Hamburg bekommt ein genaueres Bild davon, wo Starkregen für Menschen besonders gefährlich werden kann. Eine neue Studie, an der unter anderem Forschende der Universität Hamburg und des Klima-Exzellenzclusters CLICCS beteiligt waren, verbindet dafür die mögliche Überschwemmungsgefahr mit sozialen und baulichen Bedingungen. Entstanden ist die Untersuchung im Umfeld der Uni Hamburg; veröffentlicht wurde sie im Fachjournal „Climate Risk Management“.

Im Mittelpunkt steht nicht nur die Frage, wo Wasser stehen könnte. Entscheidend ist auch, wie gut sich die Bevölkerung schützen oder in Sicherheit bringen kann. Gefährdet sein können etwa Menschen, die Warnmeldungen nicht verstehen, kein Auto besitzen oder wegen ihres Alters nur eingeschränkt mobil sind. Auch die Wohnung zählt: Wo viele Menschen ebenerdig leben, kann eindringendes Wasser schnell zum Problem werden.

Neugraben und Wilhelmsburg im Fokus

Besonders betroffen sind laut Studie Teile von Neugraben und Wilhelmsburg. Weitere Risiko-Hotspots liegen in Billstedt, Eppendorf und Övelgönne. Handlungsbedarf sehen die Forschenden außerdem in Jenfeld, am Osdorfer Born und in Volksdorf.

Für Teile von Neugraben und Wilhelmsburg empfehlen sie, sowohl den Überschwemmungsschutz als auch die Evakuierungsrouten zu verbessern. Die neuen Starkregen-Karten verknüpfen geografische, bauliche und soziale Faktoren: berücksichtigt wurden unter anderem die Wahrscheinlichkeit einer Überschwemmung, der Anteil der über 65-Jährigen, der soziale Status und die Zahl der Menschen, die im Erdgeschoss wohnen.

An der Arbeit beteiligt waren neben der Universität Hamburg und CLICCS die HafenCity Universität, die Technische Universität Hamburg, das GFZ Helmholtz-Zentrum für Geoforschung und das norwegische Klimaforschungsinstitut CICERO. Ein Artikel der Autorinnen und Autoren ist auf der Website der European Geoscience Union frei zugänglich.

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Was die Hamburger Starkregengefahrenkarte zeigt

Die Starkregengefahrenkarte ist online kostenlos verfügbar, unter anderem im Hamburger Wasseratlas. Wer wissen möchte, wie ein einzelnes Grundstück eingeschätzt wird, kann den „Wegweiser Überflutungsvorsorge“ nutzen. Die Karte zeigt mögliche Auswirkungen von vier Starkregenszenarien: maximale Wassertiefen und Fließgeschwindigkeiten des oberirdisch abfließenden Regenwassers. Zusätzlich lassen sich potenzielle Fließwege und Fließrichtungen auf Grundlage der Geländeoberfläche einblenden.

Beim intensiven Starkregen rechnet das Modell mit 29 Litern pro Quadratmeter innerhalb einer Stunde. Die statistische Wiederkehrzeit liegt bei etwa 30 Jahren, der Starkregenindex bei SRI-5. Als außergewöhnlicher Starkregen gelten Szenarien mit 32 Litern pro Quadratmeter in einer Stunde, statistische Wiederkehrzeit etwa 50 Jahre, SRI-6, sowie 36 Litern pro Quadratmeter in einer Stunde, etwa 100 Jahre, SRI-7.

Das Extrem-Szenario geht von 100 Litern pro Quadratmeter innerhalb einer Stunde aus und entspricht SRI-12. Es ist vor allem für Katastrophen- und Verhaltensvorsorge sowie den Katastrophenschutz relevant, etwa bei der Ermittlung von Evakuierungswegen. Wie heftig so etwas ausfallen kann, zeigte sich am 10./11. Mai 2018 im Raum Lohbrügge/Bergedorf: Lokal fielen bis zu 127 Liter pro Quadratmeter innerhalb von 1,5 Stunden. Zur Einordnung: Ein Liter pro Quadratmeter entspricht einem Millimeter Regenhöhe. Die Szenarien lassen sich außerdem den Warnstufen des Deutschen Wetterdienstes und statistischen Wiederkehrzeiten zuordnen.

Die Farben sind dabei keine bloße Kartendeko. Blautöne zeigen die maximale berechnete Wassertiefe: Hellblau steht für einen geringen bis mäßigen Wasserstand bis maximal 30 Zentimeter, Blau für bis maximal 50 Zentimeter und Dunkelblau für bis maximal 100 Zentimeter. Gelb bis Rot zeigt die maximale Fließgeschwindigkeit; orange-rote Bereiche weisen auf hohe Geschwindigkeiten hin.

Magenta markiert zusätzlich aktivierbare Fließwege und Fließpfeile aus der topografischen Analyse. Dunklere Linien weisen auf Fließwege mit größeren entwässerten Flächen und potenziell größeren Wassermengen hin, purpurfarbene Pfeile auf die mögliche oberirdische Fließrichtung. Blau-weiße Schraffuren kennzeichnen Gewässerflächen; dort sind keine Modellwerte zu Wassertiefen und Fließgeschwindigkeiten abrufbar. Die Fließwege beruhen ausschließlich auf der Geländeoberfläche und berücksichtigen kein konkretes Regenereignis.

Eine Karte ersetzt keinen Blick vor die Tür

So nützlich die Darstellung ist: Sie bleibt eine modellhafte Annäherung an die Realität. Auch nicht markierte Grundstücke oder Gebäude können im Einzelfall betroffen sein. Treibgut oder versperrte Durchlässe können den Abfluss behindern und dadurch höhere Wasserstände verursachen. Grundstücksnutzungen und Gebäudeeigenschaften werden nicht berücksichtigt. Eine sichere Aussage darüber, ob tatsächlich Schäden oder Risiken für Menschen, Sachwerte, Kulturgüter oder die Umwelt entstehen, erlaubt die Karte deshalb nicht.

Wer eine mögliche Gefährdung erkennt, sollte das Grundstück vor Ort genauer prüfen. Bordsteine, Hofeinfahrten und andere Strukturen können Wasser zurückhalten oder umlenken. Wichtig ist auch die Frage, wohin das Wasser voraussichtlich abfließt und an welchen Stellen es in ein Gebäude eindringen könnte. Typische Wassereintrittsstellen und Schutzmaßnahmen erläutert das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. Individuelle Beratung bieten bei Bedarf die Hamburger Energielotsen an; weitere Hinweise stehen auf der Hamburger Internetseite zu Starkregenvorsorgemaßnahmen.

Die Karte hat ausschließlich informativen Charakter. Ihre Veröffentlichung bringt keine Restriktionen oder zusätzlichen Anforderungen mit sich. Versicherungsunternehmen bewerten Gefahrenpotenziale und Versicherungsbeiträge unabhängig von staatlichen Gefährdungseinschätzungen. Ob sie Kartendaten oder weitere Daten aus dem Hamburger Transparenzportal berücksichtigen, liegt in ihrem eigenen Ermessen.

Technisch wurde die Karte von HAMBURG WASSER mit einem gekoppelten 1D-Kanalnetz- und 2D-Oberflächenabflussmodell erstellt; die Kopplung erfolgt indirekt über Schächte. In die Berechnung fließen unter anderem Bodeneigenschaften, topografische Höhen und das öffentliche Kanalnetz ein. Das Modell berücksichtigt die Versickerungsleistung des Bodens und eine hohe Anfangsbodenfeuchte. Im Zentrum steht die Überflutung von Siedlungsgebieten durch das Zusammenspiel von Oberflächenstrukturen und Entwässerungssystemen.

Überflutungen durch ausufernde Gewässer werden nur näherungsweise dargestellt. Binnenhochwasser an Hamburger Gewässern ist detaillierter in den Hochwassergefahrenkarten und den ausgewiesenen Überschwemmungsgebieten erfasst. Auf Grundlage aktualisierter Daten wird die Starkregengefahrenkarte regelmäßig neu berechnet, etwa nach neuen topografischen Befliegungsdaten oder relevanten Baumaßnahmen. Für Fachbehörden, Bezirke, Planende und die interessierte Öffentlichkeit gibt es ein technisches Informationsblatt zur Methodik und Datengrundlage.

Vorsorge als Stadtaufgabe

Hamburgs Karte steht in einem größeren Zusammenhang. Die Studie „Vorsorge gegen Starkregenereignisse und Maßnahmen zur wassersensiblen Stadtentwicklung“ des Umweltbundesamtes untersucht die Starkregenvorsorge in Deutschland und künftige Handlungsbedarfe. Wiederholte Starkregenereignisse haben in den vergangenen Jahren erhebliche Schäden verursacht. Recherchiert wurden zahlreiche Projekte; beispielhafte Maßnahmen und Instrumente betrachtete die Studie in den Bereichen multifunktionale Flächennutzung, Starkregengefahrenkarten sowie Warnung und Kommunikation.

Untersucht wurden außerdem Hemmnisse und Synergien, wenn Starkregenrisiken stärker in die Umsetzung der Hochwasserrisikomanagement-Richtlinie einbezogen werden. Starkregengefahrenkarten hebt die Studie ausdrücklich als wichtiges Instrument der Risikokommunikation hervor – gerade weil ein farbiger Hinweis auf der Karte manchmal schneller verstanden wird als eine lange Warnmeldung.

Veröffentlicht wurde die Untersuchung im Mai 2019 in der Reihe „Texte“ des Umweltbundesamtes als Nr. 55/2019. Sie umfasst 198 Seiten, ist auf Deutsch verfasst und als barrierefreie PDF-Datei mit 6 MB erhältlich; eine Druckversion ist nicht verfügbar. Die Autorinnen und Autoren sind Christian Kind, Theresa Kaiser, Miriam Riese, Philip Bubeck, Eva Müggenburg, Annegret Thieken, Lynn Schüller und Regina Fleischmann. Die Forschungskennzahl lautet 3716 48 202 0. Als Schlagworte nennt das Umweltbundesamt Klimaanpassung, Starkregen, wassersensible Stadtentwicklung und Hochwasserrisikomanagement-Richtlinie.

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