Wenn am Mittwoch, 14. Oktober, um 17 Uhr im Seminarraum 5 des Hörsaalgebäudes 35 am Universitätsklinikum des Saarlandes der erste Vortrag beginnt, geht es um eine Frage, die längst nicht mehr nach ferner Zukunft klingt: Was macht der Klimawandel mit unserer Gesundheit? Prof. Dr. Jürgen Rissland eröffnet die Fortbildungsreihe „Klimawandel – Herausforderung für Nachhaltigkeit und Gesundheit“. 14 wöchentliche Vorträge sind vorgesehen, offen für Medizinstudierende, Ärzte und interessierte Bürger.

Rissland ist Facharzt für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie und beschäftigt sich seit rund 20 Jahren mit den gesundheitlichen Folgen des Klimawandels. Für seine Arbeit während der Corona-Pandemie erhielt er den Ehrentitel Sanitätsrat. Gemeinsam mit weiteren Experten organisiert er die hybride Reihe an der Universität des Saarlandes – also nicht nur für Menschen, die nach Homburg kommen können. Die Online-Teilnahme ist ohne Anmeldung möglich.

Wenn Mücken neue Krankheiten bringen

Angefangen hat Rissland mit der Frage, wie sich das Klima auf Infektionskrankheiten auswirkt. Nach seinen Angaben sind etwa zwei Drittel der in Europa vorkommenden Erreger klimasensibel. Höhere Temperaturen und häufigere Überschwemmungen können ihre Entwicklung und Vermehrung fördern. Gleichzeitig könnten exotische Überträger und tropische Krankheiten in Europa Fuß fassen.

In Italien haben sich Dengue-, Chikungunya- und West-Nil-Viren etabliert. Die Asiatische Tigermücke wird inzwischen auch häufiger in Saarbrücken gefunden. Ist sie einmal heimisch, lässt sie sich laut Rissland praktisch nicht mehr ausrotten. Maßnahmen wie jene in Rheinland-Pfalz können ihre Population allerdings eindämmen.

Für eine starke Ausbreitung müssen mehrere Dinge zusammenkommen: Die Mücke muss heimisch und als Überträger geeignet sein, sie muss mit dem Erreger infiziert sein, und das Virus muss gegebenenfalls an die nächste Mückengeneration weitergegeben werden. Wie schnell sich so etwas entwickeln kann, zeigt das West-Nil-Virus in den USA: Nach seinem Auftreten in einem Bundesstaat breitete es sich innerhalb von zehn Jahren fast landesweit aus.

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Hitze trifft nicht alle gleich

Die Weltgesundheitsorganisation bezeichnete den Klimawandel laut Rissland vor etwa fünf Jahren als größte Bedrohung für die menschliche Gesundheit. Das Robert Koch-Institut registrierte in Deutschland in diesem Sommer mehr als 16.000 Hitzetote. Hitzebedingte Übersterblichkeit sei vorhersehbar, trotzdem fehlten vielerorts Vorbereitung und Anpassungsmaßnahmen.

Dass politische Reaktionen oft verspätet kommen, führt Rissland unter anderem darauf zurück, dass die Folgen des Klimawandels über längere Zeiträume sichtbar werden. Das politische System reagiere häufig erst, wenn etwas bereits passiert sei. Er plädiert deshalb für frühzeitige Vorsorge. Denn es geht nicht nur um heiße Tage, sondern auch um Stürme, Starkregen und Überschwemmungen.

In der Vortragsreihe wird unter anderem besprochen, wie Hitze die Sterblichkeit und bestehende Erkrankungen beeinflusst. Menschen mit Diabetes können stärker belastet sein, weil Stoffwechsel und Temperaturregulation bei Hitze beeinträchtigt werden können. Auch Atemwegs- und Lungenerkrankungen, verstärkte Allergien, mögliche Asthmaerkrankungen und Feinstaubbelastung stehen auf dem Programm. Dazu kommen Mangelernährung und lebensmittelbedingte Krankheiten infolge von Ernteausfällen in anderen Weltregionen.

Der Blick reicht außerdem auf psychische und psychosoziale Folgen, darunter eine mögliche Zunahme von Depressionen. Schutzmaßnahmen im Berufsalltag und Anforderungen an die Pflege werden ebenfalls behandelt. Neben Problembeschreibungen soll es ausdrücklich um praktische Handlungsmöglichkeiten gehen – nicht bloß um eine weitere Liste schlechter Nachrichten.

Krankenhäuser und Pflegeheime im Saarland seien besser vorbereitet als früher, hätten aber weiterhin deutlichen Verbesserungsbedarf, sagt Rissland. Er verweist auf den hohen Eigenanteil für Pflegeheime im Saarland und hält Investitionen in besseren Hitzeschutz für ältere Menschen für sinnvoll. Krankenhäuser stünden zwar am Ende der Versorgungskette und seien inzwischen besser vorbereitet, doch Rissland fordert einen stärkeren Fokus auf Prävention statt ausschließlich auf Behandlung.

Auch das Gesundheitswesen muss sich verändern

Medizinische Einrichtungen verursachen laut Rissland etwa fünf Prozent der deutschen Treibhausgasemissionen. Rund ein Drittel davon entfällt auf Krankenhäuser. Eine Reduktion der Umweltbelastung um 50 Prozent sei bei gleichbleibender Leistung möglich.

Ansatzpunkte gibt es bei den direkten Emissionen, bei Gebäuden und Logistik sowie beim Strom-, Heizungs- und Kühlungsmanagement. Besonders groß ist der Hebel in den Lieferketten – von der Produktion über den Transport bis zur Entsorgung medizinischer Produkte. Bestimmte medizinische Stoffe haben klimaschädliche Auswirkungen. FCKW-Emissionen konnten durch ein weltweites Verbot deutlich reduziert werden; das frühere Narkosemittel Halothan sollte laut Rissland nicht mehr verwendet werden.

Freiwillige Verhaltensänderungen reichen seiner Ansicht nach nicht in allen Bereichen. Dort, wo es nötig sei, müsse auch Regulierung greifen. Die Vortragsreihe soll durch Wissen und Aufklärung ein Umdenken ermöglichen. Geplant sind Praxisbeispiele dazu, wie Ärzte auf klimabedingte Veränderungen reagieren können. Die Inhalte sollen allgemein verständlich bleiben, ohne unnötige Fachbegriffe.

Auf dem Programm stehen neben psychischer Gesundheit, Atemwegen und Ernährungssicherheit auch Katastrophenschutz und Nachhaltigkeit im öffentlichen Gesundheitswesen. Die hybride Form soll approbierten Ärzten die Teilnahme ermöglichen, ohne dass sie zusätzlich nach Homburg anreisen müssen. Link und vollständiges Programm stehen auf der Website von Scientists for Future Saarland: www.s4f-saarland.de.

Ein Risiko, das sich in vielen Bereichen zeigt

Wie groß das gesundheitliche Feld ist, zeigt auch der Sachstandsbericht des Umweltbundesamtes von 2023. Mehr als 90 Autorinnen und Autoren aus rund 30 Behörden und Institutionen bündelten darin die aktuelle Evidenz für Deutschland; veröffentlicht wurden die Ergebnisse in 14 Artikeln im „Journal of Health Monitoring“. Der Klimawandel gewinnt für die menschliche Gesundheit in Deutschland zunehmend an Bedeutung, Prognosen erwarten erhebliche Risiken.

Direkte gesundheitliche Auswirkungen können durch häufiger auftretende Extremwetterereignisse entstehen: Hitzeperioden, Stürme und Orkane sowie Hochwasser und Überschwemmungen infolge von Stark- oder Dauerregen. Möglich sind Infektionen, Verletzungen und Todesfälle, aber auch Stress, Angstzustände, Traumata und Depressionen.

Daneben verändern sich Umweltbedingungen schleichend. Qualität und Verfügbarkeit von Trinkwasser und Lebensmitteln können beeinträchtigt werden. Biologische Allergene wie Pollen können verändert oder länger auftreten. Zecken und Stechmücken können ihre Verbreitung verändern. Das Umweltbundesamt verweist außerdem auf gesundheitliche Herausforderungen und Anpassungsmaßnahmen, physische und psychische Folgen, Auswirkungen auf Infektionskrankheiten und antimikrobielle Resistenzen, Allergien, Augenprobleme und Gewitterasthma sowie krankheitsübertragende Tiere und invasive Mücken in Deutschland.

Auch Trinkwasser und Handlungsempfehlungen für Behörden und andere Akteure gehören zu den dort genannten Themen. Der Beitrag wurde zuletzt am 25.09.2023 aktualisiert. In Homburg wird der Blick nun vom Hörsaal aus weitergeführt – hinein in Kliniken, Pflegeheime, Arztpraxen und in den Alltag vor der eigenen Haustür.