Heute, am 15. Oktober 2026, läuft an der Uni Kiel das neue Semester bereits an – und trotzdem fühlt sich der Start in Schleswig-Holstein vielerorts etwas dünner an als sonst. Der Grund liegt nicht in fehlendem Interesse am Studium, sondern in einer Lücke, die sich durch die Rückkehr der Gymnasien zum neunjährigen Abitur (G9) ergeben hat.

Weil in diesem Jahr ein regulärer Abiturjahrgang fehlt, sinkt die Zahl der Studienanfänger. Tausende Studierende haben ihr Studium in Kiel, Flensburg und Lübeck aufgenommen, doch die Zwischenstände fallen unterschiedlich aus. Besonders deutlich zeigt sich der Rückgang an zwei Hochschulen.

Weniger Erstsemester, unterschiedliche Auswirkungen

An der Hochschule Flensburg begannen 2026 rund 300 Studierende weniger als im Vorjahr. Die Entwicklung passt zum landesweiten Bild: Wo ein kompletter Abiturjahrgang ausbleibt, bleiben zunächst auch viele Studienplätze unbesetzt.

Die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) meldet vorläufig 3.466 Neueinschreibungen. Im Vorjahr waren es noch gut 4.200 Immatrikulationen. Damit ist die Universität Kiel bisher besonders stark vom G9-Effekt betroffen. Insgesamt studieren an der CAU knapp 22.900 Menschen.

An der Europa-Universität Flensburg (EUF) liegen die vorläufigen Zahlen bei rund 1.600 Neueinschreibungen und damit ungefähr auf Vorjahresniveau. Etwa 5.400 Studierende sind dort insgesamt eingeschrieben. Rund 73 Prozent belegen Studiengänge in Bildungswissenschaften oder Lehramt – ein Bereich, der offenbar etwas robuster durch das fehlende Abi-Jahr kommt.

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In Lübeck wurden vorläufig 1.166 Erstsemester eingeschrieben. Eine Gesamtzahl der Studierenden lag zum Erhebungszeitpunkt noch nicht vor. Im Vorjahr hatte die Universität zu Lübeck 1.250 Immatrikulationen verzeichnet, die Zahl ist also leicht gesunken.

Jura vor Medizin, Robotik mit Zulauf

Welche Fächer die neuen Studierenden anziehen, zeigt sich an den einzelnen Standorten ziemlich klar. An der CAU führt Betriebswirtschaftslehre mit 411 Einschreibungen, gefolgt von Biologie mit 361 und Rechtswissenschaft mit 349. Jura kommt insgesamt auf mehr als 2.200 Studierende und liegt damit vor Medizin.

Die Mathematisch-Naturwissenschaftliche Fakultät ist mit knapp 4.600 Studierenden die zweitgrößte der acht Fakultäten in Kiel. In Lübeck steht Humanmedizin mit 194 Erstsemestern an der Spitze, danach folgt Psychologie. Einen kräftigen Schub gibt es im Masterbereich: Der Studiengang „Robotik und Autonome Systeme“ verzeichnet mit 62 Einschreibungen den stärksten Zulauf.

Auch in Flensburg geht es nicht nur um klassische Studieninhalte. Digitale Medien und der Umgang mit Künstlicher Intelligenz werden unter anderem in bildungswissenschaftlichen Studiengängen sowie in den Bereichen Europa und Transformation vermittelt. Zwischen Lehramt, KI und Europa liegen dort also keine Welten, sondern offenbar ein gemeinsamer Stundenplan.

Die Zahlen sind noch nicht endgültig

An allen drei Universitäten laufen die Einschreibe- und Nachrückverfahren noch. Die genannten Werte sind deshalb vorläufige Zwischenstände. Endgültige Zahlen werden zum Jahresende erwartet – bis dahin kann sich an der einen oder anderen Stelle noch etwas bewegen.

Wie stark solche Jahrgangseffekte auf Hochschulen durchschlagen, wird auch in der Hochschulstatistik berücksichtigt. Schwerpunkt der Statistik ist die Entwicklung von Vorausberechnungen für den Hochschulbereich. Die Berechnungen werden mit den Mitgliedern der Kommission für Statistik der Wissenschaftsministerkonferenz abgestimmt.

Regelmäßig werden Studienanfängerzahlen nach Ländern für einen Prognosezeitraum von zehn bis 15 Jahren vorausberechnet. Besondere Entwicklungen, die die Zahl der Studienanfängerinnen und Studienanfänger beeinflussen, fließen nach dem jeweils aktuellen Stand ein – ausdrücklich auch die Rückkehr zu G9.

Planung über den einzelnen Jahrgang hinaus

Solche Vorausberechnungen dienen unter anderem als Grundlage für den seit 2007 vereinbarten Hochschulpakt von Bund und Ländern sowie für Nachfolgeprogramme wie den „Zukunftsvertrag Studium und Lehre stärken“. Für Hochschulen geht es dabei um mehr als eine Momentaufnahme im Oktober: Personal, Räume und Studienangebote müssen auch dann geplant werden, wenn ein Jahrgang plötzlich fehlt.

Zusätzlich analysiert die Hochschulstatistik die Wanderungsströme und die Mobilität von Studienanfängerinnen, Studienanfängern und Studierenden zwischen den Bundesländern. Die Ergebnisse werden regelmäßig in einer entsprechenden Dokumentation veröffentlicht.

Das Statistikreferat wirkt außerdem im Ausschuss für die Hochschulstatistik beim Statistischen Bundesamt, in dessen Programmarbeitsgruppe und in weiteren Gremien mit. Ziel ist die kontinuierliche Weiterentwicklung und Verbesserung der Datengrundlagen und ihrer Aufbereitung für die Hochschulstatistik. Der Semesterbetrieb in Kiel läuft derweil weiter – mit weniger neuen Gesichtern als im Vorjahr, aber längst nicht mit leeren Fluren.

Quelle 1: Schleswig-Holstein: Fehlender Abi-Jahrgang reißt Lücke an den Hochschulen, veröffentlicht am 14. Oktober 2026 von Carlo Jolly.

Quelle 2: NDR: Semester in Schleswig-Holstein gestartet.

Quelle 3: Kultusministerkonferenz: Hochschulstatistik.