Tom Liebscher-Lucz: Zwischen Dresdner Elbe und dem vierten Olympia-Gold
Auf der Elbe in Dresden wechseln Wind, Strömung und Wetter gern schneller, als einem lieb ist. Tom Liebscher-Lucz kennt dieses Spiel seit seiner Kindheit. Der 33-Jährige stammt aus Dresden, wuchs beim Kanu Club Dresden auf und trainiert regelmäßig auf dem Fluss. Mehr als die Hälfte des Jahres verbringt er allerdings mit der Nationalmannschaft in Trainingslagern. Bis zu den Olympischen Spielen 2028 in Los Angeles sind es am 27. September 2026 weniger als zwei Jahre – und Liebscher-Lucz jagt dort seinem vierten Olympiasieg in Folge entgegen.
Drei Goldmedaillen im Kajak-Vierer hat der Dresdner bereits gewonnen: 2016 in Rio de Janeiro über 1000 Meter mit Max Rendschmidt, Max Hoff und Marcus Groß, 2021 bei den Olympischen Spielen 2020 über 500 Meter mit Max Rendschmidt, Ronald Rauhe und Max Lemke sowie 2024 in Paris über 500 Meter gemeinsam mit Jacob Schopf, Max Lemke und Max Rendschmidt. Ein vierter Erfolg bei aufeinanderfolgenden Spielen würde ihn in eine Reihe mit Rekordgrößen wie Carl Lewis und Michael Phelps stellen. Für den Kanurennsport wäre das ein Scheinwerfer, der vielleicht einmal länger als ein paar Fernsehminuten leuchtet.
Zwischen Elbe, Familie und Los Angeles
Der Weltmeistertitel 2026 hat ihm für das Olympiaziel zusätzliches Selbstvertrauen gegeben. Gleichzeitig treiben ihn Niederlagen an: Bei der diesjährigen Weltmeisterschaft wurde er im K1 über 500 Meter Fünfter. Das wurmt. Liebscher-Lucz will 2027 den Weltmeistertitel verteidigen und sich für Los Angeles positionieren. Die Saisonplanung richtet sich an Olympia 2028 aus, doch jedes Jahr muss er sich neu für die Nationalmannschaft qualifizieren.
Die Bedingungen auf der Elbe seien nicht immer ideal, sagt er. Dafür schätzt er die Infrastruktur in Dresden: Kraftraum, Höhenkammer, Bootshaus und Trainingsmöglichkeiten liegen in Reichweite. Liebscher-Lucz bezeichnet sich als Familien- und Heimatmenschen. Zum Kanusport kam er über seine Familie – Mutter, Schwester und Ehefrau paddelten ebenfalls. Seit 2022 ist er mit der ungarischen Kanutin Dóra Lucz verheiratet und trägt den Doppelnamen Liebscher-Lucz. Seine Kinder betreiben bislang andere Sportarten.
Geboren wurde Tom Liebscher am 3. August 1993 in Dresden. Er ist 189 Zentimeter groß, startet für den KC Dresden und wird von Jens Kühn trainiert. An der Dresdner Sportschule wurde er 2011 zum „Eliteschüler des Sports“ gewählt. Heute ist er Sportsoldat im Dienstgrad Stabsunteroffizier (FA). Ein Studium des Verkehrsingenieurwesens an der TU Dresden begann er, brach es wegen des Leistungssports jedoch ab; an der TU Dresden studiert er dennoch weiterhin. Der Sport beansprucht derzeit seine volle Aufmerksamkeit.
Vom Junioren-Vierer zum Olympiasieger
Die Medaillenserie begann früh. 2010 wurde Liebscher-Lucz bei den Junioreneuropameisterschaften Zweiter im Vierer-Kajak und gewann den Zweier-Kajak über 200 Meter. Ein Jahr später holte er bei den Juniorenweltmeisterschaften drei Goldmedaillen im Einer-Kajak über 200, 500 und 1000 Meter. 2012 folgte Rang zwei im Einer über 500 Meter bei den U23-Europameisterschaften.
In der Erwachsenenklasse gewann er 2013 bei den Europameisterschaften in Montemor-o-Velho Bronze im Einer über 200 Meter und wurde bei den Weltmeisterschaften in Duisburg Weltmeister im Einer über 500 Meter. Ab 2014 bildete er im Zweier-Kajak ein Team mit Ronald Rauhe, nachdem dessen langjähriger Partner Tim Wieskötter seine Karriere beendet hatte. In jenem Jahr wurden Liebscher und Rauhe Europameister über 200 Meter; Liebscher gewann außerdem den Einer über 500 Meter und wurde im Zweier bei der WM in Moskau Zweiter.
2015 folgten erneut der Europameistertitel im Zweier über 200 Meter mit Rauhe, Silber im Einer über 500 Meter bei den Europameisterschaften in Račice u Štětí und Silber im Zweier über 200 Meter bei den Europaspielen in Baku. Bei der WM in Mailand wurde das Duo Sechster, im nichtolympischen Einer-Rennen über 500 Meter gab es Silber. 2016 kamen der Europameistertitel im Einer über 500 Meter in Moskau und Rang drei im Zweier über 200 Meter mit Rauhe hinzu – ehe in Rio das erste Olympia-Gold im Vierer folgte.
Für seine drei Olympiasiege erhielt Liebscher-Lucz jeweils das Silberne Lorbeerblatt. Im März 2025 wurde er zu Sachsens Sportler des Jahres 2024 gewählt. Vor den Spielen 2016 nahm das deutsche Kanu-Team gemeinsam mit Simon Goodlife sogar das Lied „RIOlympia“ auf. Sportgeschichte mit Ohrwurmgarantie? Zumindest war der Versuch da.
Mehr Aufmerksamkeit, aber nicht um jeden Preis
Nach zwölf Jahren mit konstanten Erfolgen und fast jährlich mindestens einer Goldmedaille wünscht sich Liebscher-Lucz mehr öffentliche Aufmerksamkeit für den Kanurennsport. Popularität bringe allerdings auch zusätzlichen Druck. Athleten müssten selbst etwas dafür tun und dürften nicht nur Kritik äußern. Er möchte seinen Sport sichtbarer machen – und weiß zugleich, dass ein größerer Scheinwerfer jede Unsicherheit mit ausleuchtet.
Die deutsche Sportförderung nennt er entscheidend und international nahezu einzigartig. Während der Schulzeit gehört dazu die Deutsche Sporthilfe, später kommen unter anderem Bundeswehr, Bundespolizei und Landesinstitutionen hinzu. Ohne diese Strukturen sei eine Karriere im Kanurennsport seiner Ansicht nach nicht möglich. Beim geplanten Sportfördergesetz hält er es zunächst für wichtig, die politische Hürde zu überwinden und das Gesetz zu verabschieden.
Den neuen Staatsminister für Sport, Ronald Rauhe, kennt Liebscher-Lucz noch aus dessen Zeit als Teamkollege. Rauhe könne vermitteln, welchen Beitrag Sport und Ehrenamt für die Gesellschaft leisten. Liebscher-Lucz spricht sich außerdem dafür aus, Olympische Spiele nach Deutschland zu holen. Dann könnten Doppelstrukturen überprüft und mögliche Einsparungen gefunden werden.
Leistungsprämien sollten stärker an die wirtschaftliche Entwicklung gekoppelt werden. Mehr Unternehmen müssten den Sport unterstützen und regionale Athletengeschichten aufgreifen. Durch die deutsche Olympia-Bewerbung sind die Prämien bereits deutlich gestiegen: Mit Steuerfreiheit, Länder-Zahlungen und einer IOC-Prämie habe sich die mögliche Auszahlung gegenüber früher ungefähr versechsfacht. Sein Vorschlag: Prämien an einen Tarif koppeln und regelmäßig anpassen.
Unter Einbeziehung von Ländern, Städten, Deutscher Sporthilfe und weiteren Programmen könne ein Olympiasieg derzeit etwa 60.000 Euro steuerfrei einbringen. Bei seinen drei Olympiasiegen wurden jeweils 20.000 Euro pro Medaille ausgezahlt – steuerpflichtig und jeweils nur für eine Medaille.
Regeneration statt blindes Durchziehen
Beim Sporthilfe „Club der Besten“ in Ägypten schätzt Liebscher-Lucz den Austausch mit anderen erfolgreichen Athleten und die gemeinsame Zeit mit der Familie. Die Woche diene vor allem dazu, Kraft und Energie für die neue Saison zu sammeln. Sonne, Gespräche, ein bisschen Abstand vom täglichen Trainingsplan – und vermutlich tut es gut, wenn einmal niemand die nächste Intervallzeit ruft.
Bis zu seinem 21. Lebensjahr verzichtete Liebscher-Lucz vollständig auf Nahrungsergänzungsmittel. Später setzte er gezielt Magnesium, Eiweiß, Elektrolyte, Vitamine und Kohlenhydrate ein, um Regeneration und Leistung zu unterstützen. Mit 33 Jahren achtet er stärker auf Pausen, die länger ausfallen als früher. Er fühle sich weiterhin frisch, zugleich aber erfahrener.
Nach der Karriere gibt es noch keinen festen Plan. Berufliche Perspektiven prüft er parallel. Eine direkte Tätigkeit als Trainer in Dresden schließt er zunächst nicht aus, doch nach 20 Jahren Leistungssport hält er eine Pause vom Sport erst einmal für notwendig. Der Gedanke an Abstand klingt fast ungewohnt bei jemandem, dessen Alltag seit Jahren nach Wasser, Paddelschlag und Trainingslager getaktet ist.
Ein Sport mit klaren Bahnen
Rennsport-Kanuten gehören regelmäßig zu den deutschen Medaillengewinnern bei Olympischen Spielen. Die Disziplin ist die dynamischste im Kanusport: Die Rennen finden auf stehendem Wasser statt, gefahren wird in markierten, geraden Bahnen. Im Kajak sitzt man und paddelt mit einem Doppelpaddel; im Canadier kniet man mit einem Knie und nutzt ein Stechpaddel.
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