Skat an der Universität Leipzig: Zwischen Nachwuchssorge und immateriellem Kulturerbe
Eine Herz-Zehn landet auf der Kreuz-Dame. Marten Fiedler schmierte sie bewusst auf die Karte seines Mitspielers – Punkte sammeln, ganz nüchtern. Neben ihm sitzt sein Bruder Lukas, doch der kann mangels Kreuz- und Trumpfkarten keinen Stich bedienen. Später verliert er die Partie. Kein Drama. Eher ein Schulterzucken, Karten einsammeln, weitermachen.
Jedenfalls sieht Skat an diesem Abend an der Universität Leipzig genau so aus: sieben junge Menschen, die wöchentlich an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur zusammensitzen und lernen. Angeboten wird der Kurs von den Online-Weltmeistern Florian Pieper und Theodor Liebing. Es wird gerechnet, gereizt und gelegentlich tief über die nächste Karte nachgedacht. Lautes Ärgern? Spott? Fehlanzeige. Die Atmosphäre lebt von gegenseitiger Hilfe, nicht von einer Meckerkultur.
Zwischen Hobby und Nachwuchsproblem
Lukas Fiedler nimmt seine Niederlage gelassen. Skat sei für ihn ein Hobby. Genau diese Haltung passt zum Leipziger Kurs, der nicht nach Kneipenregel funktioniert: Anfänger werden nicht vorgeführt, sondern mitgenommen. Das ist wichtig, denn Timo Strömel, beim Skatverband für junge Menschen zuständig, schätzt, dass Skat an etwa 15 bis 20 Hochschulstandorten angeboten wird. Gleichzeitig berichtet er von abnehmender Popularität und einer relativ hohen Einstiegshürde. Wer direkt gegen deutlich erfahrenere Spieler antreten muss, kann die Freude schnell verlieren.
Der Deutsche Skatverband hat in den vergangenen zehn Jahren rund 5.000 Mitglieder verloren und zählt noch etwa 14.000. Verbandsvorsitzender Hans-Jürgen Homilius führt den Rückgang unter anderem darauf zurück, dass das Spiel seltener innerhalb der Familie weitergegeben werde. Seine Vermutung: Die zunehmende Handynutzung beeinträchtigt das familiäre Zusammensein. Karten auf den Tisch, statt alle auf den Bildschirm zu schauen – das klingt simpel, ist im Alltag aber offenbar gar nicht so leicht.
Joachim Schreiner, Vorsitzender des Deutschen Online-Skatverbands, meint, Skat habe die Digitalisierung im Vergleich zu Poker und Schach verpasst. Sein Online-Verband zählt nach eigenen Angaben etwa 25.000 aktive Spieler, davon schätzungsweise nur 500 bis 600 unter 30 Jahren. Auch ältere Spieler sieht Schreiner in der Verantwortung: Sie hätten sich zu wenig um Nachwuchs gekümmert. Jugendliche seien teilweise aus Vereinen verdrängt oder abgeschreckt worden. Im Leipziger Kurs ist von dieser von Schreiner beschriebenen Meckerkultur nichts zu merken.
Ein Spiel für viele – mit Glück nur am Anfang
Skat kann unabhängig von Geschlecht, Alter und sozialer Schicht als Wettkampfsport oder Freizeitbeschäftigung gespielt werden. Glück spielt ausschließlich bei der Kartenverteilung eine Rolle; wie sich die Partie entwickelt, hängt vom Können der Spieler ab. Menschen verschiedener Altersgruppen, Nationalitäten und Bevölkerungsschichten kommen dabei zusammen. Das Spiel fördert soziale Kompetenzen und Gemeinschaft, macht Freude und bietet eine Pause vom Alltag.
Häufig wandert Skat innerhalb von Familien von Generation zu Generation. Genau diese Weitergabe scheint brüchiger zu werden. Der Deutsche Skatverband und zahlreiche Skatvereine versuchen, das Spiel zu erhalten, veranstalten regelmäßig Turniere und andere Veranstaltungen. 2016 wurde Skat in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen.
Die erste aktenkundige Erwähnung stammt laut Deutschem Skatverband aus dem Jahr 1813. Mit Skat verbunden werden auch Redewendungen wie „aus dem Schneider sein“ und „keinen Stich machen“. Eindeutig belegt ist die Herkunft allerdings nicht. Merle Benter vom Leibniz-Institut für Deutsche Sprache weist darauf hin, dass es für beide Ausdrücke keine sicheren Nachweise aus dem Skat gibt. Für „aus dem Schneider sein“ gebe es lediglich Hinweise auf einen Ursprung im allgemeinen Kontext des Kartenspielens.
Von Altenburg in die Hörsäle
1813 wurde Skat von mehreren Bürgern der Stadt Altenburg auf Grundlage bereits bestehender europäischer Kartenspiele entwickelt. Die Frühgeschichte ist allerdings nicht vollständig erforscht; manches, was darüber erzählt wird, gehört eher ins Reich unbelegter Legenden. Als Grundlage diente das Dreiwendsch, eine Variante des Wendischen Schafkopfs. Das Reizen kam vom L’Hombre und dem vereinfachten Deutschen Solo, das Ablegen von zwei Karten vom Tarock. Doppelkopf ist kein Vorläufer des Skats, sondern wie Skat eine Weiterentwicklung des deutschen Schafkopfs.
Als erste Skatspieler und mögliche „Erfinder“ gelten Altenburger Honoratioren: der Gymnasialprofessor Johann Friedrich Ludwig Hempel (1773–1849), der Medizinalrat Hans Carl Leopold Schuderoff, der Hofadvokat und Notar Friedrich Ferdinand Hempel (1778–1836), der Ratsherr Carl Christian Adam Neefe (1774–1821) sowie der Kanzler Hans Carl Leopold von der Gabelentz (1778–1831). An den Spielrunden nahm auch der Verleger Friedrich Arnold Brockhaus teil. Von der Gabelentz’ Spielabrechnungen aus den Jahren 1798 bis 1829 sind im Thüringischen Staatsarchiv Altenburg erhalten. Am 4. September 1813 wurde dort erstmals die Bezeichnung „Scat“ verwendet.
Eine weitere frühe schriftliche Erwähnung erschien am 25. Juli 1818 in den „Osterländischen Blättern“ unter dem Titel „Das Skadspiel“. In den folgenden Jahren verbreitete sich das Spiel besonders unter Studenten thüringischer und sächsischer Universitäten und später im deutschen Sprachraum. Johann Friedrich Ludwig Hempel veröffentlichte 1848 das erste Regelbüchlein: „Das Scatspiel: Nebst zwei Liedern“. Trotz dieses Regelwerks entstanden zahlreiche regionale Varianten. 1864 wurde in Bremen der Verein „Skatia von 1864 zu Bremen“ gegründet, der als ältester Bremer Skatclub und ältester bekannter deutscher Skatverein gilt.
Viele deutsche Auswanderer nahmen das Spiel im 19. Jahrhundert mit in ihre neuen Heimatländer. Skat gewann Anhänger aus allen gesellschaftlichen Schichten, litt aber unter regional unterschiedlichen Regeln. Ab den 1870er-Jahren begann eine Bewegung zur Vereinheitlichung und Vereinfachung. Die Gründung des Deutschen Kaiserreichs erleichterte die überregionale Verbreitung und die Bildung von Spielerverbänden; Städte und Fabriken brachten Menschen aus unterschiedlichen Regionen zusammen und förderten den Austausch von Spielregeln.
1884 veröffentlichte Freiherr von Hirschfeld ein „Illustriertes Scatbuch“, 1885 folgte Karl Buhles „Illustriertes Lehrbuch des Scatspiels“. 1886 fand anlässlich einer Industriemesse in Altenburg ein großes Skatturnier statt. Daraus entstand der erste Skatkongress mit etwa 1.000 Teilnehmern. Die Teilnehmer verabschiedeten die „Allgemeine Deutsche Skatordnung“, die auf Buhles Lehrbuch beruhte.
Damals standen sich zwei Hauptvarianten gegenüber: das Altenburger Farbenreizen und das Leipziger Zahlenreizen. Der erste und auch der zweite Skatkongress scheiterten an der Einigung über eine gemeinsame Spielmethode; ein Verband wurde zunächst nicht gegründet.
Regeln, Streit und ein Gericht
Am 12. März 1899 wurde beim dritten Skatkongress in Halle (Saale) der Deutsche Skatverband gegründet. Das Farbenreizen wurde zur offiziellen Methode erklärt, das Zahlenreizen blieb jedoch erlaubt. Altenburg wurde zum Verbandssitz bestimmt. Noch 1902 mussten Turnierveranstalter Regeln, Reizmethode und Zählweise vor jedem Spiel gesondert festlegen.
In den USA war bereits 1901 die Nordamerikanische Skatliga gegründet worden; dort wurde Skat spätestens seit 1876 gespielt. Bis zum Ersten Weltkrieg fanden sieben weitere Skatkongresse statt, auf denen unter anderem Nullspiele geregelt wurden. Der Streit über die Reizmethode blieb ungelöst, auch ein 1907 ausgeschriebener Preis führte zu keiner Einigung. Umstritten blieb ebenso die Einführung eines einheitlichen Skatblatts.
Während des Ersten Weltkriegs verbreitete sich das Zahlenreizen unter deutschen Soldaten. In den Schützengräben trafen Spieler mit unterschiedlichen regionalen und sozialen Spieltraditionen aufeinander, wodurch weitere Varianten entstanden. Wegen der unsicheren Lebenssituation wurde teilweise mit höheren Einsätzen gespielt. Anhänger des Farbenreizens bezeichneten den wertreizenden Soldatenskat abwertend als „Schützengrabenskat“. Artur Schubert, Anhänger des Altenburger Farbenreizens und Bücherwart des Deutschen Skatverbandes, veröffentlichte 1924 feste Regeln für den „Gucki-Skat“ nach Wertreizen. Das Zahlenreizen hatte Schubert 1922 noch abgelehnt, beschrieb es aber zur Begrenzung weiterer Regelaufspaltungen.
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