Gießen und Marburg scheitern im Exzellenzwettbewerb trotz vier Forschungsclustern
Für den Verbund aus Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) und Philipps-Universität Marburg (UMR) ist der Traum von der Exzellenzuniversität geplatzt. Im Exzellenzwettbewerb des Bundesforschungsministeriums gibt es keinen Zuschlag. Die Entscheidung wurde am Freitag, 2. Oktober 2026, bekannt gegeben – und damit verpasst die JLU auch eine zusätzliche Bundesförderung von 27 Millionen Euro.
Die Universitätspräsidenten Katharina Lorenz aus Gießen und Thomas Nauss aus Marburg wussten bereits vorab vom Scheitern. Bei der Übertragung im Marburger Sprachatlas verließen viele der rund 100 Besucher den Saal frühzeitig. Große Feierlaune kam gar nicht erst auf.
Vier Cluster, aber kein Titel
Gießen und Marburg hatten sich gemeinsam in der zweiten Wettbewerbsrunde der Förderlinie „Exzellenzuniversitäten“ beworben. Die Chancen schienen nicht schlecht: Der Verbund konnte vier Exzellenzcluster vorweisen – zur Forschung und Therapie von Herz-Lungen-Krankheiten, zur Anpassungsfähigkeit des menschlichen Gehirns, zur Entwicklung besserer Energiespeicher und zur Bekämpfung des Klimawandels mithilfe von Mikroben.
Für Einzeluniversitäten sind mindestens zwei Exzellenzcluster Voraussetzung für eine Bewerbung, Universitätsverbünde benötigen mindestens drei. Im bundeslandübergreifenden Cluster POLiS („Post Lithium Storage“) forschen die JLU, das Karlsruher Institut für Technologie und die Universität Ulm an Energiespeichern.
Eine Woche vor der Entscheidung war am Gießener Campus Seltersberg noch das Richtfest für ein 76 Millionen Euro teures Forschungszentrum gefeiert worden. Geplant ist dort unter anderem eine spezielle Trockenkammer, der sogenannte „Antarktisraum“, für Spitzen- und Batterieforschung. Auch Unternehmen sollen die Anlage nutzen können. Die nun entgangenen 27 Millionen Euro wären vorwiegend in Stellen und in die Förderung von Nachwuchsforschern geflossen.
Gießen und Marburg im „intermediären Raum“
Ausgewählt wurden unter anderem die Universitäten in Jena, Freiburg und Köln, die Rhein-Main-Universitäten Darmstadt, Mainz und Frankfurt sowie das „Ruhr Innovation Lab“ aus Köln und Bochum. Zu den bereits zuvor ausgezeichneten Hochschulen zählen unter anderem die RWTH Aachen, die Universitäten Bonn, Dresden, Hamburg, Heidelberg, München und Tübingen sowie mehrere Berliner Hochschulen.
Die ausgezeichneten Einrichtungen liegen laut Artikel sämtlich in Metropolregionen. Gießen und Marburg gehören dagegen zum sogenannten „intermediären Raum“. Das macht die Niederlage nicht kleiner, erklärt aber einen Teil der Ausgangslage, in der sich der Verbund bewegt hat.
Für die JLU kommt der Rückschlag zudem in eine unruhige Phase. Wegen des demografischen Wandels und des Ausscheidens der geburtenstarken Jahrgänge rechnet die Universität in den kommenden Jahren mit dem Verlust von rund 140 Professoren.
„Weiterzumachen“ trotz Enttäuschung
Universitätspräsidentin Katharina Lorenz erklärte, für Verbesserungen bei künftigen Bewerbungen müsse zunächst das Feedback des Wissenschaftsrats abgewartet und ausgewertet werden. Die vier Exzellenzcluster machten Gießen zu einem starken Forschungsstandort in der Region, betonte Lorenz. Darauf könne man aufbauen. Nach der Enttäuschung müsse es weitergehen.
Gießens Oberbürgermeister Frank-Thilo Becher war trotz einer Knieverletzung zur Veranstaltung nach Marburg gekommen. Er würdigte das Engagement der Beteiligten und sprach sich dafür aus, den eingeschlagenen Weg zur Exzellenzuniversität fortzusetzen. Zugleich bedauerte Becher, dass das vorhandene wissenschaftliche Know-how und die Kapazitäten durch den fehlenden Titel international nicht sichtbarer würden.
Wer über die Exzellenzförderung entscheidet
Über Antragsskizzen und Anträge der Exzellenzstrategie entscheiden das Committee of Experts und die Exzellenzkommission. Das Committee of Experts besteht aus 39 ausgewiesenen Forschenden aus verschiedenen Wissenschaftsgebieten und repräsentiert damit das gesamte Disziplinenspektrum.
Die Mitglieder bringen außerdem langjährige Erfahrungen unter anderem im Ausland, im Hochschulmanagement, in der Lehre und in der Wirtschaft mit. Der oder die Vorsitzende des Wissenschaftsrats und der Präsident oder die Präsidentin der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gehören dem Committee of Experts ohne Stimmrecht an und führen gemeinsam den Vorsitz.
Zu den Aufgaben des Committee of Experts gehören die Festlegung der Förderbedingungen, die Bewertung von Skizzen und Anträgen auf Grundlage fachwissenschaftlicher Begutachtungen sowie Förderempfehlungen an die Exzellenzkommission. Das Gremium entscheidet auch, welche Skizzen zur Antragstellung berechtigen, und bewertet die Ergebnisse der Evaluation von Exzellenzuniversitäten.
Die Exzellenzkommission setzt sich aus dem Committee of Experts sowie den für Wissenschaft zuständigen Ministerinnen und Ministern des Bundes und der Länder zusammen. Auf Grundlage der Empfehlungen des Committee of Experts entscheidet sie über die Förderung von Exzellenzclustern und Exzellenzuniversitäten. Weitere Informationen stellt die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz auf ihrer Webseite zur Exzellenzstrategie bereit.
