Vollübung in Bad Schwartau testet Klinik-Notfallplan bei Blackout und Massenanfall von Verletzten
Am 26. September 2026 wurde an der Asklepios Klinik Bad Schwartau der Ernstfall geprobt: Brand im Therapie- und Anwendungszentrum, Stromversorgung und IT fallen während des laufenden Klinikbetriebs aus, gleichzeitig trifft ein Massenanfall von Verletzten (MANV) ein. Die Krankenhaus-Einsatzplanung (KEP) wird aktiviert. Kein kleines Gedankenspiel, sondern eine interprofessionelle Vollübung mit gut 350 Beteiligten.
Mit dabei waren die Asklepios Klinik Bad Schwartau, die Freiwilligen Feuerwehren Bad Schwartau und Sereetz, der Rettungsdienst Holstein mit Einsatzleitung, Regelrettungsdienst und Transportkomponente, die Polizeidirektion Lübeck und das Polizeirevier Bad Schwartau, das PSNV-Team Ostholstein sowie die DRK-Gruppe Realistische Unfall- und Notfalldarstellung (RUnD) Klein Wesenberg. Auch dänische Partner, die Technische Hochschule Lübeck und die Universität zu Lübeck beteiligten sich. An der Übung nahmen unter anderem die Landtagsabgeordnete Wiebke Zweig sowie die schleswig-holsteinische Ministerin für Justiz und Gesundheit, Prof. Dr. Kerstin von der Decken, teil.
Vom Brandort bis zum Klinikbett
Geübt wurden die Aktivierung des klinikinternen Notfallplans, der Aufbau einer Klinik-Einsatzleitung und ihre Anbindung an die Einsatzleitungen von Feuerwehr und Rettungsdienst. Die Verletzten wurden nach PRIOR gesichtet; außerdem standen weitere Maßnahmen der Klinikeinsatzleitung auf dem Programm. Abgebildet wurde die gesamte Schnittstelle zwischen präklinischer und klinischer Versorgung – vom Einsatzort bis in die aufnehmenden Klinikbereiche.
Das Blackout-Szenario sollte nach Angaben der Klinik die Vorbereitungen überprüfen, die in den vergangenen Jahren entwickelt worden waren. Für die Feuerwehr ging es um die Zusammenarbeit mit Hilfsorganisationen und Klinikleitung, aber auch um bessere Ortskenntnis im Klinikgebäude. Der Rettungsdienst setzte wegen der komplexen Lage zusätzliche Einheiten ein. Gestellt wurden sie überwiegend durch ehrenamtliche Kräfte der Johanniter-Unfall-Hilfe und des Deutschen Roten Kreuzes.
Ganz aus dem Stand kam der Tag nicht: Im September waren der Vollübung drei Planspiele vorausgegangen. Führungskräfte trainierten Szenarien ähnlicher Größe und Komplexität – einen Großunfall auf der A1, ein Klinikszenario und einen Amoklauf an einer Schule. Erst Planspiel, dann die große Lage mit echten Schnittstellen. Da merkt man schnell, wo ein Funkgerät fehlt, eine Information hängen bleibt oder ein Plan auf dem Papier besser aussieht als im Gebäude.
FLASHLIGHT bringt Deutschland und Dänemark an einen Tisch
Die Übung war Teil des deutsch-dänischen EU-Interreg-6A-Projekts FLASHLIGHT. Das Projekt ist für die Zusammenarbeit im Bevölkerungsschutz in der Fehmarnbelt-Region angelegt. Feuerwehren, Rettungsdienste und Polizeien beider Länder arbeiten dabei zusammen, damit sie bei schweren Unwettern und anderen Einsätzen schneller, abgestimmter und sicherer handeln können.
Im Mittelpunkt steht eine Trainingsumgebung, die reale Einsatzabläufe mit moderner Technologie verbindet. Virtuelle Übungen machen es möglich, gefährliche Szenarien ohne reales Risiko zu trainieren. Die Einsatzkräfte erhalten Einblicke in die Praxis ihrer grenznahen Partner; Eye-Tracking und Kommunikationsübungen untersuchen, wie unter Stress Entscheidungen getroffen werden und wie Zusammenarbeit trotzdem funktioniert. Klingt erstmal nach Labor – am Ende geht es aber um ziemlich handfeste Fragen: Wer weiß was? Wer spricht mit wem? Und wann?
Die Beteiligten stellten wichtige Erkenntnisse zum Zusammenspiel der internen und externen Komponenten der Klinikeinsatzleitung fest. Eine Beobachtungsgruppe mit deutschen und dänischen Fachleuten aus Feuerwehr, Rettungsdienst und Polizei wertet die Übung strukturiert aus. Dafür nutzt sie gemeinsam im FLASHLIGHT-Projekt entwickelte Beobachtungsbögen. Die Ergebnisse sollen in die weitere grenzüberschreitende Übungs- und Ausbildungsarbeit der Fehmarnbelt-Region einfließen. Ein gemeinsames Auswertungstreffen ist drei Wochen nach der Übung vorgesehen.
Hinter FLASHLIGHT steht außerdem der Versuch, dauerhaft ein deutsch-dänisches Netzwerk aufzubauen: mit innovativen Trainingsmethoden, einem gemeinsamen Verständnis von Einsatzabläufen und Strukturen für künftige Kooperationen. Der grenzüberschreitende Bevölkerungsschutz soll dadurch nicht erst im Ausnahmefall zusammenfinden.
Warum Krankenhausalarmplanung mehr ist als ein Notfallordner
Die Übung passt in einen größeren Rahmen. Laut Grundgesetz liegt die Gesetzgebungskompetenz für Gefahrenabwehr und Gesundheitswesen bei den Bundesländern. Alle Länder verpflichten Krankenhäuser in ihren Krankenhausgesetzen dazu, Vorsorge für verschiedene Schadensszenarien zu treffen. Der Bund ist dagegen für die Gesetzgebung im Bereich Verteidigung einschließlich des Schutzes der Zivilbevölkerung zuständig.
In einem Bündnis- oder Verteidigungsfall hätten Krankenhäuser eine besonders wichtige Rolle im gesundheitlichen Bevölkerungsschutz. Je nach Szenario müssten zivile Kliniken neben zahlreichen verletzten oder erkrankten Zivilpersonen auch viele verwundete Soldaten versorgen. Der Bund strebt deshalb mit Maßnahmen im Bereich des Krankenhaus-Alarm- und Einsatzplans (KAEP) einen grundlegenden Schutz deutscher Krankenhäuser bereits in Friedenszeiten an. Dazu gehört auch ein Ende 2020 veröffentlichtes Handbuch. Dieser Basisschutz soll zugleich auf Zivilschutzlagen vorbereiten.
Am Standort in Bad Schwartau wurde diese Vorbereitung nun mit Brand, Stromausfall, IT-Ausfall und vielen Verletzten durchgespielt. Die Auswertung beginnt erst noch – und vermutlich steckt in den Beobachtungsbögen einiges, das im laufenden Betrieb niemand gern übersieht.
