Vibro-Trucks kartieren Münchens Untergrund für die Wärmewende
Bundesfinanzminister und Vizekanzler Lars Klingbeil (SPD) hat heute, am 26.10.2026, den Forschungscampus Garching der Technischen Universität München, das Geothermieprojekt GIGA-M, den TUM Incubator und die studentische Raumfahrtgruppe WARR besucht. Viel Programm für einen Tag – und mittendrin zwei Themen, die auf den ersten Blick kaum zusammengehören: Wärme tief unter München und Müll weit über der Erde.
Seit dem 18. August 2026 laufen im Großraum München seismische Messungen. Die Kampagne umfasst mehr als 1.100 Quadratkilometer und gilt als Deutschlands größtes Landseismikprojekt. Spezielle Vibro-Trucks erstellen ein durchgängiges dreidimensionales Bild des tiefen Untergrunds. Gesucht wird eine belastbare Datengrundlage für den weiteren Ausbau der Tiefengeothermie zur lokalen Wärmeversorgung.
Mit Vibro-Trucks durch den Untergrund
Das Prinzip klingt zunächst fast ein wenig brachial: Eine absenkbare Vibrationsplatte leitet kontrollierte seismische Wellen in den Boden. Treffen diese auf geologische Schichtgrenzen, werden sie teilweise reflektiert. Oberirdische Geophone zeichnen die zurückkehrenden Wellen auf; anschließend werden die Daten zu einem detaillierten Bild der geologischen Strukturen verarbeitet. Daraus soll ein ganzheitliches geologisches 3D-Modell des Münchner Untergrunds entstehen.
Die Messungen sind nötig, weil geologische Strukturen in bisher wenig erforschten Gebieten bestimmt und Daten aus bereits untersuchten Regionen verdichtet werden müssen. Das Modell soll künftige Erschließungsbohrungen erleichtern und später in ein dynamisches Bewertungsmodell für die langfristige Nutzung der Tiefengeothermie überführt werden. Die Messkampagne ist auf drei bis vier Monate angelegt.
GIGA-M steht für „Großräumige Integrierte Gesamt-Analyse des tiefengeothermischen Potentials und seiner synergetischen Nutzung im Großraum München“. Das Projekt untersucht neben den technischen Fragen auch die Voraussetzungen für eine gemeinsame, interkommunale Bewirtschaftung des geothermischen Feldes. Die Verbundpartner wollen Möglichkeiten für eine regionale Wärmeversorgung mit lokal erzeugter, klimaneutraler Wärme anstelle fossiler Energieträger ausloten.
Im Münchner Olympiapark informierte sich Klingbeil über GIGA-M und den Ausbau der Geothermienutzung in München und der Region. Das Verbundforschungsprojekt wird vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie gefördert. Klingbeil erklärte, das 500-Milliarden-Euro-Investitionspaket solle unter anderem in Infrastruktur und nachhaltige Wärmeversorgung fließen. Geothermieprojekte könnten die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern und ausländischen Energie-Lieferanten verringern und langfristig bezahlbare Energie ermöglichen.
Die Zahlen unter der Stadt sind jedenfalls nicht klein: Das Thermalwasserreservoir im Weißjura wird im Großraum München bereits über etwa 50 Bohrungen genutzt. Zusammen liefern sie rund 400 Megawatt thermische Leistung. Das zusätzliche Erdwärmepotenzial wird auf mehr als 1.000 Megawatt geschätzt. Die 3D-Seismik soll zunächst die bestehenden Datenlücken schließen. Einer im Artikel genannten Studie zufolge könnte Geothermie deutschlandweit rund 25 Prozent des Wärmebedarfs decken; eine weitere Studie beziffert das Potenzial im Großraum München auf 67 Prozent.
Auf der GIGA-M-Projektwebsite gibt es weiterführende Informationen und eine tagesaktuelle Karte zum Stand der Vorbereitungen. Ab dem 20. August soll die Karte auch die laufenden Messungen mit Vibro-Trucks anzeigen. Nach Abschluss des Projekts soll das entwickelte geologische Untergrundmodell interessierten Personen und zuständigen Behörden zur Verfügung gestellt werden. Die Methoden könnten außerdem auf andere Regionen übertragen werden, um dort regionale Geothermiepotenziale besser zu nutzen.
Am Projekt beteiligt sind die Technische Universität München, die Stadtwerke München, Energiewende Garching, die Energieagentur Ebersberg-München, die Landeshauptstadt München und das Landratsamt München.
Vom Gründungsteam bis zum Weltraumsensor
Anschließend ging es für Klingbeil zum TUM Incubator am Forschungscampus Garching. Die Einrichtung bietet Gründungsteams Infrastruktur, Workshops, Coachings und Austausch. Die Start-up-Teams EASE, Lynkeas und topotherm präsentierten ihre Projekte. EASE entwickelt leichte, KI-gestützte Exoskelette, die Menschen bei körperlich belastenden Tätigkeiten unterstützen sollen.
Die TUM Venture Labs arbeiten auf zwölf Technologiefeldern und eröffnen Zugang zu Spitzenforschung, technischer Infrastruktur und Marktexpertise. An der Technischen Universität München werden jährlich mehr als 100 Unternehmen gegründet. Klingbeil sprach sich für weniger Bürokratie bei Unternehmensgründungen und für einen gezielten Einsatz öffentlicher Mittel aus, der private Investitionen fördern soll.
Danach wartete die studentische Forschungsgruppe WARR. Aus ihr gingen unter anderem die Raumfahrt-Start-ups Isar Aerospace hervor. Rund 500 Studierende forschen in der WARR selbstständig an Raumfahrttechnik – nicht bloß in einem Seminar, sondern an Projekten, bei denen am Ende Hardware im All funktionieren muss. Klingbeil bekam den Satelliten MOVE-IIIa gezeigt.
MOVE-IIIa soll einen Sensor in den Orbit bringen, der mikrometergroßen Weltraumschrott und Mikrometeoriten identifiziert. Winzige Teilchen, große Folgen: Für Satelliten und Raumfahrzeuge können solche Objekte gefährlich werden. Im Anschluss besuchte Klingbeil das Raumfahrtunternehmen Isar Aerospace.
Wärmeversorgung als energiepolitische Großaufgabe
Mehr als die Hälfte des deutschen Energieverbrauchs entfällt auf die Wärmeversorgung. Diese klimaneutral zu decken, zählt zu den zentralen energiepolitischen Herausforderungen. Tiefengeothermie kann Erdwärme als erneuerbare und jederzeit verfügbare Energiequelle für Wärmenetze nutzbar machen. Gerade im Winter ist das relevant, wenn Wind- und Solarenergie typischerweise nur begrenzt zur Wärmeerzeugung beitragen.
Bis 2030 sollen in Deutschland 10 TWh Tiefengeothermie für Wärmenetze bereitgestellt werden. Langfristig wird ein deutlich größeres Nutzungspotenzial erwartet. Dafür müssten bestehende Planungen rasch in konkrete Projekte überführt und weitere Vorhaben gestartet werden. Technische Möglichkeiten müssen dabei mit wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zusammenpassen; wie bei anderen erneuerbaren Energien kann eine staatliche finanzielle Absicherung erforderlich sein.
Wichtig ist außerdem die enge Zusammenarbeit zwischen Wärmeversorgern und Akteuren mit Untertageexpertise. Professionelle Planung und technisch einwandfreie Umsetzung entscheiden über den Projekterfolg – bei der Analyse des Untergrunds, der Vorbereitung der Bohrungen und der Durchführung. Erfahrung im Umgang mit tiefen geologischen Schichten ist dabei besonders wichtig.
Im Jahr 2025 nahm die Dynamik der Tiefengeothermie in Deutschland weiter zu. Neben den bisherigen Schwerpunktregionen Molasse in Bayern und Oberrheingraben gab es vor allem im Norden mehr Aktivitäten; auch im Westen wurden erste erfolgreiche Bohrungen verzeichnet. Die Zahl der Aufsuchungserlaubnisse stieg im Jahresvergleich deutlich. Die meisten Projekte befinden sich allerdings noch in frühen Phasen, etwa bei Machbarkeitsstudien oder geologischen Erkundungen. Nur wenige haben bereits die Bohrphase oder den Bau oberirdischer Anlagen zur Wärmeversorgung erreicht.
Der bisherige Schwerpunkt liegt vor allem in Südbayern, geologische Potenziale gibt es jedoch deutschlandweit. Stadtwerke, Kommunen und private Projektentwickler interessieren sich zunehmend für die Technologie als Option einer klimaneutralen Wärmeversorgung. Zugleich wird Tiefengeothermie immer öfter mit weiteren Nutzungsmöglichkeiten des Tiefenwassers verbunden, etwa zur Gewinnung von Lithium. Der Untergrund könnte also künftig nicht nur Wärme liefern.
Der Jahresbericht zur Geothermie enthält keine Karte zur Tiefengeothermie, weil dafür keine eigenen Daten erhoben wurden. Er ordnet vor allem die wachsende Bedeutung der Technologie für die Wärmewende und die Nutzung des deutschen Untergrunds ein – während in München nun Vibro-Trucks über Straßen und Felder rollen und Schicht für Schicht sichtbar machen sollen, was dort unten steckt.
