Südkoreas Arbeitskräftemangel verschärft den Streit über Migration und Integration
Uni Europa, 30.10.2026 – In Südkorea klingt eine politische Debatte inzwischen auffallend vertraut: Migration, fehlende Arbeitskräfte und die Frage, wie Integration funktionieren soll. Ausgelöst wurde sie durch Äußerungen von Präsident Lee Jae Myung über ausländische Beschäftigte. Migranten leisteten keinen besonders großen Beitrag zur heimischen Wirtschaft, sagte Lee, weil sie ihre Löhne in ihre Herkunftsländer überwiesen. Südkorea solle sich außerdem weniger von billigen ausländischen Arbeitskräften abhängig machen.
Stattdessen, so Lees Vorschlag, könnten Subventionen koreanische Arbeitskräfte in Branchen locken, in denen dringend Personal fehlt – etwa in der Landwirtschaft und der Fischerei. Oppositionsparteien und Arbeitsmigranten reagierten empört und forderten eine Entschuldigung. Die Sache bekam schnell Wucht, auch weil Südkorea eine der weltweit niedrigsten Geburtenraten hat und die Bevölkerung deutlich schrumpft. Die Zahl ausländischer Arbeitskräfte stieg zuletzt auf 1,1 Millionen.
Ein Satz, der eine alte Erinnerung trifft
Die Abgeordnete Choi Soo Jin von der oppositionellen People Power Party hält Lees Argumentation für nicht nachvollziehbar. Mit dem Bevölkerungsrückgang schrumpfe auch die Erwerbsbevölkerung, sagte sie. Ohne Arbeitsmigranten hätten insbesondere kleine und mittlere Unternehmen große Schwierigkeiten. Auf welche Belege Lee seine Aussagen stütze, könne sie nicht erkennen.
Der Abgeordnete Kim Nam Joon von der regierenden Demokratischen Partei bewertete die Sache anders: Lee habe wichtige Themen auf die politische Tagesordnung gesetzt. Das Präsidialamt bemühte sich derweil um Schadensbegrenzung. Sprecherin Kang Yu Jung erklärte, der Präsident habe vor allem die unzureichende Bezahlung in der Landwirtschaft kritisieren und besser bezahlte Arbeitsplätze fordern wollen.
Lee selbst verteidigte seine Aussagen. Der Kampf gegen Diskriminierung müsse fortgesetzt werden. Er dürfe jedoch nicht zu einer übermäßigen Bevorzugung von Migranten oder zu einer Benachteiligung anderer Haushalte führen.
Der Journalist und Buchautor Lee Sang Ki erinnerte an die südkoreanische Vergangenheit: In den 1960er- und 1970er-Jahren überwiesen südkoreanische Bergleute und Krankenschwestern in Westdeutschland sowie Bauarbeiter im Nahen Osten Geld nach Südkorea. Diese Arbeitsmigranten hätten zur lokalen Wirtschaft beigetragen und Vertrauen zwischen den Ländern geschaffen. Eine Regierungsumfrage ergab laut Lee, dass ausländische Einwohner etwa 37 Prozent ihres Einkommens in Südkorea für Lebenshaltungskosten ausgeben. Rund 26 Prozent überweisen sie in ihre Herkunftsländer.
Viele Jobs, aber nicht genug Menschen
Die Arbeitsmarktdaten zeigen, warum die Diskussion so schnell nervös wird. 2023 gab es rund 29 Millionen Beschäftigte, etwa 280.000 mehr als 2022. Die offizielle Arbeitslosenquote lag bei 2,7 Prozent, unter den 20- bis 29-Jährigen allerdings bei 5,9 Prozent. Werden nicht regulär Beschäftigte und nicht gemeldete Arbeitslose einbezogen, liegt die tatsächliche Unterbeschäftigung deutlich höher.
Gleichzeitig sind Arbeitskräfte bereits knapp. Personen mit bestimmten Qualifikationen sind besonders außerhalb des Großraums Seoul schwer zu finden. Kleinere Unternehmen haben Mühe, genügend Personal für ungelernte Tätigkeiten zu gewinnen. Betroffen sind vor allem verarbeitendes Gewerbe, Bauwirtschaft und Landwirtschaft; auch der Schiffbau leidet seit längerem unter Arbeitskräftemangel. Hohe Lohnkosten führen außerdem dazu, dass Unternehmen verstärkt automatisieren und Teile der Produktion ins Ausland verlagern.
Das Land verfügt zwar über ein sehr hohes Bildungsniveau. Unter den OECD-Mitgliedern hat Südkorea die höchste Hochschulabsolventenquote, fast sieben von zehn 25- bis 34-Jährigen haben einen Hochschulabschluss. Absolventen führender Hochschulen bringen meist eine solide theoretische Ausbildung mit; praktische Fähigkeiten werden überwiegend im Betrieb vermittelt. Nur: Ein Hochschulabschluss schweißt noch keinen Schiffsrumpf zusammen und erntet auch keinen Salat.
Zwischen Arbeitsplätzen liegen zudem tiefe Gräben. Regulär Beschäftigte genießen höheren Kündigungsschutz und erhalten bessere Löhne als nicht regulär Beschäftigte. Zu dieser Gruppe zählen unter anderem Teilzeit- und befristet Beschäftigte, Leiharbeiter sowie Beschäftigte bei Subunternehmen. Großunternehmen und der öffentliche Dienst bieten überdurchschnittlich oft feste, langfristige Beschäftigung. Mitarbeiter kleiner und mittlerer Unternehmen sind stärker von konjunkturellen Schwankungen betroffen.
Frauen sind in Führungspositionen deutlich seltener vertreten und verdienen im Durchschnitt erheblich weniger als Männer. 2023 lag die Beschäftigungsquote bei Frauen bei 54,1 Prozent, bei Männern bei 71,3 Prozent. Viele Frauen verlassen nach der Geburt eines Kindes weiterhin zeitweise oder dauerhaft das Erwerbsleben.
Auch Gewerkschaften mischen kräftig mit. Sie sind überwiegend als Betriebsgewerkschaften organisiert und vergleichsweise stark. Die Zahl der Streiks und Aussperrungen stieg 2023 von 132 auf 223; dadurch fielen rund 355.000 Arbeitstage aus. Zwischen 2016 und 2021 erreichte die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder mit 2,9 Millionen ihren Höchststand. Der Organisationsgrad lag damals bei 14,2 Prozent und sank 2022 auf 13,1 Prozent.
Bei den Arbeitszeiten ist die Auseinandersetzung ebenfalls nicht ausgestanden. Die maximal zulässige Wochenarbeitszeit wurde 2018 von 68 auf 52 Stunden reduziert: vorgesehen sind 40 reguläre Arbeitsstunden und höchstens 12 Überstunden. Nach einer Entscheidung des Obersten Gerichtshofs werden Überstunden auf Wochenbasis berechnet. Seit Juli 2021 gilt die Regelung für Unternehmen mit mindestens fünf Beschäftigten, für bestimmte Branchen gibt es Ausnahmen.
Präsident Yoon strebt mehr Flexibilität an. Ein Regierungsvorschlag für eine Arbeitswoche von bis zu 69 Stunden stieß bei Gewerkschaften und Bevölkerung auf Widerstand. Gerade jüngere Generationen achten zunehmend auf die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben. Einer Umfrage Anfang 2024 zufolge wünschen sich vier von zehn Befragten eine kürzere Arbeitswoche.
Ein Land wird alt – und sehr schnell
Südkorea dürfte 2025 den Status einer „Super-aged Society“ erreicht haben, dann sind mehr als 20 Prozent der Bevölkerung mindestens 65 Jahre alt. Die Fertilitätsrate lag 2023 bei 0,72 Kindern pro Frau und gehört damit zu den niedrigsten weltweit. Die Bevölkerung im Erwerbsalter sinkt bereits seit 2018; in den kommenden 20 Jahren dürfte sie laut Prognosen um mehr als 9 Millionen Menschen zurückgehen.
Ältere Menschen sind schon heute häufiger erwerbstätig als in Deutschland. Eine Anhebung des Rentenalters wird diskutiert. Das ist kein kleines Stellrad, sondern ein Eingriff in einen Alltag, der ohnehin von langen Arbeitszeiten, hohen Wohnkosten und dicht gedrängten Appartementblocks geprägt ist.
2024 hatte Südkorea rund 51,8 Millionen Einwohner und belegte weltweit Platz 28. Zugleich gehört das Land zu den am dichtesten besiedelten Staaten. Knapp die Hälfte der Bevölkerung lebt im Einzugsgebiet von Seoul. Wegen der begrenzten Flächen wohnt ein großer Teil in Appartementblocks in den Vorstädten.
Im 20. Jahrhundert wuchs die Bevölkerung stark, während Urbanisierung und Industrialisierung rasant voranschritten. Sie stieg von 20,19 Millionen bei der Volkszählung 1949 auf 40,47 Millionen im Jahr 1985. Das jährliche Bevölkerungswachstum lag von 1949 bis 1955 durchschnittlich bei 1,1 Prozent, von 1955 bis 1966 bei 2,8 Prozent und von 1966 bis 1985 bei 1,7 Prozent. Danach blieb es unter einem Prozent. Zum 1. Januar 1989 wurde die Bevölkerung auf etwa 42,2 Millionen geschätzt.
Auch die Altersstruktur kippte. Der Anteil der unter 15-Jährigen lag 1955 bei 41,2 Prozent, 1966 bei 43,5 Prozent, 1975 bei 38,3 Prozent, 1980 bei 34,2 Prozent und 1985 bei 29,9 Prozent. Das Durchschnittsalter stieg zwischen 1960 und 1980 von 18,7 auf 21,8 Jahre. Aus der Alterspyramide wurde eine säulenähnliche Form.
Von sechs Kindern zu 0,72
Die niedrige Geburtenrate kam nicht aus dem Nichts. Die Regierung Park Chung-hee führte wegen der Auswirkungen des Bevölkerungswachstums auf das Wirtschaftswachstum ein landesweites Familienplanungsprogramm ein. Beteiligt waren unter anderem das Gesundheits- und Sozialministerium, das Innen
