Krisenbegleitung für Kinderintensivteams: Hannover setzt auf Selbstfürsorge und psychosoziale Versorgung
Hannover bekommt 2027 erneut ein Weiterbildungsangebot für Menschen, die im Krankenhaus mit Krisen leben müssen: Der gemeinnützige Verein „Kleine Herzen Hannover“ bietet kostenlose beziehungsweise geförderte Kurse zur Krisenbegleitung an. Angesprochen sind unter anderem Ärzte, Pflegekräfte und Therapeuten. Sie sollen lernen, psychische Belastungen zu bewältigen, sich selbst zu schützen und in akuten Krisensituationen angemessen zu reagieren.
Die Schulungen finden täglich von 9 bis 16 Uhr in Seminarräumen des Hotels Leonardo Medical Park in Hannover statt. Im Mittelpunkt steht der Arbeitsalltag auf Kinderintensivstationen: der plötzliche Tod eines Kindes, schwere akute oder chronische Erkrankungen, betroffene Eltern, Kolleginnen und Kollegen – und die eigene psychische Belastung. Keine leichte Kost, aber eben der Stoff, an dem viele Beschäftigte im Alltag nicht vorbeikommen.
Zwischen Kinderintensivstation und Selbstfürsorge
Dozent ist Martin Turowski, Gründer der Akademie Ratzeburg. Er hat Kommunikations- und Betriebspsychologie studiert und eine systemische Coaching-Ausbildung absolviert. Laut Artikel bleiben Pflegekräfte durchschnittlich etwa fünf Jahre auf Kinderintensivstationen. Der leitende Oberarzt der Kinderintensivstation, Dr. Michael Sasse, betont deshalb die Bedeutung von Selbstfürsorge und Achtsamkeit – ebenso wie eine fachkundige und empathische Begleitung der Eltern.
„Kleine Herzen Hannover“ finanziert das Projekt seit 2015. Mehr als 1.300 Mitarbeitende aus zahlreichen Krankenhäusern in Deutschland haben bislang teilgenommen. Nach der Weiterbildung können Absolventen im pädiatrischen Netzwerk „PIN“ mitarbeiten. Darin sind 53 Kliniken in Norddeutschland zusammengeschlossen. Die Häuser nutzen Telemedizin und arbeiten über Kameras und Bildschirme bei der Behandlung erkrankter oder verletzter Kinder zusammen. Jährlich werden über „PIN“ rund 430 Kinder versorgt.
Nach Angaben von Dr. Sasse sank die Sterblichkeit gemeinsam behandelter Patienten seit Einführung des Netzwerks von 15 bis 20 Prozent auf unter fünf Prozent. Für Teilnehmer aus den 53 „PIN“-Krankenhäusern übernimmt der Verein die Seminarkosten; fällig werden lediglich 50 Euro für Snacks und Getränke. Wer nicht in einem „PIN“-Krankenhaus tätig ist, zahlt 200 Euro Kurskosten.
Zertifikat, Folgekurse und Alera-App
Die regulären Kosten liegen laut Artikel bei 950 Euro für den Grundkurs und 490 Euro für die Aufbaukurse. „Kleine Herzen Hannover“ übernimmt diese Beträge seit der Gründung des Projekts vor mehr als zwölf Jahren. Nach Vereinsangaben wurden dafür bislang mehr als 500.000 Euro aus Spendenmitteln bereitgestellt.
2027 werden die Kurse erneut wissenschaftlich begleitet und evaluiert. Teilnehmer der viertägigen Grundkurse erhalten neben einem Zertifikat eine kostenlose Freischaltung für die Alera-App zur mobilen Ersthilfe in Krisensituationen. Seit 2020 kann außerdem ein offizielles Zertifikat als Krisenbegleiter erworben werden. Voraussetzung sind die Teilnahme am Grundkurs und zwei jeweils zweitägige Folgekurse. Wer keine Zertifizierung anstrebt, darf die Kurse trotzdem besuchen.
Weitere Informationen gibt es bei der MHH und unter kleineherzen.de. Die Anmeldung läuft über www.krisenbegleitung-kleineherzen.de. Informationen zur App stehen unter alera.app.
Belastung auf Intensivstationen bleibt hoch
Der Bedarf an solchen Angeboten kommt nicht aus dem Nichts. Intensivstationen sind für Patienten, Angehörige und Beschäftigte Orte extremer Belastung: hoher Zeitdruck, große Verantwortung, komplizierte Medizintechnik und ein hoher Pflegeaufwand treffen dort aufeinander. Der Personalmangel verschärft die Lage zusätzlich. Studien zufolge berichten 75 Prozent der Intensivpflegekräfte über psychosomatische Beschwerden. Stress, Ängste, Depressionen und Burnout gehören zu den häufigen Belastungen. Rund 30 Prozent der Beschäftigten erwägen, den Beruf oder zumindest die Intensivstation zu verlassen.
Die Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg entwickelt unter Federführung der Universitätsmedizin Ulm und gemeinsam mit der Charité Berlin ein Konzept zur psychosozialen Versorgung auf Intensivstationen. Untersucht wird der Unterstützungsbedarf von Mitarbeitenden, Patienten und Angehörigen – anhand vorhandener Studien, von Einzelinterviews und einer Onlinebefragung. Geplant sind Trainings zur Stärkung der psychischen Belastbarkeit, Strategien zur Stressbewältigung und zum Stressabbau sowie Supervisionen, in denen belastende Erlebnisse einzeln oder in Gruppen aufgearbeitet werden können.
Frühere Untersuchungen, auch aus der Coronapandemie, nennen als zentrale Belastungsfaktoren die hohe Arbeitslast, die große Verantwortung, die zusätzliche psychische Betreuung von Patienten und Angehörigen sowie fehlende Unterstützung und Anerkennung durch Arbeitgeber und Vorgesetzte. Der neue integrative Ansatz nimmt deshalb alle Beteiligten in den Blick, nicht nur das Personal. Wenn Patienten und Angehörige psychisch entlastet werden, kann das auch die medizinischen und pflegerischen Teams entlasten.
Vorgesehen ist unter anderem eine psychologische Fachkraft pro Stationsteam. In einer Pilotstudie soll die Praxistauglichkeit des Konzepts auf acht Intensivstationen beteiligter Universitätskliniken geprüft werden. Der Start in Magdeburg war für Sommer 2025 vorgesehen. Anschließend soll eine Wirksamkeitsstudie klären, ob die Maßnahmen die psychische Belastung verringern. Betroffene Fachkräfte, Patienten und Angehörige können anonym an einer etwa 15- bis 20-minütigen Onlinebefragung zum Projekt „IPS-Pilot – Integrierte Psychosoziale Versorgung in der Intensivmedizin“ teilnehmen.
Wie dauerhaft die Belastung sein kann, zeigte außerdem eine Studie der PFH Hochschule Göttingen, der Universität Wien und der Fernuniversität Hagen. Sie untersuchte die psychische Gesundheit von 421 Gesundheitsfachkräften in Deutschland und Österreich während der Jahre 2020 bis 2022. Die Belastung blieb während der Pandemie konstant; Hinweise auf eine Gewöhnung wurden nicht festgestellt. Verglichen wurden Ärztinnen und Ärzte, Rettungskräfte sowie Pflegekräfte.
Pflegekräfte waren zu allen Untersuchungszeitpunkten am stärksten psychisch belastet. Sie zeigten häufiger Symptome von Angststörungen und Depressionen und insgesamt eine schlechtere psychische Gesundheit. Mittlere oder schwere Depressionssymptome berichteten 24 Prozent der Ärztinnen und Ärzte und 36 Prozent der Pflegekräfte. Damit bestätigen die Ergebnisse frühere Studien, nach denen Pflegepersonal stärker belastet ist als andere Gesundheitsberufe.
Auch der Blick auf die kommenden Jahre ist angespannt: Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamts könnten 2034 rund 90.000 Pflegekräfte gegenüber dem erwarteten Bedarf fehlen. Bis 2049 wird wegen der Alterung der Gesellschaft mit einem Fehlbestand von 280.000 bis 690.000 Pflegekräften gerechnet. Der zunehmende Personalmangel könnte die Belastung auf den Stationen weiter verschärfen – und den Griff zu einer Tasse Kaffee zwischen zwei Krisengesprächen noch häufiger zur kleinen Verschnaufpause machen.
