Die lange Geschichte der Erschöpfung: Von Acedia bis Burnout
Chronische Erschöpfung wirkt wie ein Problem unserer Zeit: volle Kalender, überquellende E-Mail-Postfächer, Arbeit, Haushalt, Beziehungen, dazu die ständige Erreichbarkeit. Doch der Eindruck täuscht. Historische Untersuchungen zeigen, dass Müdigkeit und Überlastung Menschen bereits im Mittelalter beschäftigten. Georges Vigarello verfolgt diese lange Geschichte in Histoire de la fatigue du Moyen Âge à nos jours, auf Englisch erschienen als A History of Fatigue.
Am 25.10.2026, am Standort der ESMT Berlin, führt diese Geschichte direkt zu einer aktuellen Frage: Was, wenn nicht die Beschäftigten zu wenig resilient sind, sondern die Bedingungen, unter denen sie arbeiten? Der Arbeitsforscher Hans Rusinek von der Universität St. Gallen und der ESMT Berlin untersucht Arbeitsstress in seinem Buch Reclaim Work. Sein ungewöhnlicher Rat: täglich eine ungeschriebene Regel brechen – um zu prüfen, ob ein Ablauf wirklich zwingend ist oder bloß immer schon so gemacht wurde.
Müdigkeit hat viele Namen
Der Begriff „Burnout“ entstand erst in den 1970er-Jahren. Die Symptome – chronische Erschöpfung, Demotivation und emotionale Leere – sind allerdings deutlich älter. Im Mittelalter wurden vergleichbare Zustände als „acedia“ bezeichnet, als geistige und emotionale Erschöpfung. Der frühchristliche Mönch John Cassian beschrieb Verbindungen zwischen körperlicher Müdigkeit und Hoffnungslosigkeit.
Der Theologe William Peraldus empfahl, negative Gefühle zunächst anzunehmen, statt sofort gegen sie anzukämpfen. Er verglich Erholung mit einem dornigen Feld, das nach einer Ruhephase wieder Früchte tragen könne. Mittelalterliche Texte verwiesen außerdem auf übergeordnete Lebensziele und verlässliche Bezugspersonen als Orientierung und emotionale Unterstützung.
Vigarello zeigt, wie sich nicht nur die Symptome, sondern auch die Begriffe und Erklärungen veränderten – darunter „langueur“, „dépérissement“ und „pénibilité“. Sein Buch untersucht die Geschichte der Müdigkeit vom Mittelalter bis zur Gegenwart und ordnet sie in soziale Normen sowie gesellschaftliche und politische Entwicklungen ein. Behandelt werden Müdigkeit im Zusammenhang mit Krieg, Religion, Arbeit, Körper und Sinnen ebenso wie mit Intimität.
Die zunehmende Autonomie westlicher Menschen, die stärkere Vorstellung eines individuellen Selbst und das Ideal von Unabhängigkeit und Freiheit spielen dabei eine zentrale Rolle. Je freier man sich selbst entwerfen soll, desto schwerer können Einschränkungen wiegen. Aus Begrenzungen entstehen dann Unzufriedenheit und Müdigkeit – nicht nur im Körper, sondern auch im Denken, in den Gefühlen und im eigenen Selbst.
Von der Klostermüdigkeit zur mentalen Last
Im 20. und 21. Jahrhundert weitete sich das Verständnis von Stress, Burn-out und mentaler Überlastung auf beinahe alle Lebensbereiche aus: Erwerbsarbeit und Haushalt, Freizeit, Beziehungen und intime Lebensbereiche. Müdigkeit gilt inzwischen als verbreitetes Merkmal der modernen Gesellschaft. Sie sitzt nicht mehr nur in den Beinen nach einem langen Tag, sondern auch im Kopf, im Gefühlshaushalt, manchmal tief im Bild, das man von sich selbst hat.
Vigarellos Buch ist in fünf große Teile gegliedert. Teil I behandelt das Mittelalter und die Herausforderung der Orientierung: unklare Bezugspunkte, die Müdigkeit des Kriegers, das Leiden des Reisenden, „erlösende“ Müdigkeit, alltägliche Arbeit mit geringer öffentlicher Aufmerksamkeit sowie übernatürliche Kräfte und die heilende Wirkung von Erfrischungen.
Teil II widmet sich der Moderne und der Herausforderung von Kategorien – der Entstehung von Abstufungen und Kategorien, der Einführung von Zahlen, unterschiedlichen Einflussfaktoren, vielfältigeren Behandlungsmethoden sowie Armut und „Erschöpfung“. Teil III führt in die Aufklärung: Gefühle und Müdigkeit, Nerven als Reaktion und Übererregung, Vorstellungen von Stärke, Müdigkeit als Beginn von Mitgefühl, die zunehmende Aufmerksamkeit für Erschöpfung, erste Formen des Trainings und eine neue Wahrnehmung von Zeit.
Im Teil IV, dem 19. Jahrhundert, geht es um das Ideal des standhaften Bürgers, Zahlen, Mechanik und Energie, die Bedrohung durch die Armut der Arbeiterschaft, Leistung und Arbeitsoutput, „mentale Müdigkeit“, Widerstandskraft und Wachstum. Teil V folgt schließlich der Psychologie des 20. und 21. Jahrhunderts: der Erforschung der Psyche, dem Wandel der Erklärungen von Hormonen zu Stress, dem Weg vom Ideal des „neuen Menschen“ zur Tragödie, den Versprechen des Wohlbefindens und der Entwicklung von Burn-out zu Identität. Ein Nachwort behandelt Überraschungen und „virale“ Gefahren. Danksagungen, Anmerkungen und ein Index gehören ebenfalls zum Buch.
Georges Vigarello ist Studiendirektor an der École des hautes études en sciences sociales in Paris. Er schrieb außerdem über die Geschichte der Vergewaltigung und die Geschichte der Fettleibigkeit. Nancy Erber übersetzte A History of Fatigue ins Englische. Mehrere Wissenschaftler und Publikationen besprechen das Buch und heben dabei vor allem seine langfristige Darstellung gesellschaftlicher Veränderungen sowie den Fokus auf Müdigkeit, Stress und individuelle Autonomie hervor.
Die alte moralische Falle
Die Kulturhistorikerin Anna Katharina Schaffner, die Erschöpfung an der University of Kent erforschte, unterscheidet zwischen einer vorübergehenden Müdigkeit nach erfüllter Arbeit und einer anhaltenden Erschöpfung, von der man sich nicht mehr ausreichend erholt. Dass heutige Generationen besonders erschöpft seien, lässt sich wissenschaftlich nicht eindeutig belegen. Menschen suchten schon immer nach Erklärungen; entsprechende Schriften reichen laut Schaffner bis ins alte China zurück.
In der Antike und erneut in der frühen Neuzeit wurde Erschöpfung und Melancholie mit einem Ungleichgewicht der Körpersäfte erklärt. Ein Überschuss an schwarzer Galle sollte die Ursache sein. Die Humoralpathologie ist wissenschaftlich nicht haltbar, erklärt aber die Herkunft des Wortes: „Melancholie“ setzt sich aus den griechischen Wörtern für „schwarz“ und „Galle“ zusammen. Einer früheren Vorstellung zufolge stieg verbrannte schwarze Galle als Rauch zum Gehirn auf und verursachte Schwermut.
Spätantike christliche Theologen erklärten die Trägheit müder Mönche zur Todsünde. Acedia sollte allein durch Willenskraft überwunden werden. Erschöpfung wurde damit nicht mehr primär körperlich, sondern moralisch und spirituell gedeutet: Wer müde und lustlos war, habe sich angeblich nicht ausreichend bemüht, Gottes Werk zu würdigen.
Das klingt weit weg, ist es aber nicht ganz. Faulheit, Ausruhen, Selbstfürsorge und Freizeit werden noch immer gern moralisch abgewertet, während Zeit in Selbstoptimierung oder berufliche Erfolge fließen soll. Auch das protestantische Arbeitsethos wirkt nach. Die Frage nach dem Beruf gehört häufig zu den ersten Fragen beim Kennenlernen erwachsener Menschen; Arbeit ist eng mit Identität verbunden und dadurch mehr als ökonomische Notwendigkeit oder Mittel zum Zweck.
Max Weber beschrieb in Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus den Zusammenhang zwischen Protestantismus und kapitalistischer Arbeitsorientierung. Effizienz und beruflicher Erfolg wurden demnach beinahe zur religiösen Pflicht. Protestanten galten in Webers Theorie durch harte Arbeit und die Reinvestition verdienten Geldes als ideale Kapitalisten. Persönliches Vergnügen und Spaß verloren an Bedeutung, Askese und Verzicht erhielten einen hohen Stellenwert. Die Vorstellung, weltlicher Erfolg könne auf die Zugehörigkeit zu den Auserwählten hinweisen, wirkt laut Schaffner bis heute nach.
Fabrik, Nerven, Burnout
Der Fabrikalltag des 19. Jahrhunderts verschärfte die allgemeine Müdigkeit: lange, harte Arbeitstage, Lärm, Taktung. Gegen Ende des Jahrhunderts wurde Erschöpfung durch die Diagnose „Neurasthenie“ zugleich gesellschaftlich aufgewertet. Industrialisierung, Beschleunigung und sozialer Wandel galten als Kräfte, die das menschliche „Nervenkostüm“ überforderten. Besonders sensible, künstlerische und kreative Menschen schienen anfällig. Neurasthenie wurde so teilweise zum Leiden von „Feingeistern“ – Schriftsteller wie Thomas Mann bezeichneten sich teils selbst als Neurastheniker und schufen entsprechende literarische Figuren, etwa Gustav von Aschenbach in Der Tod in Venedig.
Heute wird chronische Erschöpfung vor allem mit „Burnout“ verbunden. Chronischer Arbeitsstress kann Burnout auslösen; die Erschöpfung klingt dann
