Am heutigen 30.10.2026 startet am Standort Gotha eine Ausschreibung, die wissenschaftliche Grenzen bewusst nicht als feste Wände behandelt: Das Gerda-Henkel-Tandemstipendienprogramm richtet sich auf globale Ideengeschichte, vor allem auf transnationale und transkulturelle Verbindungen von Wissensbeständen.

Gesucht werden jeweils zwei Postdoktorandinnen oder Postdoktoranden, die ihre Promotion in unterschiedlichen Fächern abgeschlossen haben, sich mit ihren Expertisen ergänzen und ein gemeinsames Exposé einreichen. Im Mittelpunkt stehen Forschungsfragen zu globalen Verflechtungen und Wissenstransfers – Fragen also, deren Bearbeitung häufig mehrere Sprach- und Fachkenntnisse zugleich verlangt.

Zwei Fächer, ein gemeinsames Projekt

Als mögliche Kombinationen nennt das Programm etwa Sinologie und europäische Geschichte des 18. Jahrhunderts, Islamwissenschaft und Renaissanceforschung oder Afrikawissenschaft und Lateinamerikastudien. Bewerben sollen sich Forschungstandems mit einem gemeinsamen Projekt. Ziel ist, weiträumige Übertragungen und Verflechtungen sichtbar zu machen, die in einzelnen Fachgeschichten leicht untergehen.

Während ihres Aufenthalts sollen die Tandems mit den in Gotha vorhandenen Quellen arbeiten und gemeinsam eine Publikation oder einen weiterführenden Forschungsantrag vorbereiten. Das Programm will dabei Synergien zwischen fach- und sprachgebundenen Wissensbeständen schaffen. Expertise aus dem Globalen Süden und aus sogenannten kleinen Fächern soll ausdrücklich in Forschungsprojekte des Forschungszentrums Gotha einbezogen werden.

Damit verbindet sich auch ein inhaltlicher Anspruch: Etablierte Narrative der Frühneuzeitforschung sollen überprüft, europäische Perspektiven dezentriert werden. Das klingt nach viel Arbeit – und nach jener Sorte Arbeit, bei der ein Fund im Lesesaal plötzlich eine ganze Forschungsidee verschiebt.

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Quellen am historischen Sammlungsort

Gotha vereint dafür mehrere Einrichtungen und Sammlungstypen: eine der größten deutschen Frühneuzeitbibliotheken, ein frühneuzeitliches Residenzschloss mit weltweiten Objekt- und Kunstsammlungen sowie ein universitäres Forschungszentrum für Ideen-, Kultur- und Wissensgeschichte.

Verbunden werden können Manuskripte und alte Drucke mit Objekten der herzoglichen Kunst- und Naturalienkammer, Beständen der ethnologischen Sammlung, der Perthes-Kartensammlung, Werken der Gemäldegalerie und den Beständen des chinesischen Kabinetts. Die schriftlichen Quellen lassen sich dabei am historischen Sammlungsort und in ihrem ursprünglichen Sammlungskontext untersuchen – nicht bloß als aus dem Zusammenhang gelöste Dokumente.

Gerade diese Mischung macht den Ansatz greifbar: Eine Karte kann neben einem alten Druck liegen, ein Objekt aus der Naturalienkammer neben einem Hinweis in einem Manuskript. Dazu kommen unterschiedliche Sprachen, Methoden und Blickwinkel. Manchmal dürfte das produktiv knirschen. Genau daraus sollen neue Verbindungen entstehen.

Förderzeitraum und Bewerbung

Die Stipendienlaufzeit beträgt drei bis maximal sechs Monate. Der frühestmögliche Beginn ist der 1. März 2027; spätestens am 31. Dezember 2027 muss das Stipendium abgeschlossen sein.

Die Förderung beträgt 2.300 Euro monatlich. Zusätzlich stehen Zuschüsse zu Publikationskosten zur Verfügung. Weitere Informationen und die Bewerbungsmodalitäten sind auf der Stipendienwebsite verfügbar.

Für Forschende, die globale Wissenswege nicht nur aus einer Disziplin heraus betrachten wollen, liegt der Reiz des Programms damit nicht allein in der finanziellen Unterstützung. Entscheidend ist die gemeinsame Arbeit an einem Ort, an dem Bibliothek, Schloss, Sammlungen und Forschungszentrum eng beieinanderliegen – und an dem die nächste Spur womöglich zwischen zwei sehr unterschiedlichen Fächern auftaucht.