An der Universität Göttingen geht es um Frauen, die auf landwirtschaftlichen Höfen längst unverzichtbar sind – und trotzdem oft unsichtbar bleiben. Laut einer Studie werden 89 Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe in Deutschland von Männern geführt. Nur etwa jeder neunte Hof hat eine Frau an der Spitze.

Der Gender-Gap in der Landwirtschaft besteht seit Langem. Agrarsoziologin Janna Luisa Pieper forscht an der Universität Göttingen zu Frauen im ländlichen Raum und in der Landwirtschaft. Viel verändert hat sich demnach nicht: In den vergangenen 20 Jahren stieg der Anteil der Betriebsleiterinnen lediglich um etwa zwei Prozentpunkte.

Mehr als die Frau an der Spitze

Wer über Frauen auf Höfen spricht, meint also nicht nur Betriebsleiterinnen. Dazu gehören Saisonarbeitskräfte, mithelfende Familienangehörige und Frauen ohne offizielle Beschäftigung, die dennoch auf dem Hof mitarbeiten. Ihre Aufgaben reichen von der Betriebsleitung und praktischen landwirtschaftlichen Arbeiten bis zu Haushalt, Kinderbetreuung sowie der Führung und Betreuung von Mitarbeitenden.

Auch die Organisation des landwirtschaftlichen Haushalts bleibt häufig an ihnen hängen. Dazu kommt eine Arbeit, die in keiner offiziellen Statistik ordentlich auftaucht: der „Mental Load“. Frauen führen Mitarbeitergespräche, kümmern sich um ein gutes zwischenmenschliches Klima, erledigen die Buchführung und gehen mit finanziellen oder existenziellen Problemen um. Nebenbei halten sie die familiäre und betriebliche Moral aufrecht – irgendwie muss es ja weitergehen.

Bei Zahlungsengpässen oder steigenden Dieselpreisen seien Frauen häufig früh mit den Folgen konfrontiert, sagt Pieper. Sie müssten dann dafür sorgen, dass Familie und Betrieb weiter funktionieren. Das kann nachts am Küchentisch passieren, zwischen Rechnungen, Kinderfragen und dem nächsten Arbeitstag. In der Studie waren mehr als 20 Prozent der Befragten burnoutgefährdet.

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Wenn Unterstützung fehlt

Die Belastung endet nicht bei langen Arbeitstagen. Häusliche Gewalt, Diskriminierung und sexuelle Belästigung gehören ebenfalls zu den Themen, mit denen Frauen auf landwirtschaftlichen Höfen konfrontiert sind.

Pieper sieht deshalb politischen Handlungsbedarf – gerade bei der Infrastruktur in ländlichen Regionen. Frauenhäuser, ärztliche Versorgung, Hebammen und Kinderbetreuung seien entscheidend. Solche Angebote sollen Frauen ermöglichen, erwerbstätig zu sein und gleichzeitig Kinder zu haben. Was in Städten oft als halbwegs erreichbar gilt, kann auf dem Land schnell eine lange Fahrt und einen halben verlorenen Tag bedeuten.

Förderpolitik als Stellschraube

Die Gemeinsame Agrarpolitik der Europäischen Union ab 2028 wird derzeit neu verhandelt. Pieper sorgt sich, dass Förderungen zur Entwicklung ländlicher Räume dabei an Bedeutung verlieren könnten. Gerade diese Mittel könnten aber genutzt werden, um Frauen in Führungspositionen zu fördern, Betriebsleiterinnen finanziell zu unterstützen und den Frauenanteil in der Betriebsleitung zu erhöhen.

Auch in der Interessenvertretung selbst ist noch Luft nach oben. Frauenverbände wie die Landfrauen und Jungen Landfrauen bezeichnet Pieper als wichtige Lobbyorganisationen. Zugleich brauche es in anderen landwirtschaftlichen Interessenvertretungen mehr Frauen. Der Deutsche Bauernverband habe in seinen Führungspositionen bislang einen geringen Frauenanteil.

Lobbyarbeit solle geschlechtergerecht ausgerichtet werden. Entsprechende Ziele müssten in den Verbandsstrukturen verankert sein – nicht bloß auf einem Papier liegen, das irgendwann zwischen Sitzungsunterlagen verschwindet.

Quelle: NDR, Stand: 10. April 2026, 17:25 Uhr.