Wie eine Detmolder Brauerei mit alkoholfreien Sorten und Innovationen Zukunft braut
In der Brauerei in Detmold riecht es nach Malz, Wärme und Arbeit. Seit mehr als 150 Jahren wird dort Bier gebraut. Simone Strate führt den Familienbetrieb seit über 30 Jahren gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrer Schwester – und sagt offen: Mit Pilsener Bier allein hätte es die Brauerei nicht mehr gegeben.
Das passt zu einer Entwicklung, die auch an der Universität Rostock aufmerksam verfolgt wird. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universität kommen zu dem Ergebnis, dass Unternehmen in Deutschland im Durchschnitt höchstens zwölf Jahre bestehen. Strates Brauerei hat diese Marke um ein Vielfaches überschritten. Am 15. Oktober 2026 zeichnete Business Insider sie als „Zukunftsmacherin 2026“ aus. Unterstützt wurde der Award von Regis 24, PwC und Urban Sports Club.
Weniger Durst auf klassisches Bier
Der Absatz klassischer Sorten wie Pilsener und Helles sinkt laut Deutschem Brauer-Bund mindestens seit 2020. Ein Grund ist der wachsende Gesundheitsfokus. Alkoholfreies Bier bleibt die einzige Biersparte mit steigenden Verkäufen. In Herford, rund 25 Kilometer von Detmold entfernt, wurde laut Strate kürzlich sogar das Aus für zwei Konkurrenzmarken bekannt.
Die Marktlage sei schwierig, sagt Strate. Sie beobachtet außerdem Skepsis gegenüber Produkten, auf denen „Bier“ steht. Nach dem überraschenden Tod ihres Vaters 1995 entschied sie sich trotzdem, die Brauerei zu übernehmen. Innovation sei entscheidend für den Fortbestand des Unternehmens. Mittlerweile produziert der Betrieb 28 verschiedene Sorten.
Social Media liefert Ideen für neue Produkte. Eine davon heißt „Straterol“ – eine Mischung aus alkoholfreiem Radler und Aperol. Mehrere alkoholfreie Sorten entstanden, weil die Nachfrage nach gesünderen Produkten wuchs. Der Klassiker „1863 Helles“ verkauft sich zwar weiterhin insgesamt am besten, doch die Richtung ist klar: kleinere Produktionschargen und individuelle Aufträge werden stärker nachgefragt.
Vier Wochen statt mehr als ein Jahr
Strate setzt auf Tempo. Eine neue Sorte könne innerhalb von vier Wochen auf den Markt gebracht werden; Wettbewerber benötigten dafür meist mehr als ein Jahr. Jährlich verlassen rund 15 Millionen Flaschen die Brauerei – eine mittlere Größenordnung in der Branche. Mit neuen Produkten will Strate das öffentliche Image von Bier verbessern und Handwerkstradition mit modernen Lifestyle-Trends verbinden.
Die Brauer und Mälzer des Unternehmens absolvieren eine dreijährige Ausbildung. Für zehn Jahre im Voraus zu planen, hält Strate offenbar nicht für den einzigen Weg. Stattdessen setzt sie auf junge Mitarbeitende und deren Ideen. Die über 100 Jahre alte Brauereianlage wurde modernisiert und wird weiterhin genutzt. Alt und neu stehen dort also nicht fein säuberlich getrennt nebeneinander, sondern laufen gemeinsam.
Auch die nächste Generation ist schon im Blick. Nach ihrer Ausbildung soll voraussichtlich Strates Tochter Johanna in das Unternehmen einsteigen. Dann würden voraussichtlich vier Frauen die Geschäftsführung bilden. Früher sei ein weibliches Führungsteam stärker aufgefallen, sagt Strate. Heute achteten viele Menschen vor allem auf den Unternehmenserfolg.
Alkoholfrei wächst messbar
Die Zahlen des Statistischen Bundesamtes zeigen, wie stark sich der Markt verschiebt. 2025 wurden in Deutschland gut 616 Millionen Liter alkoholfreies Bier im Wert von rund 696 Millionen Euro produziert. Gegenüber 2024 stieg die Menge um 6,5 Prozent; damals waren es knapp 579 Millionen Liter.
Gleichzeitig stellten deutsche Brauereien gut 6,8 Milliarden Liter alkoholhaltiges Bier im Wert von rund 6,4 Milliarden Euro her. Das waren 5,8 Prozent weniger als 2024, als gut 7,2 Milliarden Liter produziert wurden. Auf einen Liter alkoholfreies Bier kamen 2025 rund 11,1 Liter alkoholhaltiges Bier. 2024 lag das Verhältnis noch bei etwa 12,5 Litern.
Auch Biermischgetränke wie Radler verloren an Produktionsmenge: von knapp 364 Millionen Litern im Jahr 2024 auf rund 343 Millionen Liter im Jahr 2025. Das entspricht einem Rückgang von 5,7 Prozent. Zur Kategorie „alkoholfreies Bier“ zählen Bier mit höchstens 0,5 Volumenprozent Alkohol sowie alkoholfreie Biermischgetränke.
Die Produktionsstatistik erfasst Betriebe von Unternehmen des Produzierenden Gewerbes mit mindestens 20 Beschäftigten. Detaillierte Daten sind in der GENESIS-Online-Datenbank des Statistischen Bundesamtes unter der Tabelle 42131-0004 abrufbar.
Die Flasche, die nicht nur Autofahrer wählen
Bier bleibt das beliebteste alkoholische Getränk in Deutschland. Trotzdem verzeichnet die Branche sinkende Absatz- und Umsatzzahlen. Der deutsche Bierabsatz fiel 2024 auf rund 67,9 Millionen Hektoliter – ein neuer Tiefstwert. Zuletzt wurden in Deutschland 1.459 Brauereien gezählt.
Alkoholfreies Bier steht inzwischen auf vielen Restaurant- und Barkarten. Es wird nicht mehr nur von Autofahrern bestellt, sondern zunehmend von Menschen, die bewusst essen und trinken möchten. Aus ein paar vereinzelten Alternativen ist ein breiter Markt geworden: Pils, Biermischgetränke, alkoholfreies Weizen und Craft-Biere gehören dazu. Zu den beliebtesten Marken zählen Krombacher 0,0, Bitburger 0,0 % und Erdinger Alkoholfrei.
2024 wurden in Deutschland knapp 5,8 Millionen Hektoliter alkoholfreies Bier produziert, der Produktionswert lag bei mehr als 606,4 Millionen Euro. Durchschnittlich tranken die Deutschen knapp fünf Liter pro Kopf. Der größte Teil wurde zu Hause und nicht außer Haus konsumiert. Der Pro-Kopf-Absatz ist in den vergangenen Jahren gestiegen und soll laut Prognosen bis 2027 weiter zunehmen.
2025 gaben rund 21 Prozent der männlichen und rund 23 Prozent der weiblichen Konsumenten an, mehrmals monatlich alkoholfreies Bier zu trinken. Bei den beliebtesten Biersorten lag alkoholfreies Bier weiterhin hinter Pils bei Männern sowie hinter Radler beziehungsweise Mischbier bei Frauen. Marktanteile gewinnt es trotzdem – durch größere Sortenvielfalt, bessere Qualität und eine bessere Verfügbarkeit, auch in der Gastronomie. Maximal 0,5 Volumenprozent Alkohol darf alkoholfreies Bier enthalten.
Strom sparen zwischen alten Mauern
Für Strate endet die Zukunftsfrage nicht bei der Rezeptur. Kunden verlangen zunehmend umweltfreundliche Produktionstechnologien. Zugleich sahen in einer Befragung des Instituts der deutschen Wirtschaft fast die Hälfte der Unternehmen eine unklare Kosten-Nutzen-Relation klimafreundlicher Investitionen als Erfolgshemmnis.
Bierbrauen ist ein wärme- und energieintensiver Prozess. Die Detmolder Brauerei verfügt über Solarzellen und ist zu 95 Prozent energieautark. Alte Kühlkeller aus der Gründungszeit werden wieder genutzt, um Strom zu sparen. Brauereien müssten heute besonders effizient arbeiten, betont Strate. Die traditionelle Architektur unterstütze dabei aus ihrer Sicht die moderne Betriebsführung.
Der Statista-Artikel, veröffentlicht am 17. Dezember 2025 vom Statista Research Department, beschreibt einen Markt, in dem alkoholhaltiges Bier an Boden verliert, während alkoholfreie Varianten zulegen. In Detmold klingt das nicht nach einer trockenen Statistik. Eher nach neuen Etiketten, kleineren Chargen, dem Surren moderner Technik – und nach einer alten Anlage, die weiterläuft.
Quelle: Business Insider · Quelle: Statistisches Bundesamt · Quelle: Statista
