Wurzen liegt rund 30 Kilometer östlich von Leipzig. Im Sommer 1990, wenige Monate nach der Friedlichen Revolution, begann die Soziologin Cordia Schlegelmilch dort eine Langzeitstudie. Sie wollte wissen, wie Menschen den gesellschaftlichen Wandel bewältigten und was sich in ihrem Zusammenleben veränderte. Wurzen hatte damals etwa 18.400 Einwohner, der gleichnamige Kreis rund 49.000.

Anderthalb Jahre lebte Schlegelmilch zunächst bei einer Familie zur Untermiete. Bis 1996 kehrte sie für längere Aufenthalte zurück. 173 Menschen aus verschiedenen Generationen und Berufsgruppen erzählten ihr ihre Lebensgeschichten: Arbeiter, Angestellte, Handwerker, Betriebsleiter, LPG-Mitglieder, Funktionäre sowie Beschäftigte aus Bildung, Kultur und Sozialwesen. Daraus entstand ein Archiv von etwa 600 Stunden. Die meisten Gespräche fanden im Herbst und Winter 1990 sowie in der ersten Hälfte des Jahres 1991 statt. Viele sprachen offen, manche mieden später Gespräche über ihr Leben. In den Berichten liegen Ungewissheit und Rückzug neben Hoffnung und Aufbruch – manchmal fast im selben Satz.

Zwischen Freiheit, Verlust und Heimat

Viele Befragte bejahten die deutsche Einheit und kritisierten zugleich ihren Verlauf. Sie begrüßten neue Freiheiten, trauerten aber um ihre Betriebe und bisherigen Arbeitsplätze. Politische Bevormundung lehnten sie ab; zugleich erinnerten sie sich an soziale Sicherheit und Gemeinschaft. Einige übernahmen Verantwortung für ihr Handeln in der DDR, fühlten sich nach deren Ende aber dennoch herabgesetzt.

Rudi Findig, früherer Wurzener Stadtrat, brachte diesen Zwiespalt auf den Punkt: Die Menschen wollten nicht auf die SED oder den DDR-Staat stolz sein, wohl aber auf die Zeit und auf ihre eigenen Leistungen. Ein 1991 befragter Maschinenbauingenieur verband den Verlust seines Arbeitsplatzes mit einem Gefühl der Heimatlosigkeit und damit, über den eigenen Lebensort nicht mehr verfügen zu können.

Die Studie zeigt Wurzen als Stadt mit vielfältiger Industrie und einem landwirtschaftlich geprägten Umland. Laut Schlegelmilch ist sie über den Ort hinaus aussagekräftig, bildet aber nicht die gesamte DDR statistisch ab. Gerade der lokale Blick macht Unterschiede sichtbar, die in der Sammelbezeichnung „die Ostdeutschen“ schnell verschwinden.

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Die Lebensgeschichten älterer Menschen waren häufig von Krieg, Vertreibung und einem schwierigen Neuanfang geprägt. Frieda Sternberg, langjährige LPG-Vorsitzende und ehemalige ZK-Kandidatin, verband ihre sozialistische Überzeugung mit der Erfahrung ihrer armen Landarbeiterfamilie in Ostpreußen. Andere erzählten von bürgerlichen Familientraditionen, kirchlichen Bindungen oder beruflichem Aufstieg aus Arbeiter- und Bauernfamilien.

Jüngere Fachkräfte fühlten sich durch politische Vorgaben und veraltete Arbeitsbedingungen eingeschränkt. Einige hofften auf Reformen, andere wollten ausreisen oder zogen sich zurück. Die Frage „Gehen oder Bleiben?“ musste im Laufe eines Lebens immer wieder abgewogen werden. Familie, Freundschaften, Heimat und die Hoffnung auf eine gerechtere Gesellschaft hielten viele am Ort. Nach 1990 empfanden manche dann einen Rechtfertigungsdruck dafür, in der DDR geblieben zu sein.

Der Betrieb als Halt – und als Kontrolle

Gemeinschaft war ein wiederkehrendes Thema der Gespräche. Der Betrieb bot Einkommen, soziale Leistungen und einen festen Platz im Alltag. Die Botschaft „Wir brauchen dich“ konnte das Selbstwertgefühl stärken, zugleich aber Anpassungsdruck erzeugen und den Eintritt in die Partei begünstigen. Betriebliche Gemeinschaft bedeutete eben auch politische Kontrolle und die Möglichkeit des Ausschlusses.

Daneben gab es Nachbarschaftshilfe, Freundschaften, Gastfreundschaft, gemeinsame Feiern, Sportvereine und religiöse Gemeinschaften. Beziehungen entstanden manchmal aus der Notwendigkeit, knappe Güter zu beschaffen, wurden aber teilweise zu echten Freundschaften. In der Kleinstadt war man sich nahe – manchmal näher, als einem lieb war. Manche Familien arbeiteten über Generationen im selben Betrieb.

Nach dem Ende der DDR fragten sich einige, wie individuelle Freiheit und der Erhalt sozialer Bindungen zusammengehen könnten. Andere sahen den Aufbau neuer Gemeinschaften als Aufgabe der Bürger selbst. Anfang der 1990er-Jahre brachten Kurzarbeit, Entlassungen, ungeklärte Eigentumsverhältnisse und neue rechtliche Anforderungen große Unsicherheit. Streit über frühere politische Verantwortlichkeiten und alte Netzwerke spaltete die Stadtgesellschaft.

Viele Befragte äußerten sinngemäß: Die DDR habe sich nicht fortsetzen können, die neue Situation sei aber ebenfalls nicht akzeptabel. Schlegelmilch unterscheidet drei Verlusterfahrungen: den Verlust von Arbeitsplatz und Einkommen, die Entwertung beruflichen Wissens und bisheriger Lebensleistung sowie das Gefühl, kaum Einfluss auf die Veränderungen zu haben.

Nach den Protesten von 1989, die konkrete Veränderungen bewirken konnten, hatten manche bald den Eindruck, dass andere wieder über ihre Betriebe und ihre Zukunft entschieden. Gleichzeitig hinterfragten die Menschen ihre eigene Rolle in der DDR. Eine ehemalige Kreisschulrätin fragte, ob sie mutig gewesen sei oder sich angepasst habe.

Positive Erinnerungen an die DDR bedeuten laut Schlegelmilch nicht automatisch eine Verharmlosung von Repression. Kritik an Entwicklungen nach der Wiedervereinigung ist nicht zwingend der Wunsch nach einer Rückkehr zur DDR. Persönliche Verantwortung und Erfahrungen von Demütigung schließen einander nicht aus. Westdeutsche Wissenschaftler wiesen widersprüchliche Erinnerungen teilweise als „rosa Brille“ oder unvollständige Darstellung zurück. Quellenkritik sei notwendig, dürfe solche Erfahrungen aber nicht allein deshalb verwerfen, weil sie nicht in gängige Deutungsmuster passen.

Eine Soziologin mit Kamera

Cordia Schlegelmilch wurde 1952 in Magdeburg geboren. Ihre Familie zog 1952 nach Wilhelmshorst bei Potsdam und lebte dort in einer Villa, die später als Peter-Huchel-Haus bekannt wurde. 1955 verließ ihr Vater, ein angehender Richter, mit der Familie die DDR. Schlegelmilch wuchs in München auf und besuchte von 1962 bis 1972 das Luisen- und anschließend das Maximiliansgymnasium.

Von 1972 bis 1977 studierte sie Soziologie an der Freien Universität Berlin. Bis Ende der 1980er-Jahre arbeitete sie am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, unter anderem zu Arbeitsmarktpolitik und qualitativer Biografieforschung. 1985 promovierte sie bei Martin Kohli und Wolfgang Streeck über die Arbeitsmarktsituation unterqualifiziert arbeitender Akademiker. Die Dissertation erschien unter dem Titel „Taxifahrer Dr. Phil.“; 1986 erhielt sie dafür den Forschungspreis des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung.

Anschließend verband sie ihre soziologischen Interessen mit der Fotografie. Von 1986 bis 1987 lernte sie in der Werkstatt für Photographie in Berlin-Kreuzberg, besuchte Seminare bei Ute Mahler und bei der Gesellschaft für Humanistische Fotografie. Von 1987 bis 1988 war sie Assistentin des Architekturfotografen Bernd Kreutz in Berlin. Dort lernte sie den Umgang mit der Großformatkamera Sinar F2 und fotografierte Bauobjekte für Immobilienfirmen und Bauträger.

Seit 1989 ist Schlegelmilch freiberuflich als Soziologin sowie als Architektur-, Kunst- und Baufotografin tätig. Ihre fotografischen Schwerpunkte sind Architektur, Denkmalpflege, Restaurierung, Baugeschichte, Kunst und Kunst am Bau. Vertreten wird sie durch das Archiv für Kunst und Geschichte (akg-images). Zu ihren Auftraggebern zählen unter anderem der Deutsche Bundestag, das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung, Museen, Galerien, Bauträger, Architekten und Ingenieure.

Von 1990 bis 1996 führte sie mit finanzieller Unterstützung mehrerer Institutionen die soziologische und fotografische Langzeitstudie in Wurzen bei Leipzig durch. Die mehr als 170 Lebensgeschichten von Menschen verschiedener Altersgruppen und sozialer Milieus thematisieren den Alltag in der DDR und die Veränderungen nach der Wiedervereinigung. Die gleichzeitig entstandenen Fotografien zeigen den Wandel der kleinstädtischen Gesellschaft in dieser Übergangszeit.

Zu Schlegelmilchs Veröffentlichungen gehören „Taxifahrer Dr. Phil.“ (1987), „Dezentrale Arbeitsplätze“ (1989, gemeinsam mit weiteren Autoren), „Bühne Bau – Gespräch mit Häusern“ (2017), „Eine Stadt erzählt die Wende – 1989 Wurzen/Sachsen 1990“ (2019), „Wurzen. Ankunft in einer anderen Zeit. Die 1990er Jahre“ (2020), „Endlich seid ihr da! Als die DDR ging und der Westen kam“ (