Hannah Arendt ist vor allem als politische Theoretikerin bekannt. Als eine der bedeutendsten Denkerinnen des 20. Jahrhunderts prägte sie den Begriff von der „Banalität des Bösen“, schrieb über Totalitarismus und mischte sich öffentlich ein – oft mit Texten, die unter Freunden wie Gegnern umstritten waren. Dass sie daneben insgesamt 71 Gedichte verfasste, gerät leicht aus dem Blick.

Am 14. Oktober 2026, an Arendts 120. Geburtstag, rückte radio3 deshalb ihre lyrische Seite ins Zentrum. Der Beitrag wurde um 7:10 Uhr in der Sendung „radio3 am Morgen“ angekündigt. Gesprächspartnerin war Irmela von der Lühe, ehemalige Professorin für Neuere Deutsche Literatur an der Freien Universität Berlin. Ein guter Anlass, an der FU Berlin nicht nur auf die große politische Denkerin zu schauen, sondern auch auf die leiseren, tastenden Texte.

71 Gedichte zwischen Marburg und New York

21 Gedichte entstanden zwischen 1923 und 1926, die übrigen 50 zwischen 1942 und 1961. Ein neu erschienener Band versammelt nun erstmals sämtliche Gedichte von Hannah Arendt: Ich selbst, auch ich tanze. Die Gedichte, 160 Seiten, erschienen bei Piper. ISBN: 978-3-492-05716-5. Der Preis beträgt 20 Euro in Deutschland und 20,60 Euro in Österreich.

Schon der Titel klingt nach Bewegung und Widerspruch. Das Gedicht „Traum“, das in dem Artikel abgedruckt ist, kreist um das Tanzen, um Schwere und Leere, Einsamkeit und eine eigene Hand, die zugleich fremd und vertraut wirkt. Keine politische Programmschrift, kein sauber sortiertes Lehrstück. Eher ein kurzer Raum, in dem etwas schwebt und gleich wieder zu Boden fällt.

Arendt selbst sagte 1964 in einem Fernsehinterview mit Günter Gaus, Dichtung habe in ihrem Leben eine große Rolle gespielt. Rolf Hochhuth sprach von ihrer „dichterischen Kraft“ und nannte sie eine „durch und durch“ Literatin. Das passt zu einer Denkerin, die nicht nur philosophische, politische und historische Dokumente las, sondern auch Biografien und literarische Werke. Sie wertete diese Texte wortgetreu aus und stellte sie ihren eigenen Denkansätzen gegenüber.

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Geboren wurde Hannah Arendt am 14. Oktober 1906 in Linden, heute ein Stadtteil Hannovers. Johanna Arendt war die Tochter säkularer jüdischer Eltern: Ihr Vater Paul Arendt (1873–1913) war Ingenieur, ihre Mutter Martha, geborene Cohn (1874–1948), hatte drei Jahre in Paris studiert, sprach fließend Französisch und war sozialdemokratisch eingestellt. Nach dem frühen Tod des Vaters erzog Martha ihre Tochter freiheitlich. Über ihre Großeltern, darunter den Großkaufmann und Kommunalpolitiker Max Arendt, lernte Hannah das liberale Reformjudentum kennen. Sie gehörte keiner Religionsgemeinschaft an, verstand sich aber zeitlebens als Jüdin.

Mit 14 las sie Kants Kritik der reinen Vernunft, Karl Jaspers’ Psychologie der Weltanschauungen und Schriften Søren Kierkegaards. Wegen eines Konflikts mit einem Lehrer musste sie die Schule verlassen. In Berlin besuchte sie ohne formalen Schulabschluss unter anderem Vorlesungen zur christlichen Theologie bei Romano Guardini; 1924 legte sie in Königsberg als externe Prüflingin das Abitur ab. Während ihrer Schulzeit gründete sie einen philosophischen Kreis, in dem sie Ernst Grumach und über ihn ihre langjährige Freundin Anne Mendelsohn, später Anne Weil, kennenlernte.

Von Heidegger zu Jaspers, von Europa nach Amerika

1924 begann Arendt an der Universität Marburg Philosophie bei Martin Heidegger und Nicolai Hartmann zu studieren. Dazu kamen Evangelische Theologie, insbesondere Vorlesungen bei Rudolf Bultmann, und Gräzistik. Mit dem 35-jährigen, verheirateten Heidegger begann sie eine geheime Liebesbeziehung. Sie lebte in Marburg zurückgezogen und hatte vor allem Kontakt zu Hans Jonas und Freunden aus Königsberg.

Anfang 1926 wechselte sie auf Drängen Heideggers für ein Semester zu Edmund Husserl nach Freiburg, anschließend ging sie nach Heidelberg zu Karl Jaspers. 1928 promovierte sie bei Jaspers mit der Arbeit Der Liebesbegriff bei Augustin. Mit Jaspers blieb sie bis zu dessen Tod freundschaftlich verbunden. In Heidelberg gehörten Karl Frankenstein, Erich Neumann, Erwin Loewenson und Hans Jonas zu ihrem Umfeld; außerdem lernte sie den Zionisten Kurt Blumenfeld kennen, der ihr Verständnis für die Situation der Juden prägte. Ein Text Arendts wurde während ihres Heidelberger Aufenthalts von Kitayama ins Japanische übersetzt.

Ihre Dissertation erschien 1929 in Leipzig und Berlin als Buch. Darin verband sie Ansätze Heideggers und Jaspers’ und betonte bereits die Bedeutung der Geburt für das Individuum. Das Werk wurde in philosophischen und literarischen Publikationen besprochen; Kritik gab es unter anderem an ihrer Behandlung Augustins als Philosophen und an fehlenden Bezügen zur neueren Theologie.

1929 traf sie in Berlin Günther Stern wieder, der später unter dem Namen Günther Anders bekannt wurde. Beide zogen zusammen und heirateten noch im selben Jahr in Nowawes. Sie lebten unter anderem in Drewitz, Heidelberg, Frankfurt am Main und Berlin. Arendt schrieb für die Frankfurter Zeitung, besuchte Seminare bei Paul Tillich und Karl Mannheim, rezensierte Mannheims Ideologie und Utopie und beschäftigte sich mit Rahel Varnhagen von Ense.

Die Studie über Rahel Varnhagen verfasste sie größtenteils zwischen 1931 und Anfang 1933, zwei Kapitel entstanden 1938 in Paris. Sie erschien 1958 auf Englisch und 1959 auf Deutsch. Arendt untersuchte daran den gescheiterten Assimilationsversuch gebildeter und wohlhabender Juden im 19. Jahrhundert. Rahel Levin führte in Berlin einen literarischen Salon, blieb aber von der deutschen Standesgesellschaft ausgeschlossen. Nach ihrer Taufe und der Heirat mit Karl August Varnhagen von Ense gelangte sie gesellschaftlich weiter, blieb jedoch mit Antisemitismus konfrontiert. Arendt beschrieb sie als Figur zwischen „Paria“ und „Parvenu“: Ein Parvenu versucht, sich in eine Gesellschaft einzufügen, der er nicht angehört; ein Paria bleibt Außenseiter.

Bereits 1931 erwartete Arendt eine Regierungsübernahme der Nationalsozialisten, 1932 dachte sie über Emigration nach. Im selben Jahr veröffentlichte sie Aufklärung und Judenfrage, beschäftigte sich mit Lessing, Mendelssohn und Herder und entwickelte Vorstellungen zur Eigenständigkeit des Judentums. Ihre Rezension von Alice Rühle-Gerstels Das Frauenproblem in der Gegenwart würdigte die Frauenemanzipation, kritisierte aber die Geringschätzung von Frauen und ihre Benachteiligung in Ehe und Arbeitsleben. Der Frauenbewegung stand Arendt distanziert gegenüber.

Ihr Mann floh im März 1933 nach Paris. Über Kurt Blumenfeld arbeitete Arendt für die Zionistische Vereinigung für Deutschland und dokumentierte die beginnende Judenverfolgung. Ihre Berliner Wohnung diente Flüchtlingen als Zwischenstation. Im Juli 1933 wurde sie verhaftet und acht Tage lang von der Gestapo festgehalten. Später erklärte sie, als Jüdin müsse sie sich verteidigen, wenn sie als Jüdin angegriffen werde. Das NS-Regime müsse aktiv bekämpft werden, meinte sie 1933; die freiwillige Gleichschaltung vieler Intellektueller kritisierte sie scharf.

Nach Heideggers Eintritt in die NSDAP am 1. Mai 1933 brach sie den Kontakt zunächst ab. Auch zu Leo Strauss und Benno von Wiese ging sie wegen deren politischer Haltung beziehungsweise NSDAP-Mitgliedschaft auf Abstand. Diese Entfremdung von früheren Freunden beschäftigte sie später wiederholt in Schriften und Briefen.

1933 emigrierte Arendt über Karlsbad, Genua und Genf nach Frankreich. In Paris arbeitete sie ohne gültige Papiere für zionistische Organisationen, die jüdischen Jugendlichen die Flucht nach Palästina ermöglichten, forschte zum Antisemitismus und hielt Vorträge vor verschiedenen Vereinigungen sowie an der Freien Deutschen Hochschule Paris. Ihre Ehe mit Günther Anders wurde 1937 geschieden. 1936 hatte sie Heinrich Blücher kennengelernt, einen ehemaligen Kommunisten und Stalin-Gegner; im Januar 1940 heirateten sie.

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