Powerplatte in Leipzig-Grünau: Leerstehende WBS-70-Wohnungen werden zum Forschungslabor
Heute, am 11. Oktober 2026, läuft in Leipzig-Grünau das Festivalformat „Powerplatte – Das Festivalformat pro Platte“. Noch bis 16 Uhr öffnen sich an diesem Sonntag leerstehende Wohnungen und Räume in der Liliensteinstraße für Ausstellungen, Filme, Gespräche, Forschung und praktische Experimente. Der Eintritt ist frei.
Die Veranstaltung begann am Samstag, 10. Oktober 2026, und findet an beiden Tagen jeweils von 10 bis 16 Uhr statt. Veranstaltungsort ist ein leerstehender WBS-70-Plattenbau in der Liliensteinstraße 29–33, 04207 Leipzig; das Ausstellungsprojekt konzentriert sich außerdem auf die Eingänge Liliensteinstraße 35–39, 04207 Leipzig-Grünau. Sechs Aufgänge der Liliensteinstraße 29–39 stehen im Mittelpunkt des Wochenendes, drei davon mit insgesamt 36 leerstehenden Wohneinheiten.
Wohnungen als Ausstellungsräume
Im Zentrum steht nicht bloß ein Thema, sondern der Plattenbau selbst. In den Eingängen 29, 31 und 33 gibt das Forschungsprojekt „Nukleuswohnen“ Einblicke nach einem ersten Probewohnen im Sommer. Das Projekt hatte zuvor Aufmerksamkeit erhalten. Das Forschungsteam der RWTH Aachen bietet an beiden Tagen Führungen an.
In den Eingängen 35, 37 und 39 zeigen mehr als 100 lokale, regionale und überregionale Positionen neue Inszenierungen und Interpretationen der Wohnungen. Die Beteiligten gehen dabei sehr unterschiedlich mit den Räumen um. Mal wird aus dem leeren Zimmer eine Ausstellungsfläche, mal aus der Platte ein Material zum Anfassen, Bemalen oder Bauen.
Zum Rahmenprogramm gehören Filmvorführungen, Vorträge, Lesungen, eine Radtour und Workshops für verschiedene Altersgruppen. Musik läuft an beiden Tagen, dazu kommen verschiedene Essensstände. Der Geruch von Farbe, Kaffee und warmem Essen dürfte sich in den langen Fluren also ziemlich schnell mischen.
Die fünfteilige Dokumentarserie „Grünau 50“ von Birk Possecker wird an beiden Tagen dauerhaft beziehungsweise in Endlosschleife gezeigt. Anlass für das Festival ist auch das Jubiläumsjahr „50 Jahre Leipzig-Grünau“.
Das Programm am Sonntag
Heute um 11:00 Uhr startet der Stadtteilrundgang mit Klaus Jestaedt von der Denkmalbehörde der Stadt Leipzig. Parallel und anschließend läuft einiges in den Wohnungen und Gemeinschaftsbereichen:
- 11:00–14:00 Uhr: Tischtennis mit dem Heizhaus
- 11:00–14:00 Uhr: Führungen durch „Nukleuswohnen“ mit der RWTH Aachen
- 11:00–16:00 Uhr: Platten-Tattoos mit Ghettolines
- 11:00–16:00 Uhr: Dokumentarfilm „Grünau 50“ in Endlosschleife
- 13:00 Uhr: Film und Gespräch „Platte mit Aussicht“ mit Ute Hergert und Marcel Raabe, 80 Minuten
- 14:30 Uhr: Plattenquiz mit Martin & Carl, 30 Minuten
- 15:00 Uhr: Lesung „Kinder von Hoy“ mit Grit Lemke, 60 Minuten
Wer am Samstag dabei war, konnte um 10:00 Uhr die Eröffnung und anschließend ein Konzert von Korridor Official erleben. Von 11:00 bis 16:00 Uhr standen Plattenmalen, Plattenbasteln und Plattenbauen mit dem Lipsia-Club, „Grünau 50“ und Platten-Tattoos mit Ghettolines auf dem Plan. Das Heizhaus lud von 11:00 bis 14:00 Uhr zum Tischtennis „Powerplatte“ ein, während die RWTH Aachen Führungen durch „Nukleuswohnen“ anbot.
Am Samstagnachmittag folgten um 13:00 Uhr der Film und das Gespräch „Areal“ mit Hannah Sieben, 54 Minuten, sowie von 13:00 bis 16:00 Uhr der Workshop Analogfotografie mit Roman Boichuk. Um 14:00 Uhr lief ein Kurzfilmprogramm mit 45 Minuten. Jakob Fischer sprach um 14:30 Uhr in einem 30-minütigen Vortrag über „Platte: Vom Rückbau zur Wiederverwendung“. Um 15:00 Uhr ging es bei Mark Escherich 45 Minuten um „Fall und Aufstieg der Ostmoderne“.
Von der Wohnungsfrage zum Festival
Initiiert wurde „Powerplatte“ von Martin Maleschka, Architekt, Fotograf und Träger des Deutschen Preises für Denkmalschutz 2024. Seit mehr als 20 Jahren dokumentiert Maleschka das Verschwinden des baukulturellen Erbes der DDR. Veranstalter und Kooperationspartner sind unter anderem die WG „Lipsia“ eG, die Sparda-Bank Berlin eG, der Lehrstuhl für Wohnbau der RWTH Aachen University mit dem Wohnexperiment „Nukleuswohnen“, das Amt für Wohnungsbau und Stadterneuerung der Stadt Leipzig sowie der Bund Deutscher Architektinnen und Architekten Sachsen.
Leipzigs Plattenbaugeschichte reicht tief in die DDR-Zeit zurück. Zahlreiche Wohngebiete entstanden vor allem im Rahmen des Wohnungsbauprogramms von 1973. Es sollte die Wohnungsprobleme der DDR bis 1990 lösen; umgesetzt wurde es überwiegend als komplexer Wohnungsbau in Großwohnsiedlungen. Erste Planungen für Leipziger Großsiedlungen standen bereits im Generalbebauungsplan von 1970.
Horst Siegel, Chefarchitekt des städtischen Planungs- und Architekturbüros, war maßgeblich am Bau der Großsiedlungen beteiligt, besonders in Grünau. Ein Politbürobeschluss vom 30. August 1977 stärkte Leipzigs Rolle beim Wohnungsbau bis 1990. Der extensive Wohnungsbau in Grünau wurde zugleich vorrangig behandelt, während die Altbaugebiete weiter vernachlässigt wurden.
Bis 1990 entstanden in Leipzig in 25 Wohngebieten etwa 90.000 Wohnungen, überwiegend in Plattenbauweise. Rund zwei Drittel davon lagen in den Großwohnsiedlungen Grünau, Paunsdorf, Schönefeld, Mockau, Lößnig, Möckern und an der Straße des 18. Oktobers. Die Kehrseite war deutlich: 1990 waren 196.000 von insgesamt 257.000 Leipziger Wohnungen sanierungsbedürftig. In der DDR hatte der Neubau von Plattenbausiedlungen Vorrang vor der Sanierung des Altbaubestands.
Große Teile von Plagwitz, Reudnitz-Thonberg und Connewitz waren baufällig, teilweise drohten Gebäude einzustürzen. Es war absehbar, dass Altbaugebiete wie Reudnitz-Thonberg nach 1990 teilweise durch Plattenbauten ersetzt werden könnten. Im Bereich der Mühlstraße hatte dies bereits 1988 begonnen.
Rückbau, Umbau, neue Ideen
Mit der stärkeren Hinwendung zum innerstädtischen Bauen kam die Wohnungsbauserie WBS 70/36 kN zum Einsatz, unter anderem für Lückenschließungen nach dem Vorbild der Kolonnadenstraße. Seit 1987 gab es für diese Serie einen Gestaltungsbaukasten mit Lösungen für Fassaden, Loggien, Treppenhäuser, Gebäudeecken und Dächer. Die Bauteile sollten eine Anpassung der Wohngebäude an unterschiedliche innerstädtische Standorte ermöglichen.
Die 1. Leipziger Volksbaukonferenz am 6. und 7. Januar 1990 führte weitgehend zum Ende des Plattenneubaus. Nach der Wiedervereinigung wurden hoher Leerstand, wenige Grünflächen und die hohe Bebauungsdichte in den Plattenbaugebieten zu Problemen. Umnutzungen, Neubauten, Teilrückbau und die Aufwertung des Umfelds sollten gegensteuern. Besonders bei den Punkthochhäusern des Typs PH 16 wurde zurückgebaut, um auf die sinkenden Einwohnerzahlen zu reagieren.
Mit Fördermitteln aus dem Programm „Stadtumbau Ost“ wurden zwischen 2000 und 2015, vor allem in Leipzig-Grünau, fast 8.000 Plattenbauwohnungen zurückgebaut. Das Grünau-Konzept folgte dem Ziel „Mehr Qualität durch weniger Häuser“. Seit 2011 wuchs die Bevölkerung Leipzigs wieder, und auch die Plattenbauviertel verzeichneten Einwohnerzuwächse. Seit 2015 gab es keine weiteren Abrisse; stattdessen wurden Grundrissänderungen und Umbauten erprobt.
