Berlins Lebenswissenschaften zwischen Zelle, Schmetterling und Nashorn
Med Berlin, 1.10.2026. Berlin genießt in den Lebenswissenschaften weltweit einen exzellenten Ruf. Führende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler kommen regelmäßig in die Stadt – nicht zuletzt wegen der thematischen und ideellen Breite ihrer Forschung. Hier liegen Zellbiologie, Ökologie, Medizin und Technik oft näher beieinander, als man auf den ersten Blick denkt.
Ein Blick auf zehn Forschende zeigt, wie weit dieses Feld reicht. Sie untersuchen Körper und Natur, prägen unser Verständnis davon und bewegen sich dabei von der kleinsten Zelle bis zum Nashorn. Die Natur ist in diesen Arbeiten technisches Vorbild, Ursprung neuer Krankheiten und zugleich ein Bündel ungelöster Fragen. Das klingt groß. Ist es auch.
Wenn Biodiversität zum Forschungsthema wird
Wie dringend solche Fragen sind, machte die Freie Universität Berlin 2024 mit ihrem Engagement für die biologische Vielfalt deutlich. Weltweit nimmt die Artenvielfalt stark ab; laut der Universität sterben täglich etwa 150 Tier- und Pflanzenarten aus. Die FU arbeitete deshalb fachübergreifend daran, das Bewusstsein für die Dringlichkeit des Biodiversitätsschutzes zu stärken und innovative Lösungen für globale Herausforderungen zu entwickeln.
Mitte 2024 begann an der FU das „Jahr der Biodiversität“. Im Mittelpunkt standen die Bedeutung der Vielfalt für Ökosysteme, die menschliche Gesundheit und das menschliche Wohlbefinden. Ein umfangreiches Veranstaltungsprogramm richtete sich an Studierende, Forschende und die Öffentlichkeit. Dort konnten sich Menschen beteiligen und gemeinsam Beiträge zum Erhalt der Artenvielfalt leisten – nicht nur im Hörsaal, sondern auch ganz praktisch.
Über 2024 hinaus forschen zahlreiche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der FU zu Biodiversität, Pflanzen- und Insektenökologie sowie zu den Wechselwirkungen zwischen Pflanzen und Insekten. Im Projekt „Living Lab Multispecies Campus“ arbeiten verschiedene wissenschaftliche Disziplinen zusammen. Der Botanische Garten macht Pflanzen aus aller Welt zugänglich und veranschaulicht Biodiversität, während sich die Initiative „Blühender Campus“ fachbereichs- und einrichtungsübergreifend mit dem Thema befasst.
Wer selbst zählen will, kann beim Citizen-Science-Projekt „Tagfaltermonitoring“ Schmetterlinge auf den Flächen der Universität erfassen. Und die FU Berlin plant mit ihrer Biodiversitätsstrategie weitere Maßnahmen für die kommenden Jahre. Zwischen Blüten, Flügeln und Excel-Tabellen liegt dabei erstaunlich viel echte Forschungsarbeit.
Mehr gefährdete Arten als gedacht
Wie ernst die Lage ist, zeigt eine Analyse zum Erhaltungszustand von 14.669 europäischen Land-, Süßwasser- und Meeresarten. Untersucht wurde damit rund zehn Prozent der kontinentalen Fauna und Flora. Das Ergebnis: 19 Prozent der erfassten europäischen Arten sind vom Aussterben bedroht.
Bei den Pflanzen liegt das Aussterberisiko bei 27 Prozent, bei den Wirbellosen bei 24 Prozent und bei den Wirbeltieren bei 18 Prozent. Weltweit könnten etwa zwei Millionen Arten gefährdet sein. Die ermittelten Werte liegen damit deutlich über den jüngsten Schätzungen der Zwischenstaatlichen Plattform für Biodiversität und Ökosystemleistungen, kurz IPBES.
Als wesentliche Ursachen nennt die Studie die Intensivierung der landwirtschaftlichen Nutzung, Übernutzung, Verschmutzung, Siedlungsentwicklung und die zunehmenden Auswirkungen des Klimawandels. Um den Verlust biologischer Vielfalt zu begrenzen, gilt die Beibehaltung und Wiederherstellung nachhaltiger Land- und Wassernutzungspraktiken als zentral.
Veröffentlicht wurde die Studie im Fachmagazin PLOS ONE. Angestoßen wurde sie von Dr. Melanie Bilz im Rahmen ihrer Dissertation am Fachgebiet Landschaftsplanung und Landschaftsentwicklung. Zahlen wie diese bleiben nicht einfach auf dem Papier: Sie landen irgendwann in Schutzgebieten, auf Feldern, in Gewässern – oder eben dort, wo plötzlich ein Schmetterling fehlt.
Berliner Wissenschaft zwischen Zelle und Nashorn
Die Berliner Wissenschaft schaut deshalb in viele Richtungen zugleich. Sie fragt nach Vorgängen in der kleinsten Zelle und nach den Lebensbedingungen großer Tiere wie des Nashorns. Sie beobachtet Pflanzen und Insekten, untersucht die Folgen menschlicher Eingriffe und sucht nach technischen Ideen, die sich an der Natur orientieren.
Gerade diese Mischung macht die Stadt für Forschende attraktiv: thematische Offenheit neben ideeller Breite, Grundlagenfragen neben Anwendungen. Mal geht es um den Körper, mal um ein ganzes Ökosystem. Mal ist die Natur Vorbild für eine Erfindung, mal wird sie zum Ausgangspunkt einer neuen Krankheit, mal bleibt eine Frage einfach offen. Und irgendwo auf dem Campus zählt gerade jemand einen weiteren Tagfalter.
