Zernikows Dorfkirche: Wie Bauforschung und Dorfgemeinschaft ein mittelalterliches Bauwerk retten sollen
Wer auf der B 198 zwischen Prenzlau und Neubrandenburg unterwegs ist, sieht sie schon von Weitem: die zentral gelegene Dorfkirche und das Gutshaus von Zernikow. Rund 100 Menschen leben in dem Dorf, gut 30 von ihnen sind inzwischen Mitglied im Verein zur Unterstützung und Sanierung der Kirche. Für Brandenburg ist das kein kleines Detail, sondern fast schon eine halbe Dorfgemeinschaft in Vereinsform.
Der Förderkreis Alte Kirchen Berlin-Brandenburg hat die Kirche zur „Dorfkirche des Monats Oktober“ gewählt. Gefeiert wird dabei kein herausgeputztes Schaustück. Zernikow zeigt seine Kirche eher ohne Schminke – mit sichtbarem Sanierungsbedarf, aber auch mit einer erstaunlichen Nähe zum ursprünglichen Bau.
Ein Feldsteinsaal mit langer Geschichte
Im Kern steht dort eine evangelische Saalkirche aus gequaderten Feldsteinen. Der kleine Feldsteinsaal mit Westquerturm und Satteldach entstand in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Das Gebäude gehört heute zur Evangelischen Kirchengemeinde Menz im Pfarrsprengel Gransee, Kirchenkreis Oberes Havelland, und damit zur Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. Unter Denkmalschutz steht es ebenfalls.
Mehrfach wurde die Kirche umgebaut, zuletzt 1777. Damals kamen große Korbbogenfenster hinzu, außerdem wurde ein quadratischer Turm mit Haube und Laterne errichtet. An der Ostseite entstand eine Sakristei. Zwei schmale frühgotische Fenster blieben dort erhalten. Die Südvorhalle stammt aus dem 18. Jahrhundert; durch diesen südlichen Anbau betreten Besucher bis heute das Kirchenschiff.
Die Dächer wurden Mitte der 1990er-Jahre neu gedeckt. Abgesehen davon gibt es nur wenige und kaum sichtbare bauliche Veränderungen. Die Kirche gilt deshalb als weitgehend original erhalten – wobei „original“ hier nicht bedeutet, dass alles unangetastet wäre. Das Innere wurde im mittleren 18. Jahrhundert, möglicherweise 1777, barock umgestaltet.
Zu sehen sind eine Bretterdecke, eine dreiseitige Empore und eine verglaste Patronatsloge. Zur schlichten Ausstattung gehören außerdem einfaches Gestühl, zwei Epitaphien, eine Altarmensa ohne Aufbau, eine Kanzel an der Nordwand und eine Westempore. Der hölzerne Kanzelaltar aus der Mitte des 18. Jahrhunderts wurde 2006 restauriert. Seine korinthische Säulenarchitektur ist mit Rocailleschmuck und Akanthuswangen versehen; in den Wangen sitzen ovale Medaillons mit den Initialen der Stifter.
Auch zwei Messingblaker von 1720 gehören zur Ausstattung. Ihre getriebenen Rahmen zeigen Puttenköpfe, Laub- und Bandelwerk sowie Jünglingsbüsten in ovalen Spiegeln. Auf der Westempore hängen vier Porträts als Kopien: Michael Gabriel Fredersdorff († 1758), seine Ehefrau Karoline Maria von Labes, geborene Daum († 1810), deren dritter Ehemann Hans von Labes († 1777) und Amalie Caroline von Arnim († 1781), ihre Tochter aus dritter Ehe und Mutter des Dichters Achim von Arnim. Fredersdorff und Karoline Maria von Labes stifteten gemeinsam den Altar. Außerdem gibt es ein kleines Holzepitaph mit einem Porträt von Johann Friedrich Rakow († 1818).
Schon Theodor Fontane bezeichnete die Kirche zu seiner Zeit als sehenswert. Wer sie heute aufsucht, findet sie bei 53° 5′ 24,6″ N, 13° 5′ 23,7″ O.
Ein Gerüst, das mehr erzählt als nur von Statik
Im südlichen Eingangsbereich steht ein Holzgerüst. Es stützt die Deckenbalkenlage, wurde aber so umgebaut, dass man die Kirche betreten kann, ohne über Streben steigen zu müssen. Seine statische Funktion blieb erhalten. Gleichzeitig ist das Gerüst unübersehbar ein Hinweis darauf, dass die Kirche dringend saniert werden muss.
Der Verein, die Kirchengemeinde und die Dorfgemeinschaft lassen sich davon nicht ausbremsen. Regelmäßig finden Veranstaltungen in der Kirche statt. Im Zusammenhang damit wuchs der Verein von sieben auf inzwischen gut 30 Mitglieder. Bei rund 100 Einwohnern ist das ein hoher Anteil Engagierter – und vermutlich merkt man im Dorf ziemlich schnell, wenn jemand bei der nächsten Aktion fehlt.
Für eine umfassende Masterarbeit untersuchten drei Studenten der TU Berlin die Kirche. Unterstützt wurde die Arbeit vom Förderkreis Alte Kirchen. Die Bauforschung brachte eine unangenehme, aber wichtige Überraschung: Große Teile der Deckenbalkenlage und der Bohlenbretter stammen noch aus dem späten 14. Jahrhundert. Eine zunächst geplante einfache Reparatur der Deckenbalkenlage ließ sich deshalb nicht umsetzen.
Daraufhin initiierte die Denkmalfachbehörde des Landes Brandenburg gemeinsam mit der TU Berlin ein Bauforschungsprojekt. Die daraus entstandene Masterarbeit dokumentiert die Baugeschichte und stellt die Bauvolumina dar. Ihre Ergebnisse sollen nun für die dringend notwendige Instandsetzung genutzt werden.
Eine Restaurierung wurde bereits zwischen 1999 und 2004 unter anderem von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz gefördert. Jetzt geht es um die nächsten Schritte. Der Förderkreis Alte Kirchen unterstützt die Zernikower Initiative und sammelt Mittel für die Instandsetzung. Dabei soll nicht nur das Kirchengebäude gesichert werden; auch der Zusammenhalt der Dorfgemeinschaft soll gestärkt werden. Die Kirche bleibt derweil in Gebrauch. Veranstaltungen, Gespräche, vermutlich auch manches Stühlerücken – ganz ohne Nutzung wäre sie wohl längst nicht mehr das, was sie für Zernikow ist.
Vom einzelnen Dorf zur größeren Forschung
Der Zernikower Fall passt in einen größeren Zusammenhang. Vor mehr als 30 Jahren wurde in Berlin und Brandenburg der Förderkreis Alte Kirchen gegründet. Der Dachverein unterstützt und begleitet lokale Fördervereine bei der Instandsetzung von Kirchengebäuden und ihrer Ausstattung. Im Mittelpunkt stehen denkmalpflegerische Sicherungen und Wiederherstellungen gefährdeter, überwiegend ländlicher Kirchen; auf zahlreiche Sanierungs- und Restaurierungsprojekte kann der Förderkreis inzwischen zurückblicken.
Auch die TU Berlin ist dabei nicht bloß irgendein Name am Rand. Die Untersuchung in Zernikow zeigt, wie eng praktische Sicherung und historische Forschung zusammenhängen können: Erst die genaue Analyse der alten Balken und Bohlen machte klar, dass eine schnelle Reparatur nicht reichen würde.
In der Publikationsreihe „Kirchen im ländlichen Raum“ ist außerdem der Band „Dorfkirchen im Land Brandenburg und in den Nachbarregionen“ geplant. Herausgegeben wird er von Annett Xenia Schulz und Dirk Schumann; gewidmet ist er dem Andenken an Bernd Janowski. Der Sammelband behandelt mittelalterliche und frühneuzeitliche Architektur und Ausstattung und versammelt Tagungsbeiträge, ergänzt um weitere Themen. Inhaltlich bietet er einen Überblick über aktuelle Forschungen zu ländlichen Kirchen in Brandenburg und angrenzenden Regionen.
Der Band erscheint als Band 11 der Reihe. Vorgesehen sind eine Klappenbroschur mit 420 Seiten und 120 Abbildungen, teilweise vierfarbig, im Format 158 × 235 Millimeter. Es handelt sich um die 1. Auflage, ISBN 978-3-86732-494-6. Der geplante Erscheinungstermin ist der 20. November 2026; zum angegebenen Zeitpunkt, dem 2.10.2026, ist das Buch noch nicht erschienen.
Bernd Janowski, Mitbegründer des Förderkreises und Förderer zahlreicher Restaurierungen, starb 2023. Ebenfalls 2023 kamen Archäologen, Architekten, Bauforscher, Architekturhistoriker, Denkmalpfleger und Restauratoren aus mehreren Bundesländern zu einer ihm gewidmeten Tagung in Brandenburg an der Havel zusammen. Im Mittelpunkt standen neue Erkenntnisse zur Architektur und Ausstattung ländlicher Kirchen. Zernikow gehört genau in diese Landschaft – nicht als museales Einzelstück, sondern als Bau, an dem Forschung, Dorfleben und Denkmalpflege ziemlich unmittelbar aufeinandertreffen.
Dirk Schumann, einer der Herausgeber, wurde 1964 geboren und studierte Kunstgeschichte, Kulturwissenschaft sowie Ur- und Frühgeschichte in Berlin. Er arbeitet als freiberuflicher Kunsthistoriker und Bauarchäologe an verschiedenen Objekten in Brandenburg, Mecklenburg und Sachsen-Anhalt, beteiligt sich an Ausstellungen, Tagungen und Buchprojekten und veröffentlicht zur Backsteinarchitektur und Bauforschung. Gemeinsam mit Ernst Badstübner gibt er die Reihe „Studien zur Backsteinarchitektur“ heraus.
Seit 2004 hatte Schumann Lehraufträge an der Humboldt-Universität zu Berlin, der Universität Potsdam,
