde technisch aufwendig vorbereiten; erhebliche zusätzliche Kosten wären möglich. Denn diesmal könnte eine Sekunde übersprungen werden: 23:59:58 würde direkt auf 00:00:00 folgen. Eine solche negative Schaltsekunde hat es bisher noch nie gegeben. Ob sie störungsfrei funktionieren würde, ist offen.

Die Wahrscheinlichkeit dafür steigt laut CGPM in den kommenden Jahren. 2020 war die Erdrotation zeitweise schneller, weshalb eine negative Schaltsekunde diskutiert wurde. Langfristig wird sie dagegen langsamer: Gezeitenreibung durch Mond und Sonne bremst die Erde, auch wenn sie sich in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten zeitweise leicht beschleunigt hat. Ein mittlerer Sonnentag dauert im Mittel etwas länger als 86.400 SI-Sekunden.

Die moderne SI-Sekunde hat mit diesem Sonnentag zunächst nichts direkt zu tun. Bis in die 1950er-Jahre war sie als 1/86.400 eines mittleren Sonnentages definiert. Seit 1967 basiert sie auf der Frequenz eines Übergangs in Cäsium-133-Atomen und entspricht 9.192.631.770 Periodendauern dieser Strahlung. Die gleichförmige Atomzeitskala heißt TAI, die ungleichförmige, aus der Erdrotation abgeleitete Zeitskala UT1. UTC verwendet wie TAI die SI-Sekunde und wird durch Schaltsekunden an UT1 angenähert.

Die heutige SI-Sekunde orientiert sich letztlich an astronomischen Messungen des mittleren Sonnentages aus dem 18. und 19. Jahrhundert, insbesondere um 1820. Der heutige Sonnentag ist einige Millisekunden länger als damals – deshalb sind überwiegend positive Schaltsekunden nötig. 1972 betrug die Differenz zwischen TAI und UTC noch 10 Sekunden, inzwischen sind es 37.

Eine Stunde Spielraum statt einzelner Sekunden

Der geplante Ausweg klingt für Laien zunächst gewaltig: Eine kontinuierliche UTC soll ohne sprunghafte Ein-Sekunden-Korrekturen auskommen. Künftig dürfte UTC bis zu 3.600 Sekunden, also eine Stunde, von UT1 abweichen. Die konkrete Maximaldifferenz wird ebenfalls festgelegt, weil manche Software einen solchen Grenzwert benötigt. So soll die Zeiterfassung voraussichtlich mehrere Jahrhunderte lang ohne Anpassung auskommen.

Der Preis dafür: UTC und UT1 würden allmählich stärker auseinanderlaufen, und die Uhrzeit entfernte sich langfristig stärker vom Sonnenstand. Für den Alltag wäre das über lange Zeit kaum relevant. Schon heute weicht die gesetzliche Uhrzeit wegen Zeitzonen, geografischer Lage und Sommerzeit von der örtlichen Sonnenzeit ab. Spürbarer wäre die Veränderung für Nutzer astronomischer Zeit – für Astronomen ebenso wie für Fachleute der Geodäsie und Erdvermessung.

Schaltsekunden funktionieren ähnlich wie Schalttage: Beide korrigieren die Abweichung einer gleichförmigen Zeitskala von astronomischen Zyklen. Anders als beim Schalttag gibt es aber keinen verlässlichen Kalendertermin. Das International Earth Rotation and Reference Systems Service, kurz IERS, beobachtet die Erdrotation und veröffentlicht notwendige Schaltsekunden sechs Monate vorher im halbjährlichen Bulletin C. Nationale Behörden bleiben für die gesetzliche Zeit zuständig.

Uhren, Satelliten und die offene Zukunft

Nicht jedes Zeitsystem geht mit der Erdrotation gleich um. GPS verwendet seit 1980 eine Atomzeitskala ohne Schaltsekunden. Im Januar 2023 lag die GPS-Zeit deshalb um 18 Sekunden vor UTC; die aktuelle Differenz wird im GPS-Signal übertragen. GLONASS berücksichtigt dagegen Schaltsekunden.

Die heutige Debatte kommt also nicht aus dem Nichts. Das International Bureau of Weights and Measures, die CGPM und die ITU haben den Abschied von der Schaltsekunde bereits vorbereitet; eine endgültige Entscheidung soll auf der CGPM 2026 fallen. Als langfristige Alternative wurde auch die seltene Einführung größerer Korrekturen diskutiert, etwa einer Schaltstunde. Klingt erst einmal nach Science-Fiction. Für Rechner wäre es vielleicht sogar die angenehmere Variante.