Am Münchner Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München (TUM) wurde 2022 weltweit erstmals einer damals 55-jährigen Patientin mit chronischer Aphasie nach einem Schlaganfall eine Hirn-Computer-Schnittstelle implantiert. Der Schlaganfall hatte sich 2016 ereignet. Unter der Schädeldecke sitzen 256 Mikroelektroden, die Gehirnsignale aufzeichnen. Ein KI-System wertet sie aus; die Patientin trainiert dafür dreimal pro Woche.

Die Langzeitdaten reichen inzwischen über vier Jahre und zeigen eine verlässliche Signalqualität. Für Menschen, die nach einem Schlaganfall ihre Sprache verlieren, ist das keine kleine Nachricht. In Deutschland ereignen sich jährlich etwa 300.000 Schlaganfälle. Rund 40 Prozent der Betroffenen entwickeln anschließend eine Sprachstörung, bei etwa jedem fünften Betroffenen bleibt sie dauerhaft bestehen.

Vier Jahre Signal aus dem Gehirn

Nach Angaben von Prof. Bernhard Meyer ist die TUM die einzige Einrichtung in Europa, die zwei Menschen dauerhaft mit einer solchen Schnittstelle versorgt hat. Der zweite Eingriff erfolgte 2025 bei einem Patienten mit hoher Querschnittslähmung. Die Technik bleibt dabei eng an den Alltag gebunden: Training, Auswertung, Geduld. Ein schneller Zaubertrick ist das nicht.

Für die Fortsetzung der Aphasie-Studie sucht die TUM weitere erwachsene Probanden aus dem Raum München, deren Schlaganfall mindestens ein Jahr zurückliegt. Die Entwicklung steht außerdem in einem größeren Feld digitaler Ansätze für neurologische und psychische Behandlungen. Virtuelle Realität wird etwa gegen Höhenangst und soziale Phobie erprobt; am Universitätsklinikum Freiburg laufen dazu zwei klinische Studien. Das Regensburger Start-up Brainjo entwickelt eine VR-Anwendung für Kinder mit ADHS. Hinzu kommen implantierbare Neurostimulatoren, Gehirn-Computer-Schnittstellen, biomarkerbasierte Therapieplanung und softwaregestützte Selbsthilfeangebote.

Auch wirtschaftlich bewegt sich etwas. Das Londoner Unternehmen MintNeuro erhielt fünf Millionen US-Dollar für die Markteinführung einer Halbleitertechnologie. Unter anderem vereinbarte das Unternehmen die Lieferung von Chips für minimalinvasive Neurostimulatoren von Motif Neurotech, die zur Behandlung therapieresistenter Depressionen eingesetzt werden sollen.

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Wenn gedachte Wörter hörbar werden

Ein US-Forschungsteam der University of California hat eine KI-gestützte Gehirn-Computer-Schnittstelle entwickelt, die gedachte Wörter in Echtzeit als Sprache ausgeben kann. Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift Nature Neuroscience veröffentlicht. Getestet wurde das System an einer 47-jährigen Patientin, die seit einem Schlaganfall vor 18 Jahren nicht mehr sprechen kann.

Ein Neuroimplantat misst ihre Hirnaktivität, ein KI-System wandelt die Signale Wort für Wort in Audio um. Die künstliche Stimme wurde anhand von Sprachaufnahmen der Patientin aus der Zeit vor dem Schlaganfall erzeugt. Implantiert wurde eine Gewebeplatte mit 253 Elektroden in der Nähe des motorischen Sprachzentrums im Frontallappen. Die Elektroden erfassen unter anderem vorgestellte Bewegungen von Mund, Zunge und Kiefer.

Für das Training dachte die Patientin an insgesamt 1023 vorgegebene Wörter. Einzelne Wörter gibt das neue KI-Modell mit einer Verzögerung von etwa einer Sekunde aus. Bei bisherigen Systemen dauerte die Ausgabe eines kurzen gedachten Satzes häufig mehr als 20 Sekunden. Für Gespräche zählt das enorm, denn lange Pausen machen Kommunikation zäh. Ein natürliches Sprechtempo ist trotzdem noch nicht möglich, unter anderem wegen der Pausen zwischen den einzelnen Wörtern.

Die Patientin muss sich stark auf die vorgestellten Sprechbewegungen konzentrieren. Und fehlerfrei läuft es nicht: In einem Praxistest wurden bis zu 40 Prozent der trainierten Wörter falsch erkannt. Fachleute führen die hohe Geschwindigkeit als einen Grund für die Fehlerquote an, weil das System schon anhand der ersten Silben eine Wortvorhersage treffen muss.

Offen bleibt auch, wie das Umfeld reagiert und ob Betroffene bei häufigen Fehlinterpretationen irgendwann lieber schweigen. Die Studie wurde nur mit einer Patientin durchgeführt, ihre Übertragbarkeit auf andere Menschen ist deshalb ungeklärt. Für die Nutzung ist weiterhin ein Stecker nötig, der durch die Haut am Schädel geführt und außen am Kopf befestigt wird. Fachleute bewerten diesen Eingriff als erheblich.

Kritiker bemängeln zudem, dass die ausführliche Perspektive der Patientin fehlt – etwa die Frage, ob sie die Fehlerquote selbst als akzeptabel empfand. Unklar ist ebenso, welche Patientengruppen künftig von der Neuroprothese profitieren können. Fachleute halten eine Nutzung grundsätzlich bei Menschen mit normalen kognitiven Fähigkeiten und intakter Hirnrinde für möglich, sehen dafür aber noch keinen Nachweis. Der Test gilt vor allem als Machbarkeitsnachweis und zeigt das Potenzial der Technik. Das Forschungsteam will die KI weiter verbessern; eine größere Zahl an Testpersonen könnte die Leistung steigern. Die Ausgabe mit nur etwa einer Sekunde Verzögerung wird in der Fachwelt als wichtiger Fortschritt für künftig praxistauglichere Systeme bewertet.

Viele Ansätze, viele offene Fragen

Am 6. Oktober 2026 kündigten Bridge Neurotech und Butterfly Network eine Zusammenarbeit zu nicht-invasiven Gehirn-Computer-Schnittstellen an. Geplant ist ein Ultraschallchip mit mehr als 9.000 CMUT-Elementen. Technische Hürden gibt es trotzdem reichlich: Signale müssen durch den Schädelknochen übertragen werden, außerdem muss die Decodierung in Echtzeit bei verschiedenen Personen funktionieren.

Das Schweizer Unternehmen DeepPsy erhielt 1,99 Millionen Franken vom Schweizerischen Nationalfonds für eine vierjährige randomisierte Studie mit 500 Erkrankten. Untersucht wird, ob EEG- und EKG-Biomarker die Behandlung schwerer Depressionen gegenüber Standardverfahren verbessern können.

An der Unimedizin Mainz wurde das emotionsbasierte Online-Selbsthilfeprogramm „epos“ mit 308 Krebspatientinnen und -patienten untersucht. Aktive Nutzer zeigten stärkere Rückgänge depressiver und ängstlicher Beschwerden als die Kontrollgruppe. In der Gesamtstichprobe war der Effekt jedoch statistisch nicht signifikant. Die klinische Wirksamkeit digitaler Therapien wird daher weiterhin wissenschaftlich geprüft.

Mehr lässt sich aus dem zusätzlich genannten PDF des Max-Planck-Instituts nicht herauslesen: Es enthält keine auslesbaren Artikelinhalte, sondern ausschließlich PDF-Rohdaten und komprimierte Binärdaten. Für die Forschung in München bleibt derweil der praktische Teil: Elektroden prüfen, Signale trainieren, Wörter erkennen – und mit jeder Verzögerung, jedem falschen Begriff und jedem kleinen Fortschritt weiterarbeiten.