Am heutigen 30.10.2026 treffen im europäischen Hochschulraum alte Gespenster und ziemlich neue Sorgen aufeinander. Ein Leserbrief zum Antisemitismus, eine Debatte über Österreichs Universitätsbudget, das Recht auf ein analoges Leben und die offenen Fragen rund um künstliche Intelligenz ergeben ein unruhiges, aber dichtes Bild. Ort dieser Einordnung: Uni Europa.

Igor Levit sagte im ZDF-Morgenmagazin nach der Wahl in Israel, Israel sei seine Heimat. Seine Angst bestehe darin, dass der Staat untergehe und er dadurch staatenlos werde. Brigitta Berger versteht diese Aussage als Ausdruck der Angst vieler Jüdinnen und Juden vor erneutem Antisemitismus und staatlicher Verfolgung. Sie erinnert daran, dass Juden in Deutschland bereits ab 1927 aus Universitäten verdrängt worden seien. Europa habe dadurch schon Künstler und Denker verloren – daraus müsse man lernen. Als symbolisches Zeichen nennt Berger die Teilnahme Israels am Song Contest. Danach spielte Levit am Klavier den ersten Teil von Erik Saties „Gymnopédies“.

Wenn Hochschulen Ausgrenzung organisieren

Die Geschichte der Universität Tübingen zeigt, wie systematischer Antisemitismus an deutschen Hochschulen funktionieren konnte. Tübingen erklärte bereits vor 1933 die „Judenfrage als gelöst“. Schon 1922 definierte die Universitätsleitung rassistische Zulassungskriterien: „Rassefremde“ ausländische Studierende, insbesondere osteuropäische Juden, sollten möglichst nicht zugelassen werden; eine behauptete deutsche Abstammung sollte gegebenenfalls bestritten werden.

Antisemitische studentische Zusammenschlüsse und Aktivistengruppen entstanden und wurden ab 1926 vom Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund, dem NSDStB, übernommen. Von ihnen gingen zunehmend Verfolgungen jüdischer Studierender und Beschäftigter aus. Ab 1933 kam es in Tübingen zu Übergriffen, zu eingetretenen Türen und wiederholten Gewaltausschreitungen. Vom Sommersemester 1933 an erhielten jüdische Studierende keine Stipendien mehr und durften die Mensa nicht betreten. Im selben Sommer wurde festgelegt, dass sie nur dann zur Promotion zugelassen wurden, wenn sie die Voraussetzungen für eine Laufbahn im öffentlichen Dienst erfüllten.

Zu Beginn des Wintersemesters 1935/36 waren an der Universität Tübingen keine jüdischen Studierenden mehr immatrikuliert. Der letzte jüdische Student, der Mediziner Ulrich Sander, emigrierte nach Palästina. Acht Professoren, Dozenten und Assistenten wurden wegen „nichtarischer“ Herkunft entlassen. Zu ihnen gehörte Hans Bethe, der später den Nobelpreis erhielt und zunächst nach England, später in die USA emigrierte.

Hier könnte Ihr Advertorial stehen
Ein Advertorial bietet Unternehmen die Möglichkeit, ihre Botschaft direkt im redaktionellen Umfeld zu platzieren

1936 bestand in Tübingen eine Forschungsabteilung zur „Judenfrage“ des Reichsinstituts für Geschichte des neuen Deutschland. Die Presse stellte sie als Beleg dafür dar, dass Antisemitismus auf „ernster wissenschaftlicher Erkenntnis“ beruhe. Zahlreiche Professoren versuchten, die nationalsozialistische Rassenpolitik wissenschaftlich zu legitimieren. Der Rassebiologe Hans Fleischhacker untersuchte für seine Habilitation die Fingerabdrücke von Juden und plante eine jüdische Skelettsammlung aus Auschwitz. Das klingt heute derart monströs, dass man kurz innehält – und dann merkt, dass es aus dem akademischen Betrieb selbst kam.

Auch die Universität Wien war in diese Vorgeschichte eingebunden. Bereits während des Ersten Weltkriegs untersuchten Anthropologen dort die sogenannte „Rassenzugehörigkeit“ von Kriegsgefangenen. Rudolf Pöch nahm jüdische Gefangene körperlich vermessen, fertigte Gipsabdrücke an und fotografierte ihre Gesichter.

Nach dem Ersten Weltkrieg stieg die Zahl jüdischer Studierender aus Osteuropa, während die Hochschulen unter wenigen Lehrveranstaltungen, Kohlemangel, Inflation, Wohnungsnot und Hunger litten. Unter einheimischen Studierenden nahm der Antisemitismus zu. Proteste forderten eine Begrenzung des Zugangs jüdischer Studierender, und bei der Besetzung von Professuren häuften sich Behinderungen jüdischer Bewerber. Mit der Aktivität des NSDStB in Österreich nahmen gewalttätige Übergriffe gegen Juden an Hochschulen zu. Die Vorfälle wurden international bekannt; die New York Times veröffentlichte mehrere Artikel. An österreichischen Universitäten entstand nach dem Krieg eine „Etablierte/Außenseiter-Situation“, die den Konflikt zwischen jüdischen und nichtjüdischen Studierenden verschärfte.

Antisemitische Tendenzen gab es auch an US-amerikanischen Hochschulen. Nach dem Ersten Weltkrieg und dem damit verbundenen Flüchtlingszuzug wurden öffentlich judenfeindliche Äußerungen verbreitet. Henry Fords Kampagne gab ab 1920 einen wichtigen Impuls: Seine Zeitung The Dearborn Independent veröffentlichte Auszüge aus den „Protokollen der Weisen von Zion“. In seinem Buch Der Internationale Jude ergänzte Ford diese Inhalte durch eigene antisemitische Theorien. Das Buch erreichte eine Auflage von 100.000 Exemplaren. 1925 führten Hochschulen wie Yale diskriminierende Zulassungsverfahren ein: Kinder jüdischer Absolventen wurden benachteiligt, die Zahl jüdischer Studierender wurde begrenzt.

Geld, Rankings und ein System mit vielen Baustellen

Richard Ramsauer stimmt der Kritik am österreichischen Universitätsbudget zu. Österreichische Universitäten lägen in internationalen Rankings weit hinter der Spitze; einzelne hervorragende Forscher seien Ausnahmen. Historisch sei das Hochschulsystem stark auf den Beamtenstatus ausgerichtet, internationale Veröffentlichungen und vergleichbare Leistungskennzahlen fehlten weitgehend.

Die staatliche Finanzierung ausländischer Studierender, die in Österreich studierten, weil es günstiger sei oder sie in ihren Herkunftsländern Schwierigkeiten hätten, sei nicht mehr zu rechtfertigen, meint Ramsauer. Er kritisiert außerdem die starke Zunahme neuer Universitäten. Sein Vorschlag: das System anhand von Zielvorgaben für Studienrichtungen und Leistungsnachweisen verkleinern, ohne die Ausbildungsbreite zu verlieren.

Peter Marhold widerspricht dagegen alarmistischen Darstellungen zu den Universitätsfinanzen. Inflationsbereinigt sei das Universitätsbudget von 2016 bis 2026 jährlich um rund 1,7 Prozent gestiegen. Der Anteil der Universitätsausgaben am Bruttoinlandsprodukt sei allerdings von knapp 2 Prozent auf etwa 1,5 Prozent gesunken. Die Gehaltsabschlüsse der Jahre 2025 und 2026 lägen bei 1,65 beziehungsweise 1,3 Prozent und enthielten einen Sockelbetrag.

Befristete Stellen würden teilweise geteilt. Dadurch könne sich eine Vollzeitstelle für Nachwuchsforscher auf rund die Hälfte von 3800 Euro belaufen. Hohe Gehälter einzelner Rektoren hätten gemessen am Gesamtbudget nur begrenzte Auswirkungen – die große Zahl auf dem Papier erzählt also nicht jede Geschichte.

Auch bei den ausländischen Studierenden lohnt der zweite Blick. Die Zahlen stammten teilweise aus vorläufigen Daten mit Mehrfachzählungen und Unvollständigkeiten. Sogenannte Bildungsinländer – in Österreich ausgebildete Kinder noch nicht eingebürgerter Zuwanderer – würden nicht berücksichtigt. An öffentlichen Universitäten gibt es unter rund 50.000 Studienanfängern gut 13.000 EU-Bürger und knapp 8.000 Studienanfänger aus Drittstaaten. Das Innenministerium weist rund 7400 erstmals erteilte Aufenthaltstitel zu Studienzwecken aus. Die langfristige Integration von Absolventen in den Arbeitsmarkt sei ein eigenes Thema; Österreich schneide dabei besser ab, als manche nicht repräsentative Studie nahelege.

Analog bleiben, obwohl alles blinkt

Günther Witzany bezeichnet die digitale Benachteiligung als schleichend und zugleich unerbittlich. Menschen ohne Smartphone oder ohne Kenntnisse im Umgang mit Apps könnten sich im Alltag häufig nicht mehr zurechtfinden. Banken und Stadtverwaltungen böten zunehmend ausschließlich digitale Zugänge an. Witzany fordert deshalb ein Recht auf ein analoges Leben. Kein großes Technikdrama, eher der Moment am Schalter, wenn hinter einem schon jemand ungeduldig mit den Fingern trommelt und man trotzdem keinen Zugang zur App hat.

Josef Koch stellt zur künstlichen Intelligenz vier Fragen. Wer habe technische Entwicklungen vom Hebel und der Kernkraft bis zur künstlichen Intelligenz geschaffen? Kann eine KI, die laut Geoffrey Hinton alles typisch Menschliche übertreffen könne, eigenständig menschliche Existenzen hervorbringen oder sich ohne Menschen vermehren? Was wird aus den KI-Entwicklern, der Gesellschaft und dem bisherigen Alltag? Und kann KI im 21. Jahrhundert leisten, was Golem und Hoffmanns Figur Olympia nicht gelungen sei?</p