Ultraschall, Kurztests und KI: Wie Früherkennung Krankheiten sichtbar macht, bevor Symptome auftreten
Früherkennung klingt nach einem nüchternen medizinischen Begriff, kann aber ziemlich konkrete Folgen haben: Krankheiten sollen entdeckt werden, bevor klinische Symptome auftreten. Dafür kommen Sonografie, gezielte Screening-Fragen und künstliche Intelligenz (KI) zum Einsatz. Gerade beim Ultraschall ist die Idee bestechend einfach: kein Röntgen, vergleichsweise geringe Kosten und vielerorts verfügbare Geräte.
Heute, am 26.09.2026, endet in Mainz das 49. Dreiländertreffen der deutschsprachigen Ultraschallgesellschaften. Vom 23. bis 26. September 2026 diskutieren Fachleute dort, welchen Platz die Sonografie künftig in Prävention und Früherkennung bekommen könnte. Die Deutsche Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin (DEGUM) hebt dabei Fettleber, frühe Gefäßveränderungen und kleine Tumoren hervor – Befunde, die mitunter sichtbar werden, noch bevor Beschwerden auftreten.
Fettleber und Gefäße im Blick
Dr. Sabine Guth berichtet, dass sich bei rund 20.000 Untersuchungen ihrer Vorsorgeklientel in etwa 30 Prozent der Fälle eine Fettleber oder beginnende Gefäßwandveränderungen zeigten. Bei etwa einem Prozent der Untersuchten wurden bösartige oder potenziell bösartige Befunde entdeckt, häufig in einem frühen Stadium. Das sind Zahlen, bei denen man kurz schluckt.
Eine schwedische Studie mit rund 13.000 Menschen mit Fettleber ergab eine um 54 Prozent höhere Sterblichkeit durch plötzlichen Herztod und eine um 47 Prozent höhere krebsbedingte Sterblichkeit. Eine Fettleber gilt außerdem als unabhängiger Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes.
Werden Gefäßveränderungen bereits vor dem 50. Lebensjahr festgestellt, stecken laut Guth häufig weitere Risikofaktoren dahinter: erhöhte Cholesterinwerte, ein erhöhtes Lipoprotein(a) oder bislang unentdeckter Bluthochdruck. Werden solche Hinweise früh gefunden, können Bluthochdruck sowie erhöhte Blutfett- oder Blutzuckerwerte gezielt behandelt werden. Auch Änderungen des Lebensstils lassen sich dann anstoßen – etwa, bevor schwere Krankheitsverläufe oder aufwendige Therapien drohen.
Im gesetzlichen Check-up ab 35 Jahren spielt regelmäßiger Ultraschall bislang keine Rolle. Die Ausnahme: Männer ab 65 Jahren können einmalig auf ein Bauchaortenaneurysma untersucht werden. Guth spricht sich dafür aus, zumindest Ultraschalluntersuchungen des Bauchraums in Vorsorgekonzepte aufzunehmen.
Ein Einwand gegen einen breiteren Einsatz sind mögliche Zufallsbefunde. Erfahrene Ärztinnen und Ärzte können harmlose Veränderungen bei qualitätsgesicherten Untersuchungen meist einordnen; auffällige Befunde lassen sich gezielt weiter untersuchen oder im Verlauf kontrollieren. Entscheidend bleiben Ausbildung, Erfahrung und Gerätequalität. Die DEGUM fordert deshalb fundierte Ultraschallausbildung, ausreichende Qualifikation, geeignete Geräteausstattung und Qualitätssicherung. Ohne das wird aus dem schnellen Blick auf den Bildschirm schnell ein Rätselraten.
Mehr als Bauch und Blutgefäße
Hochfrequenz-Ultraschall kann rheumatische Erkrankungen laut Prof. Wolfgang Hartung etwa sechs bis acht Monate früher erkennen als herkömmliche Röntgenverfahren. Auch die Fraktursonografie bei Verletzungen an Ober- und Unterarmen, insbesondere bei Kindern, wurde in medizinische Leitlinien aufgenommen.
Die DEGUM will den Stellenwert qualitätsgesicherter Ultraschalldiagnostik in Prävention und Früherkennung wissenschaftlich stärker untersuchen. Bei ausreichender wissenschaftlicher Evidenz soll die Methode in Versorgungskonzepte und Leitlinien aufgenommen werden. Beim Dreiländertreffen in der Rheingoldhalle Mainz standen dafür am 25. September 2026 drei Veranstaltungen auf dem Programm: „Ultraschall in der Prävention – Pros und Cons im Lichte der Leitlinien“ von 8:00–8:30 Uhr im Gutenbergsaal C, „Ultraschall in der Prävention – Sonografie im Lichte der Leitlinien, Teil 1“ von 8:00–9:30 Uhr ebenfalls dort sowie Teil 2 von 10:00–11:30 Uhr.
Auch bei Alkoholproblemen können wenige, gut gesetzte Fragen viel auslösen. Forscher der Universität Leicester erkannten mit zwei gezielten Fragen in 87,2 Prozent der Fälle ein Alkoholproblem. Die Kombination aus Kurztests und weiterführenden Befragungen erhöhte die Genauigkeit auf 90,9 Prozent. Der WHO-AUDIT-Test arbeitet dabei mit Punktwerten, die auf riskanten Alkoholkonsum oder eine Abhängigkeit hinweisen.
Ein ähnliches Prinzip wurde beim Whooley-Zwei-Fragen-Test geprüft. Bei 248 älteren Krankenhauspatienten ging es um depressive Symptome. Bei mittelgradigen Depressionen erreichte der Test eine Sensitivität von 95 Prozent und wurde in Leitlinien zum geriatrischen Assessment berücksichtigt.
KI zwischen Uhr, Mundschleimhaut und Tumor
Google kündigte für Anfang Oktober 2026 Funktionen der Google-Health-App an, die Trends bei Blutdruck und Insulinresistenz erfassen sollen. Die Funktionen basieren auf Modellen der Pixel Watch und sollen schleichende Stoffwechselveränderungen erkennen. Eine klinische Diagnose ersetzen sie nicht. Für bestimmte Uhrenmodelle ist in Deutschland außerdem eine automatisierte Erkennung von Atemnotfällen vorgesehen.
Eine internationale, von der Universität Sassari geleitete Studie untersuchte ein multimodales KI-System zur Analyse von Veränderungen der Mundschleimhaut. Gutartige und bösartige Läsionen unterschied das System mit einer Genauigkeit von 97,1 Prozent. Allgemeinmediziner erreichten zum Vergleich 72,5 Prozent, Zahnärzte 78,2 Prozent.
An der TU Berlin entwickelten Forschende zudem ein neuronales Netz, das anhand epigenetischer Muster unterscheiden kann, ob ein Lungentumor eine Metastase eines früheren Kopf-Hals-Karzinoms oder eine neue Primärerkrankung ist. Die Trefferquote lag bei 92 Prozent. Diese Unterscheidung beeinflusst Prognose und Therapieentscheidung; bei Metastasen kann die Lebenserwartung oft nur wenige Monate betragen. Für den Wissenschaftsstandort hier ist das kein Nebensatz.
Wenn der Körper auf 18 Grad kommt
Die Kerckhoff-Klinik in Bad Nauheim verfügt über ein spezialisiertes Zentrum für chronisch thromboembolische pulmonale Hypertonie (CTEPH). Dort werden pro Woche etwa drei hochkomplexe Operationen durchgeführt. Währenddessen wird der Körper auf 18 °C gekühlt – ein Detail, das beim Lesen erst einmal einen kalten Schauer auslöst.
Beim Stoffwechsel beginnt die Früherkennung oft deutlich früher, als viele denken: Laut Robert Koch-Institut ist etwa jeder fünfte Erwachsene in Deutschland von Prädiabetes betroffen. Bei genetischer Vorbelastung besteht ein deutlich erhöhtes Risiko. Zur Prävention werden etwa 150 Minuten Sport pro Woche empfohlen, mit Schwerpunkt auf Muskeltraining.
Mehr Messen ist dabei nicht automatisch mehr Medizin. Fachgremien wie der Gemeinsame Bundesausschuss sehen bei gut eingestellten Typ-2-Diabetikern ohne Insulintherapie keinen therapeutischen Mehrwert in einer kontinuierlichen Blutzuckermessung. Der Sensor am Arm kann also technisch viel erfassen – nötig ist er in dieser Situation trotzdem nicht unbedingt.
Von Mainz aus führt der Blick damit in mehrere Richtungen: zum Ultraschallgerät, zu zwei kurzen Fragen, zu einer Uhr und zu lernenden Computersystemen. Die Verfahren können Hinweise liefern, aber sie bleiben abhängig von guter Einordnung, klinischer Diagnostik und qualifizierten Menschen am anderen Ende des Bildschirms.
