Am 15. Oktober 2026 haben TIER IV und die Technische Universität München (TUM) in München das TUM Autoware Research Center by TIER IV gegründet. Finanziert wird das Zentrum von TIER IV; Grundlage ist eine mehrjährige strategische Forschungskooperation.

Drei TUM-Forschungsgruppen arbeiten darin künftig enger zusammen: der Lehrstuhl für Fahrzeugtechnik (FTM), die Professur für Cyber-Physical Systems (CPS) und die Professur für autonome Fahrzeugsysteme (AVS, Autonomous Vehicle Systems). Ihr gemeinsamer Werkzeugkasten heißt Autoware – eine von TIER IV entwickelte und eingesetzte Open-Source-Software für autonomes Fahren.

Vom Forschungslabor auf die Straße

Das Zentrum soll sichere und skalierbare autonome Fahrsysteme auf Basis von Autoware entwickeln, die Rolle der TUM in der europäischen Autoware-Community stärken und Forschungsergebnisse schneller in reale Mobilitätsanwendungen bringen. Langfristig ist es zugleich Forschungsbasis, Entwicklungsplattform für offene Software und Ausbildungsumgebung für Doktorandinnen und Doktoranden. Auch akademische, industrielle und öffentliche Verkehrsprojekte sollen dort zusammenfinden – ergänzt durch Demonstrationen und Benchmark-Wettbewerbe.

Wie das aussehen kann, zeigt EDGAR, das autonome Forschungsfahrzeug der TUM. Es nutzt Autoware und absolvierte bei der IAA MOBILITY 2025 öffentliche Demonstrationsfahrten von der Messe München in die Innenstadt. Die Route führte durch städtische und ländliche Bereiche sowie über die Autobahn. Gezeigt werden sollte, wie Open-Source-Software, Forschung und Ingenieurwesen unter unterschiedlichen realen Verkehrsbedingungen zusammenspielen.

Danach setzte das TUM-Team EDGAR innerhalb einer Woche in Berlin ein und demonstrierte den autonomen Betrieb auf Berliner Straßen. Gemeinsam mit dem TÜV-Verband erprobte die TUM dort für die deutsche Bundesregierung eine neue Bewertungsmethodik für autonomes Fahren der Stufe 4 unter realen Verkehrsbedingungen.

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„Die TUM kombiniert lernbasierte Methoden mit regelbasierten Systemen und setzt die entwickelten autonomen Systeme in der realen Welt ein“, erklärte Johannes Betz, TUM-Professor für autonome Fahrzeugsysteme. EDGAR basiere auf dem Autoware-Software-Stack, der als Grundlage für Forschung und Lehre zum autonomen Fahren diene.

Sicher, prüfbar, anpassbar

Inhaltlich konzentriert sich die Zusammenarbeit auf drei Bereiche: Sicherheit, Evaluierung und Skalierbarkeit. Bei der Sicherheit geht es um eine hybride Architektur. Tiefenlernende beziehungsweise Deep-Learning-Modelle sollen die Fahrzeugführung übernehmen, während eine regelbasierte Überwachung das Verhalten kontrolliert. Ein überprüfbarer „Sicherheitswächter“, auf Englisch „Safety Guardian“, soll anhand definierter Sicherheitsgrenzen prüfen, was das Fahrzeug tut, und bei Verstößen eingreifen können.

Für die Evaluierung wollen TIER IV und die TUM einen Benchmarking- und Verifikationsrahmen aufbauen. Getestet werden soll auf Komponenten- und Systemebene – in Simulationen, mit Offline-Analysen und im realen Betrieb. Dafür stehen die EDGAR-Forschungsplattform und die CommonRoad-Kompetenz der TUM zur Verfügung.

Der dritte Bereich betrifft die Skalierbarkeit: Geplant ist ein wiederholbares Verfahren, mit dem Autoware an neue Umgebungen angepasst und dort bewertet werden kann. Geeignete Verbesserungen sollen anschließend in Open-Source-Projekte zurückfließen. Klingt trocken, ist für den Alltag autonomer Fahrzeuge aber entscheidend: Eine Software, die nur auf einer bekannten Strecke funktioniert, bringt noch keinen Verkehrsbetrieb weiter.

Offene Software für Europas Autoindustrie

Laut Mitteilung gewinnt Open-Source-Software für die europäische Automobilindustrie an Bedeutung, weil Fahrzeuge zunehmend autonom, vernetzt und softwaredefiniert sind. Eine Konzeptstudie der Europäischen Kommission zu einer offenen europäischen Plattform für softwaredefinierte Fahrzeuge nennt dafür vier wichtige Grundlagen: eine starke Open-Source-Strategie, Referenzimplementierungen, standardisierte Softwarekomponenten und gemeinsam genutzte Validierungswerkzeuge. Sie sollen europäische Zusammenarbeit und Wettbewerbsfähigkeit stärken.

TIER IV entwickelt und betreibt Autoware als Open-Source-Software für autonomes Fahren und bietet darauf basierende Plattformen und Dienstleistungen an – darunter Softwareentwicklung, Fahrzeugbeschaffung und operative Unterstützung. Weltweit arbeitet das Unternehmen mit Partnern am Aufbau eines auf Autoware basierenden Ökosystems für intelligente Fahrzeuge.

TIER-IV-Gründer und CEO Shinpei Kato verwies darauf, dass großflächig sicheres autonomes Fahren Fortschritte bei künstlicher Intelligenz, Systemarchitektur, Verifizierung und praktischer Umsetzung brauche. Die Verbindung der TUM-Forschung mit der Erfahrung von TIER IV bei Entwicklung und Einsatz von Autoware solle Technologien und offene Benchmarks hervorbringen, von denen das gesamte Ökosystem profitiere.

Vorgesehen ist eine gemeinsame Plattform zum Testen von Technologien, zur Ausbildung von Fachkräften und zur Annäherung autonomer Mobilität an kommerzielle Anwendungen und den öffentlichen Verkehr. Europäische Fahrzeughersteller sollen Technologien und Bewertungsmethoden für offene, sichere, skalierbare und produktorientierte autonome Fahrsysteme erhalten. Forschung, industrielle Entwicklung und Projekte des öffentlichen Verkehrs sitzen dabei mit am Tisch – zumindest ist das der Plan.

Zwischen Erlaubnis und Alltag

Rechtlich hat sich in Deutschland bereits etwas bewegt: Seit Mai 2021 dürfen autonome Fahrzeuge aufgrund einer Anpassung der Wiener Konvention am öffentlichen Straßenverkehr teilnehmen, auch ohne physisch anwesende Fahrerinnen oder Fahrer. Der Einsatz bleibt jedoch auf festgelegte und vorab genehmigte Betriebsbereiche beschränkt. Für die praktische Umsetzung fehlen noch Verordnungen, darunter konkrete Bauartvorschriften.

Für hochautomatisiertes Fahren gibt es erste Zulassungen von Serienfahrzeugen auf bestimmten Autobahnabschnitten. Ein flächendeckender Robotaxi-Betrieb wird in Deutschland aber voraussichtlich noch einige Zeit brauchen. Die Gründe liegen unter anderem in den hohen Kosten für erforderliche Elektronik und Software, in komplexen Steuerungsaufgaben sowie in einem verbleibenden Fehlfunktions- und Sicherheitsrisiko. Dazu kommt: Den Entwicklungsinvestitionen steht besonders im privaten Bereich bislang ein unklarer wirtschaftlicher Gegenwert gegenüber.

Das neue Zentrum an der TUM München setzt deshalb nicht nur auf glänzende Vorführungen, sondern auch auf Prüfverfahren, Sicherheitsgrenzen, Simulationen und wiederholbare Tests. EDGAR wird weiter über Straßen rollen, während hinter den Kulissen an Software, Bewertung und Ausbildung gearbeitet wird.