Am 30. Oktober 2026 schaut die „Pforzheimer Zeitung“ auf den kommenden Samstag und auf Proteste, die in rund 30 deutschen Städten angekündigt sind. In Leipzig wurden die Schaufenster eines Ladengeschäfts aus Sorge vor möglichen Ausschreitungen bereits mit Platten vernagelt. Das wirkt nach außen wie ein ziemlich düsteres Vorspiel zu Demonstrationen, die sich selbst als gewaltfrei verstehen.

In mehreren größeren Städten will die Polizei mit Tausenden Einsatzkräften präsent sein. Sie soll verhindern, dass es zu Zuständen wie bei den jüngsten Ausschreitungen in Frankreich kommt. Der Beitrag der „Pforzheimer Zeitung“ ist als Kommentar des geschäftsführenden PZ-Verlegers Thomas Satinsky gekennzeichnet. Er bezeichnet die angekündigten Aktionen als angeblich gewaltfreie Demonstrationen gegen den Bildungsnotstand – ein Wort, bei dem bereits deutlich wird, wie umkämpft die Deutung der Proteste ist.

Organisiert werden sie von „Gen Z regelt“ beziehungsweise „Gen Z steht auf“. Die konkreten Verantwortlichen sind allerdings nicht eindeutig erkennbar. Das Impressum der Website wurde innerhalb einer Woche zweimal geändert, zuletzt war dort eine Schweizer Adresse angegeben. Mobilisiert wird vor allem über TikTok, Instagram und Telegram. Auch innerhalb der Bewegung knirscht es: Laut „Süddeutscher Zeitung“ trat der Bundessprecher von „Gen Z regelt“ zurück. Wegen der vielen beteiligten Akteure sei ein gemeinsamer friedlicher Rahmen nicht mehr ausreichend abgesichert.

Zwischen Bildungsnotstand und Sicherheitsdebatte

Auslöser der deutschen Mobilisierung ist eine Protestwelle in Frankreich, Italien, Spanien, Portugal und Albanien. Zehntausende Menschen gingen dort unter anderem wegen hoher Lebenshaltungskosten, für bessere Bildung und gegen Korruption auf die Straße. Einige Proteste eskalierten: Es kam zu Plünderungen, brennenden Barrikaden und Angriffen auf Sicherheitskräfte. Die deutschen Sicherheitsbehörden bereiten sich deshalb auf mögliche Ausschreitungen vor.

Die Gruppierung erklärt sich solidarisch mit Schülerprotesten in Frankreich und nennt sechs Forderungen: mehr Geld für Schulen, Suchthilfe und Psychotherapie statt Kürzungen; ein bezahlbares Leben und eine stärkere Berücksichtigung sozialer Sorgen; eine gerechte Verteilung der Lasten statt Einsparungen bei der jungen Generation; die Ablehnung der Wehrpflicht und eine stärkere Beteiligung junger Menschen an Entscheidungen; den Schutz der Grundrechte statt weiterer Überwachung sowie konsequenten Klimaschutz.

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Auf der eigenen Website betont „Gen Z regelt“, der Protest sei ausnahmslos friedlich. Gewalt gegen Menschen oder Sachen widerspreche den Grundsätzen der Bewegung. Gleichzeitig erschien auf einem Instagram-Konto namens „genzregelt“ mit mehr als 9.000 Followern ein Beitrag, der eine mögliche „Enteignung“ eines Gucci-Ladens relativierte und vor einer Trennung zwischen friedlichen und gewaltbereiten Demonstrierenden warnte. Das ist mindestens erklärungsbedürftig.

Die Bundesschülerkonferenz distanzierte sich wegen der aus ihrer Sicht unklaren Organisationsstruktur. Sie plant für den 20. November einen eigenen Protest in Berlin, an dem auch Lehrkräfte und andere Jugendbewegungen teilnehmen sollen. Protestforscher Jannis Julien Grimm von der Freien Universität Berlin, an der dieser Text verortet ist, hält eine lose Organisationsstruktur für typisch bei entstehenden Protestbewegungen. Früh mobilisierten solche Bewegungen häufig über informelle Netzwerke, persönliche Kontakte und digitale Kommunikation. Feste Zuständigkeiten, Sprecherrollen und politische Programme entwickelten sich oft erst später. Als Beispiel nennt Grimm Fridays for Future.

Er sieht in mehreren europäischen Ländern gemeinsame Ursachen: wachsende soziale Ungleichheit, steigende Lebenshaltungskosten, die chronische Unterfinanzierung des Bildungssystems, die Folgen der Klimakrise, von denen jüngere Generationen besonders langfristig betroffen sind, sowie die zunehmende Militarisierung mit Debatten über Wehrpflicht und Aufrüstung. Dazu kommt der Streit darüber, wer die Kosten politischer Entscheidungen trägt. In alternden Gesellschaften entsteht daraus ein Generationenkonflikt: Junge Menschen müssen mit den langfristigen Folgen leben, haben aber vergleichsweise wenig politisches Gewicht.

Ausschreitungen im Ausmaß der Ereignisse in Frankreich und Italien hält Grimm für unwahrscheinlich. Die französische Polizei gehe deutlich härter vor, zugleich hätten konfrontative Protestformen in Deutschland eine geringere gesellschaftliche Akzeptanz. Grünen-Chef Felix Banaszak warnt deshalb davor, Demonstrierende pauschal unter Generalverdacht zu stellen. Eine vorzeitige Kriminalisierung könne Menschen möglicherweise radikalisieren; die politischen Anliegen sollten stattdessen sachlich behandelt werden.

Das Bundesinnenministerium sieht keine konkreten Gewaltaufrufe. Allerdings hätten Teile der linksextremistischen Szene und einzelne ausländische Gruppierungen die Aufrufe aufgegriffen und beteiligten sich an der Mobilisierung. Der CDU-Abgeordnete Marc Henrichmann warnt vor einer möglichen Unterwanderung durch gewaltbereite Linksextremisten und bezeichnet die internationale Vernetzung der Szene als koordiniert. CDU-Innenexperte Alexander Throm befürchtet, die Proteste könnten von Linksextremisten und kriminellen Personen mit Migrationshintergrund „gekapert“ werden.

Die Berliner Polizeipräsidentin Barbara Slowik Meisel beobachtet Aufrufe, die an die Proteste in Frankreich anknüpfen. Diese fänden derzeit jedoch wenig Resonanz; konkrete Hinweise auf Plünderungsplanungen gebe es bislang nicht. Brandenburgs Innenminister Jan Redmann verweist ebenfalls auf Aufrufe aus der linksradikalen Szene. Halloween sei gezielt als Termin gewählt worden, weil Maskierungen in der Vergangenheit bei Körperverletzungen und Sachbeschädigungen genutzt worden seien. Redmann spricht von einem Versuch, französische Verhältnisse nach Deutschland zu bringen.

Innenstädte, offene Geschäfte, gespannte Nerven

Handels- und Immobilienverbände warnten Innenminister Alexander Dobrindt in einem Brief vor Folgen für Innenstädte und den Einzelhandel. Sie rechnen mit möglichen Betriebsstörungen durch Blockaden und Versammlungen. Sachbeschädigungen, Vandalismus und Plünderungen in Geschäften und Einkaufszentren könnten nicht ausgeschlossen werden. Gefordert wird eine starke Polizeipräsenz. In vielen Bundesländern bleiben die Geschäfte geöffnet, weil der Reformationstag dort kein Feiertag ist.

Die Bilder aus Leipzig – Holzplatten vor den Schaufenstern, bevor überhaupt demonstriert wurde – passen in diese nervöse Lage. Gleichzeitig bleibt der Widerspruch bestehen: Eine Bewegung kann friedliche Grundsätze formulieren und trotzdem von unterschiedlichen Akteuren mit unterschiedlichen Vorstellungen genutzt werden. Wer am Ende wofür spricht, ist bei „Gen Z regelt“ bislang nicht sauber zu erkennen.

Der Begriff „Gen Z“ selbst ist ebenfalls nicht exakt definiert. Das Pew Research Center zählt Menschen dazu, die nach 1996 geboren wurden. Die Bundeszentrale für politische Bildung nennt die Jahrgänge 1995 bis 2010. Gemeinsam ist ihnen, dass sie mit digitalen Medien aufgewachsen sind und keine eigene Erinnerung an eine Welt ohne Smartphones haben.

Ein Blick auf frühere Gen-Z-Proteste

Die angekündigten Aktionen stehen in einer längeren internationalen Reihe von Protesten, die häufig über digitale Netzwerke getragen wurden. In Hongkong dauerten die Proteste vom 9. Juni 2019 bis Mitte 2020. Anlass waren ein geplantes Auslieferungs- und Rechtshilfegesetz, der Abbau der Autonomie, Zensur, Autoritarismus, Polizeigewalt und soziale Ungleichheit. Nach dem Scheitern der Regenschirmbewegung von 2014 wurde das Auslieferungsgesetz zurückgezogen; zugleich wurden das Hongkonger Sicherheitsgesetz und ein Vermummungsverbot verabschiedet. Es folgten Massenauswanderung, Einschränkungen der Demokratie, eine Änderung des Wahlprozesses, Repressionen gegen Oppositionelle und Organisationen sowie neue Protesttaktiken. Die Proteste scheiterten.

In Chile gingen Menschen vom 7. Oktober 2019 bis zum 18. März 2020 wegen höherer Preise im öffentlichen Verkehr, steigender Lebenshaltungskosten, Jugendarbeitslosigkeit, Privatisierungen, sozialer Ungleichheit und der Pinochet-Verfassung auf die Straße. Die Preiserhöhung wurde zurückgenommen, Kabinettsposten wurden neu besetzt und ein Referendum über eine neue Verfassung angesetzt. Später wurde Gabriel Boric Präsident; Verfassungsvorschläge wurden 2022 und 2023 abgelehnt. Ergebnis: Reformen wurden erwirkt.

Im Libanon protestierten Menschen vom 17. Oktober 2019 bis zum 14. Oktober 2021 gegen Wirtschaftskrise, Austerität, Korruption, Sektarismus und Arbeitslosigkeit. Die Premierminister Saad Hariri und Hassan Diab traten zurück; die Regierung wurde gestürzt. In der Dominikanischen Republik folgten vom 16. Februar bis zum 12. März 2020 Proteste, nachdem Kommunalwahlen wegen technischer Probleme abgebrochen und vertagt worden waren.