Ein spannendes neues Forschungsprojekt hat kürzlich die Zusammenarbeit zwischen der FernUniversität in Hagen und der Universität Danzig ins Leben gerufen. Im Mittelpunkt steht die Wahrnehmung der Energiewende in Deutschland und Polen. Das Projekt mit dem vielversprechenden Titel „Energiewende und Gesellschaft: Einstellungen zur Energiewende im Zusammenhang mit Wertewandel und sozialem Vertrauen in Polen und Deutschland“ wird von der Deutsch-Polnischen Wissenschaftsstiftung (DPWS) gefördert.
Eine spannende Zeit für die Energiepolitik in beiden Ländern, denn das Projekt nimmt sich der zentralen Frage an: Was sind die Einflussfaktoren der gesellschaftlichen Akzeptanz der Energiewende? Ein besonderer Fokus liegt dabei auf Werteorientierungen, dem Vertrauen in staatliche Akteure und der Verbreitung von Verschwörungserzählungen. Die Projektleitung haben Jun.-Prof. Dr. Michael Bucksteeg von der FernUniversität und Dr. Anna Maria Nikodemska-Wołowik von der Universität Danzig übernommen.
Gesellschaftliche Akzeptanz der Energiewende
Inmitten der aktuellen Herausforderungen ist auch die Wahrnehmung der Energiewende von großer Bedeutung. Insbesondere in Deutschland zeigt eine Befragung des Wuppertal Instituts, dass über 70% der Befragten den Klimawandel als Bedrohung ansehen. Gleichzeitig legen 60% Wert darauf, die Energiewende als notwendiges politisches Ziel zu begreifen. Allerdings sorgt die Transparenz der Maßnahmen weniger für Zufriedenheit: Nur 20% empfinden die Ziele und Maßnahmen der Energiewende als klar und verständlich. Zudem herrscht eine Vertrauenskrise – über 50% vertrauen der Bundespolitik nicht.
Die gesellschaftlichen Spannungen zeigen sich deutlich in den vielfältigen Diskursen zu den politischen Instrumenten. So gibt es unter anderem Kontroversen um das Gebäudeenergiegesetz und das geplante Verbot von Verbrennungsmotoren bis 2035, die unterschiedlich bewertet werden. Eine Umbefragung hat ergeben, dass jüngere Altersgruppen optimistischer gegenüber der Energiewende eingestellt sind als ältere.
Energiepolitik in Polen
Parallel zu den Bestrebungen in Deutschland auch in Polen, wo die Energiewende ebenfalls im Fokus steht. Die polnische Energiepolitik hat sich in den letzten Jahren stark gewandelt. Ein zentraler Aspekt ist der schrittweise Ausstieg aus der Kohleverstromung, die derzeit 60% der Stromerzeugung ausmacht. Vor nicht allzu langer Zeit lag dieser Wert noch bei über 90%. Auf der einen Seite boomt die Photovoltaik, mit einer installierten Leistung von 17 Gigawatt bis Ende 2023. Auf der anderen Seite sieht die aktualisierte Energiepolitik bis 2040 eine Erhöhung der Kapazitäten für erneuerbare Energien vor, mit konkreten Zielen von insgesamt 50 Gigawatt bis 2030.
Die anhaltende Energiekrise, verstärkt durch geopolitische Spannungen, zwang Polen, Maßnahmen zur Sicherung der Energieversorgung zu ergreifen. Ein Beispiel dafür ist der Abschluss der Bauarbeiten an der Baltic Pipe, die als Schlüsselprojekt für die gasbasierte Energiepolitik gilt. Die Kündigung des polnisch-russischen Gasliefervertrages im Jahr 2022 führte zudem dazu, dass Polen verstärkt auf LNG-Terminals und alternative Gasquellen setzt.
Die aktuelle Forschung wird auch die unterschiedlichen Herangehensweisen der beiden Länder an die Energiewende betrachten. Ein zentraler Unterschied besteht in den Prioritäten: Während in Deutschland der Umwelt- und Klimaschutz hoch im Kurs steht, liegen in Polen die Schwerpunkte auf wirtschaftlicher Entwicklung und der Verbesserung der individuellen Lebenssituation. Historische Prägungen, insbesondere das Vertrauen in staatliche Akteure, spielen ebenfalls eine entscheidende Rolle.
Die empirische Untersuchung des Projekts umfasst rund 1.000 Befragungen in beiden Ländern, die nicht nur den Status quo erheben, sondern auch die Entwicklung von Werteprofilen beider Gesellschaften ermöglichen. Ziel ist es, einen Dialog zu fördern und Studierende beider Universitäten zu vernetzen.
Mit den richtigen Wegen und einem klaren Gestaltungswillen könnte diese Forschung ein wertvoller Beitrag zur sozialwissenschaftlichen Energiewendeforschung leisten und das bilaterale Forschungsprogramm zwischen Deutschland und Polen stärken. Unter Berücksichtigung der aktuellen Unsicherheiten in beiden Ländern ist es von großer Bedeutung, den gesellschaftlichen Rückhalt zu fördern und die Akzeptanz der Energiewende zu steigern.