Feldstudie an Gänsen soll neue Wege gegen die Geflügelpest in Deutschland prüfen
Am 27.10.2026 wird an der TIHO Hannover über einen Schritt gesprochen, der für die deutsche Geflügelhaltung weitreichend sein könnte: NGW, Tierärztliche Hochschule Hannover (TiHo), Friedrich-Loeffler-Institut (FLI), Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat und weitere Partner planen eine Impf-Feldstudie bei Gänsen. Starten soll sie Anfang 2027. Untersucht werden soll, wie eine vorbeugende Impfung gegen hochpathogene Aviäre Influenza (HPAI), auch Geflügelpest oder Vogelgrippe genannt, in Deutschland praktisch umgesetzt werden kann.
Eine kurzfristige flächendeckende Impfung ist ausdrücklich nicht vorgesehen. Friedrich-Otto Ripke geht davon aus, dass eine solche Lösung noch Jahre entfernt sein könnte. Die Feldstudie soll deshalb erst einmal zeigen, wo es hakt: beim Personalaufwand, bei den Kosten und bei der konkreten Durchführung. Auch Handels- und Exportfragen, die Überwachung geimpfter Bestände, politische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen sowie eine nationale Rechtsgrundlage für Impfprogramme gehören auf den Prüfstand. Geklärt werden soll zudem, wie Tiere im Rahmen solcher Programme sicher entsorgt werden können.
1,6 Millionen getötete Tiere in Niedersachsen
Der Druck kommt nicht aus dem Lehrbuch, sondern aus den Ställen. Seit Mitte Oktober 2025 mussten in Niedersachsen nach NGW-Angaben rund 1,6 Millionen Tiere wegen Geflügelpest getötet werden – mehr als je zuvor. Besonders hart traf es Betriebe mit offenen Ställen oder Freilandhaltung. Dort prallen Tierwohl und Seuchenprävention direkt aufeinander: Was den Tieren Zugang zu Außenflächen ermöglicht, kann zugleich das Infektionsrisiko erhöhen.
Auch Elterntierherden wurden getötet. Fehlen diese Tiere, können Ställe nicht schnell wiederbelegt werden; außerdem kann die Versorgung mit Junghennen ins Stocken geraten. Der ohnehin knappe Eiermarkt bekommt dadurch zusätzlichen Druck. Die Niedersächsische Tierseuchenkasse musste 2025/2026 laut NGW rund 40 Millionen Euro für Entschädigungen zum Marktwert der getöteten Tiere aufbringen.
Die steigenden Beiträge treffen die Geflügelhalter unmittelbar. Für einen Putenhahn soll der Beitrag 2027 um etwa 2,50 Euro steigen und sich damit mehr als vervierfachen. Private Tierversicherungen, die weitere Ertragsschäden abdecken, dürften ebenfalls deutlich teurer werden. Erste Geflügelhalter haben nach Angaben des NGW deshalb ihre Betriebe aufgegeben. Keine Kleinigkeit, wenn man bedenkt, wie viel Arbeit, Geld und familiäre Geschichte in so einem Betrieb steckt.
Die Branche hat ihre Präventionsmaßnahmen längst verschärft: intensivere Biosicherheit, frühzeitige Erkennung und schnelle Diagnostik, rasche Tötung und Räumung infizierter Bestände, Reinigung und Desinfektion, Sperrmaßnahmen und Wiederbelegungssperren sowie die Überwachung in Schutz- und Überwachungszonen. Verhindern konnten diese Schritte den jüngsten und bislang schwersten Seuchengang laut NGW trotzdem nicht. Dem Verband zufolge zirkuliert das Virus dauerhaft in der heimischen Wildvogelpopulation und gefährdet Haus- und Nutzgeflügel ganzjährig.
Warum gerade Gänse?
Eine Expertengruppe aus Niedersachsen empfiehlt auf Initiative der Niedersächsischen Tierseuchenkasse, der TiHo und des NGW deshalb eine vorbeugende HPAI-Impfung. Unter Leitung des FLI erarbeitete die Gruppe das Konzept für die Feldstudie. Gänse wurden ausgewählt, weil sie im Freiland einem hohen Infektionsdruck ausgesetzt sind. Gänseaufzucht und -mast erfordern Zugang zu Weideflächen – und genau dort steigt das Risiko, sich mit hochpathogenem aviärem Influenzavirus (HPAIV) anzustecken. Besonders relevant ist derzeit das in Europa verbreitete HPAIV H5N1.
Eine Forschungsgruppe des FLI untersuchte bei halbwüchsigen Mastgänsen bereits fünf kommerzielle Impfstoffe gegen HPAIV H5N1 der Klade 2.3.4.4b. Die Impfungen milderten die Folgen einer Infektion und verhinderten schwere Krankheitsverläufe deutlich. Das Wohlergehen der geimpften Tiere verbesserte sich erheblich, zugleich wurde eine deutlich geringere Viruslast festgestellt. Ob Impfungen auch das Übertragungsrisiko zwischen Gänseherden wirksam reduzieren, sollen weitere Studien klären.
Aus den Ergebnissen der Feldstudie sollen außerdem Impfempfehlungen für Puten abgeleitet werden. Laut Timm Harder vom FLI soll die Impfung künftig eine wichtige Säule der Geflügelpestbekämpfung werden. Dafür braucht es allerdings Lösungen, die über die Spritze hinausgehen: Wie lassen sich Handelsbeschränkungen vermeiden oder begrenzen? Wie werden geimpfte Bestände überwacht? Und welche Regeln gelten politisch und wirtschaftlich?
Die Studie soll mögliche Auswirkungen auf Handel und Export frühzeitig bewerten. Sabine Breul von der Orvia Group berichtete über Erfahrungen aus Frankreich und bot deutschen Partnern Unterstützung an. Vor Beginn der Studie ist gemeinsam mit dem Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft eine Delegationsreise nach Frankreich geplant; im Mittelpunkt sollen Handelshemmnisse stehen.
Impfung, Überwachung, Biosicherheit
Dass die EU bei diesem Thema nicht bei null anfängt, zeigt ein Gutachten der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA). Die EU ist seit mehreren Jahren von HPAI-Epidemien bei Wildvögeln und Nutzgeflügel betroffen. Besonders in Regionen mit vielen Geflügelbetrieben ist das Übertragungsrisiko hoch. Neben Überwachung, Biosicherheit und Früherkennung kann eine Impfung zur Eindämmung der HPAI eingesetzt werden.
Die Europäische Kommission beauftragte die EFSA mit einem Überblick über verfügbare HPAI-Impfstoffe, der Bewertung ihrer Wirksamkeit gegen aktuell zirkulierende Viren, der Untersuchung verschiedener Impfprogramme und der Bewertung von Überwachungs- und Risikominderungsmaßnahmen in geimpften Gebieten und Betrieben. Die letztgenannten Maßnahmen werden in einem gesonderten Gutachten behandelt, das voraussichtlich im März 2024 fertiggestellt wird.
Für ihre Bewertung berücksichtigte die EFSA ihr wissenschaftliches Gutachten aus dem Jahr 2007. Informationen zu Impfstoffen wurden durch Literaturrecherche, eine von der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) durchgeführte und von EFSA und WOAH verbreitete Umfrage, Konsultationen des EU-Referenzlabors und nationaler Referenzlaboratorien sowie über Websites von Pharmaunternehmen erhoben. Die Wirksamkeit verschiedener Impfstrategien wurde mit mathematischen Modellen simuliert. Einbezogen wurden veröffentlichte Studien ohne Einschränkungen bei Sprache oder Studienort, Umfragedaten, Daten zu Geflügelbeständen in Frankreich, Italien und den Niederlanden, HPAI-Ausbruchsdaten aus diesen drei Ländern und Daten zur vorbeugenden Keulung.
Ganz glatt ist die Datenlage nicht. Angaben zu Schutzwirkung und Schutzdauer der Impfstoffe sind uneinheitlich und begrenzt, ein detaillierter Vergleich der Impfstoffe war deshalb nicht möglich. Nur wenige Impfstoffe wurden bei anderen Geflügelarten als Hühnern untersucht; Praxisstudien zur Wirkung auf die Virusübertragung gibt es ebenfalls nur wenige.
Die EFSA aktualisierte die Informationen zu verfügbaren HPAI-Impfstoffen und ihren Eigenschaften. In der EU ist ein HPAI-Impfstoff für Hühner zugelassen. Bewertet wurden unter anderem Notimpfungen in Gebieten rund um einen HPAI-Ausbruch sowie vorbeugende Impfungen in Gebieten und Betrieben ohne nachgewiesene Infektion. Vorbeugende Impfungen gelten dabei als wirksamste Strategie, um die Zahl der Ausbrüche und die Dauer einer Epidemie zu verringern.
Geimpft werden sollten vor allem besonders empfängliche und stark zur Übertragung beitragende Geflügelarten in Gebieten mit hohem Übertragungsrisiko. Mehrfache Impfungen beziehungsweise Auffrischungen können den Schutz verbessern. Bei einem Ausbruch empfiehlt die EFSA in Gebieten mit hohem Übertragungsrisiko eine Notimpfung innerhalb eines Radius von 3 km. Die Wirksamkeit der Impfstoffe soll bei allen Impfstrategien überwacht werden.
Die Impfung ersetzt dabei weder Überwachung noch Früherkennung und Biosicherheit, sondern soll sie ergänzen. Empfohlen wird ein integrierter Ansatz zur Seuchenbekämpfung. Künftige Forschungsarbeiten sollen klären, welche Impfstofftypen entwickelt werden sollten, für welche Vogelarten Impfstoffe gebraucht werden, welche Eigenschaften weiter erforscht werden müssen und welche Studienarten dafür geeignet sind.
Als „verfügbare Impfstoffe“ gelten in der EFSA-Bewertung zugelassene inaktivierte Impfstoffe, zugelassene Impfstoffe mit anderen Wirkprinzipien als abgeschwächten Vogelgrippeviren, innerhalb oder außerhalb der
