Hackerangriff legt Universität Leipzig lahm: Studierende kämpfen mit Ausfällen und Fristchaos
Ein Hackerangriff legt die Universität Leipzig auch am 6. November 2026 noch weitgehend lahm. Zehn Tage nach dem Angriff arbeitet die Hochschule an der Wiederherstellung ihrer IT-Systeme. Für mehr als 30.000 Studierende ist das kein Randproblem: Stundenpläne, Veranstaltungsverzeichnisse, Prüfungsnoten, Notenübersichten, Studien- und Immatrikulationsbescheinigungen, E-Mail-Dienste und digitale Lernplattformen sind nur eingeschränkt oder gar nicht erreichbar.
Die Abgabefrist für Haus- und Abschlussarbeiten wurde erneut verlängert. Betroffene Arbeiten müssen nun bis zum 20. November eingereicht werden. Zuvor war die Frist bereits einmal verschoben worden; Fristen für Online-Abgaben und betroffene schriftliche Prüfungsleistungen waren zunächst bis zum 6. November 2026 verlängert worden. Viele Studierende bleiben trotzdem nervös, weil Seminararbeiten und andere prüfungsrelevante Dokumente vielfach nicht hoch- oder heruntergeladen werden können.
Kein Moodle, kein AlmaWeb, viele offene Fragen
Seit Mittwoch, dem 28. Oktober 2026, ist der Hochschulbetrieb erheblich eingeschränkt. Die Universität trennte ihre Server nach dem Angriff vom Internet. Die internetverbundenen Server und Dienste wurden vorsorglich abgeschaltet, um eine weitere Ausbreitung möglicher Schadsoftware und zusätzlichen Schaden zu verhindern. Zeitweise waren sämtliche IT-Dienste und Webseiten nicht erreichbar.
Besonders spürbar ist der Ausfall der zentralen Plattformen AlmaWeb und Moodle. AlmaWeb enthält unter anderem Daten zum Studienverlauf und zur Studienverwaltung, Moodle normalerweise Lehrmaterialien, Aufgaben und Hinweise zu Lehrveranstaltungen. Nun fehlen Zugänge zu Stundenplänen, Veranstaltungsverzeichnissen, Zensuren, Notenübersichten und Universitätsmitteilungen. Studienverlaufsdokumente sowie Studien- und Immatrikulationsbescheinigungen lassen sich ebenfalls nicht wie gewohnt abrufen.
Das klingt bürokratisch, wird aber schnell praktisch: Immatrikulationsbescheinigungen werden unter anderem für BAföG-Anträge, Semestertickets und Kindergeld benötigt. An der Medizinischen Fakultät können bestimmte BAföG-Bescheinigungen und weitere Unterlagen derzeit nicht regulär bearbeitet werden. Vor den Hörsälen funktionieren digitale Anzeigetafeln teilweise nicht. Wo die Vorlesung stattfindet oder ob sich kurzfristig etwas geändert hat, ist dadurch mitunter schwer zu erkennen. Ein ziemlicher Blindflug, gerade für Erstsemester.
Die Rektorin Eva Inés Obergfell setzte einen Krisenstab ein. Das Universitätsrechenzentrum untersucht die Systeme gemeinsam mit einem externen IT-Notfall-Dienstleister. Noch befindet sich die Universität in der Analysephase und prüft, wie sich die Arbeitsfähigkeit teilweise wiederherstellen lässt. Die abgeschalteten Server sollten frühestens am Montag, dem 2. November 2026, wieder hochgefahren werden. Vorher müssen die Systeme untersucht und Sicherheitsrisiken ausgeschlossen werden. Danach sollen Anwendungen schrittweise und nach Priorität online gehen.
Ein konkreter Zeitplan für die vollständige Wiederherstellung existiert nicht. Die Rektorin rechnet mit mehreren Wochen. Wann alle IT-Dienste wieder funktionieren, ist offen. Ungeklärt bleibt außerdem, wie die Angreifer in die Systeme gelangten, ob persönliche Daten von Studierenden oder Beschäftigten abgeflossen sind, wer hinter dem Angriff steckt und welches Motiv es gab. Die Universität informierte die zuständigen Behörden und erstattete Anzeige gegen Unbekannt.
Lehre läuft, Kommunikation holpert
Präsenzveranstaltungen sollen grundsätzlich planmäßig stattfinden. Die Lehrveranstaltungen finden also im Kern normal statt. Digitale Angebote mussten teilweise verschoben oder über externe Plattformen organisiert werden. Die Universitätsbibliothek soll am Wochenende geöffnet bleiben, Bücher ausleihen können Studierende über die regulären Systeme derzeit jedoch nicht.
Auch die Kommunikation bleibt mühsam. Universitäts-E-Mails kommen nicht an, die reguläre Webseite ist nicht erreichbar. Eine vorübergehend eingerichtete Informationsseite ist unter der üblichen Internetadresse www.uni-leipzig.de zu finden. Dort beantwortet die Universität wichtige Fragen für Studierende und Beschäftigte. Über die Ersatz-Webseite und Instagram informiert sie über neue Entwicklungen.
Einige Einrichtungen sind über ein externes E-Mail-System erreichbar, darunter die Universitätsbibliothek, das Zentrum für Hochschulsport und das Sprachenzentrum. Das Universitätsrechenzentrum will Fakultäten und Einrichtungen außerdem Funktionspostfächer für eine eingeschränkte Kommunikation bereitstellen.
Viele Studierende wenden sich mit Fragen an den StudentinnenRat, weil Ansprechstellen nur eingeschränkt erreichbar sind. Laut StudentinnenRat sorgt vor allem der Ablauf von Fristen für Verunsicherung. Die Plattformen fehlen, die Anzeigetafeln schweigen, und selbst ein Dokument, das sonst in wenigen Klicks heruntergeladen wäre, kann plötzlich zum Problem werden.
Ein Angriff in einer besonders offenen Umgebung
Der Vorfall steht nicht isoliert da. Hochschulen speichern große Mengen personenbezogener Daten, Finanzinformationen und Forschungsergebnisse. Gleichzeitig greifen Studierende, Lehrende, Beschäftigte, Forschende, Dienstleister und Besucher von vielen Geräten und Orten aus auf miteinander verbundene Systeme zu. Zur Angriffsfläche gehören Studierendendatenbanken, Forschungsrepositorien, E-Mail-Server, Lernplattformen, offene WLANs, öffentliche Labore, Gastnetzwerke sowie getrennte Forschungs-, Verwaltungs- und Organisationsnetze.
Private Laptops, Tablets und Smartphones im Rahmen von BYOD, nicht genehmigte Cloud- und Filesharing-Dienste sowie oft weniger stark abgesicherte IoT-Geräte machen die Sache nicht leichter. Dazu zählen Sensoren, smarte Klassenräume, Laborgeräte, HLK-Systeme, Überwachungskameras und intelligente Gebäudetechnik. In den Systemen liegen Studierenden- und Mitarbeitendenakten, Finanz- und Gesundheitsdaten, geistiges Eigentum und Forschungsdaten. Externe Anbieter für Zulassung, Gehaltsabrechnung und andere Funktionen schaffen zusätzliche Abhängigkeiten.
Cybersecurity an Hochschulen meint deshalb weit mehr als eine Firewall: Es geht um den Schutz von Menschen, Daten und Technologien in Lehre, Forschung und Verwaltung, um Identitäts- und Zugriffsverwaltung, Bedrohungserkennung und -abwehr sowie um Datenschutzgesetze und institutionelle Standards. Fällt ein Lernmanagementsystem oder eine Forschungsinfrastruktur aus, stockt nicht nur der Stundenplan. Forschungsprojekte können sich verzögern, Forschungsergebnisse gefährdet werden, und hinzu kommen Kosten für Wiederherstellung, Forensik, mögliche Bußgelder und Schadensersatzforderungen.
Die Zahlen sind rau. Eine Zero-Day-Schwachstelle im File-Transfer-Dienst MOVEit legte Daten von mehr als 2.700 Organisationen offen, darunter Hochschulen. Bekannte Ransomware-Angriffe auf Schulen und Hochschulen stiegen von 129 im Jahr 2022 auf 265 im Jahr 2023. Zwischen 2024 und 2025 nahmen Ransomware-Angriffe im Bildungssektor um 69 Prozent zu. Seit 2018 waren mehr als 8.000 Schulen und Hochschulen betroffen.
US-Bildungseinrichtungen verzeichneten 2023 durchschnittlich 12,6 Ausfalltage, 2021 waren es 8,7. Die geschätzten täglichen Ausfallkosten lagen bei rund 548.000 US-Dollar. Laut UK Cyber Security Breaches Survey 2025 meldeten 97 Prozent der Hochschulen und Einrichtungen der weiterführenden Bildung einen Phishing-Vorfall; bei Grund- und Sekundarschulen waren es 89 Prozent. Im zweiten Quartal 2025 war der Bildungssektor durchschnittlich 4.388 Cyberangriffen pro Woche ausgesetzt – 31 Prozent mehr als im Vorjahr und mehr als doppelt so viele wie im weltweiten Branchendurchschnitt.
Phishing bleibt der häufigste Einstiegspunkt. Angreifer imitieren Campusdienste oder Autoritätspersonen, stehlen Zugangsdaten oder verbreiten Schadsoftware und bewegen sich nach einem erfolgreichen Zugriff im Netzwerk weiter. Ein einziger kompromittierter Nutzer kann so eine größere Datenexposition ermöglichen. Beim Business Email Compromise geben sich Täter etwa als Dienstleister oder Administratoren aus und greifen Finanz- oder Beschaffungsabteilungen an. Datenlecks entstehen häufig durch Schwachstellen in Webanwendungen oder Drittanbieter-Integrationen; betroffen sein können Studierenden-, Mitarbeitenden- und Forschungsdaten. Datenlecks im Hochschul- und Weiterbildungsbereich verursachten 2023 Kosten von etwa 3,7 Millionen US-Dollar.
Auch Distributed-Denial-of-Service-Angriffe gehören zum Repertoire. Sie überlasten Netzwerke oder Systeme mit Datenverkehr und können Anmeldeportale, Lernmanagementsysteme und Campus-Websites außer Betrieb setzen – zur Sabotage oder als Ablenkung von weiteren Angriffen. Ransomware- und Lieferkettenangriffe nehmen weiter zu, Forschungsdaten und geistiges Eigentum geraten durch Cyber-Spionage stärker unter Druck. Universitäten gelten als zweitwichtigstes Ziel staatlich geste
