In Brasilien hat der linke Amtsinhaber Luiz Inácio Lula da Silva die Präsidenten-Stichwahl gewonnen. Nach Angaben des Obersten Wahlgerichts erhielt er 51,78 Prozent der Stimmen, sein Herausforderer Flávio Bolsonaro 48,22 Prozent. Rund 159 Millionen Brasilianerinnen und Brasilianer waren zur Wahl aufgerufen; Umfragen hatten zuvor ein nahezu ausgeglichenes Rennen vorhergesagt.

Der Wahlabend verlief chaotisch. Die Wahllokale schlossen wegen einer kurzfristigen Verlängerung erst um 19 Uhr Ortszeit beziehungsweise 23 Uhr MESZ – zwei Stunden später als zunächst vorgesehen. Lula kommt damit auf rund 52 Prozent. Er beginnt seine vierte Amtszeit; bereits von 2003 bis 2010 war er Präsident, seit 2023 steht er erneut an der Staatsspitze. Bei seiner Siegesrede sagte Lula, die Brasilianer hätten für die Sicherung der Demokratie gestimmt.

Streit um verlängerte Öffnungszeiten

Flávio Bolsonaro, Sohn des inhaftierten ehemaligen rechtsextremen Präsidenten Jair Bolsonaro, trat nach Bekanntgabe des Ergebnisses in Brasília vor Anhänger. Er erklärte, die Niederlage nicht anerkennen zu können, und kündigte an, die Annullierung der Wahl zu beantragen.

Auslöser des Streits ist eine Entscheidung des Richters Cristiano Zanin vom Obersten Gerichtshof. Er verlängerte am Tag der Stichwahl die landesweite Öffnungszeit der Wahllokale um zwei Stunden. Lulas Wahlkampagne hatte dies wegen Problemen im öffentlichen Nahverkehr und deren Auswirkungen auf die Wähler beantragt. Auch Bolsonaros Kampagne hatte eine Verlängerung gefordert, allerdings nur für Gemeinden in Minas Gerais, Rio Grande do Sul, Paraná, São Paulo und Santa Catarina. Dort verwies sie auf starke Regenfälle, Überschwemmungen und Stromausfälle.

Bolsonaro bezeichnete die verlängerten Öffnungszeiten als „nicht normal“ und „inakzeptabel“. Zanin habe als früherer Anwalt Lulas die Wahlregeln verändert, kritisierte er. Nach Bolsonaros Darstellung wurde dadurch die Chancengleichheit zwischen den Bundesstaaten verletzt.

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Der Lateinamerika-Experte Günther Maihold erwartet weitere rechtliche Auseinandersetzungen, rechnet aber damit, dass das Ergebnis letztlich anerkannt wird. Dafür spreche die hohe Wahlbeteiligung, die laut dem Beitrag seit 16 Jahren nicht mehr erreicht worden sei. Sie stärke Lulas demokratische Legitimität.

Vom ersten Wahlgang bis zum knappen Sieg

In der ersten Wahlrunde Anfang Oktober hatte Flávio Bolsonaro mit rund 47 Prozent noch vor Lula mit 45 Prozent gelegen. Auch die Wahl im Jahr 2026 begann am 4. Oktober mit Präsidentschafts-, Kongress- und Gouverneurswahlen. Mehr als 158 Millionen Menschen waren wahlberechtigt. Gewählt wurden der Präsident und der Vizepräsident, alle 513 Sitze des Abgeordnetenhauses, 54 der 81 Senatssitze, alle 27 Gouverneure sowie die Parlamente der 26 Bundesstaaten und des Bundesdistrikts Brasília. Weil niemand die absolute Mehrheit erreichte, wurde die Stichwahl am 25. Oktober angesetzt; auch sieben Gouverneurswahlen gingen in eine zweite Runde.

Flávio Bolsonaro, 45 Jahre alt, war 16 Jahre Abgeordneter im Bundesstaat Rio de Janeiro und ist seit 2019 Senator. Er warb mit konservativen Positionen, innerer Sicherheit und einem härteren Vorgehen gegen Kriminalität. Geplant hatte er eine halbe Million zusätzliche Haftplätze und Hochsicherheitsgefängnisse nach dem Vorbild El Salvadors. Außerdem kündigte er eine Amnestie für seinen Vater an und stellte eine engere Zusammenarbeit mit der US-Regierung unter Donald Trump in Aussicht. Er gilt als moderater als Jair Bolsonaro.

Jair Bolsonaro wurde wegen seiner führenden Rolle beim Putschversuch im Januar 2023 zu 27 Jahren Haft verurteilt und befindet sich aus gesundheitlichen Gründen im Hausarrest. Flávio Bolsonaro schnitt im ersten Wahlgang besser ab als in einer Datafolha-Prognose Ende September: Dort waren Lula 40 Prozent und Bolsonaro 36 Prozent vorhergesagt worden. Beide Kandidaten hatten laut Artikel jeweils einen Ablehnungswert von 45 Prozent.

Was Lula vorhat – und was der Kongress zulässt

Lula will Sozialprogramme, staatliche Investitionen und seinen bisherigen Regierungskurs fortsetzen. Er kündigte Investitionen in das Gesundheits- und Bildungssystem an. Ob er diese Vorhaben gegen einen rechts dominierten Kongress durchsetzen kann, ist allerdings offen. Lula wird von einem Bündnis getragen, das von der traditionellen Linken bis in die politische Mitte reicht; Geraldo Alckmin von der PSB soll bei einem Wahlsieg erneut Vizepräsident werden.

Der 80-jährige Lula stammt aus dem armen Nordosten Brasiliens und war Gewerkschafter. Bei Beginn einer möglichen neuen Amtszeit im Januar 2027 wäre er 81. Seine politischen Angebote reichen von Sozialprogrammen und Arbeitsmarktreformen bis zu einer kürzeren gesetzlichen Arbeitszeit: Aus 44 Stunden an sechs Tagen sollen 40 Stunden an fünf Tagen werden.

Seine Bilanz hat helle und dunkle Stellen. Lula gewann die Stichwahl 2022 mit 50,9 Prozent gegen Jair Bolsonaro. Ende 2025 sank die Arbeitslosenquote auf 5,1 Prozent, den niedrigsten Wert seit 2012. Der Mindestlohn wurde jährlich angehoben, und seit 2026 sind Einkommen bis 5.000 Reais monatlich – etwa 845 Euro – im Rahmen einer Steuerreform steuerfrei. Die Entwaldung im Amazonasgebiet ging deutlich zurück. Gleichzeitig stiegen Staatsausgaben und öffentliche Verschuldung, zeitweise auch die Lebensmittelpreise. 2025 führte ein Betrugsskandal bei der staatlichen Rentenkasse INSS zum Rücktritt des zuständigen Sozialministers.

Eine stabile Kongressmehrheit hatte Lulas Regierung nicht. Das Parlament überstimmte mehrfach seine Vetos. Im April 2026 kippte es auch sein Veto gegen das sogenannte Dosimetrie-Gesetz, das unter anderem Strafreduzierungen für Verurteilte im Zusammenhang mit dem Putschversuch vom 8. Januar 2023 ermöglicht hätte. Davon hätte auch Jair Bolsonaro profitieren können. Das Oberste Gericht setzte die Anwendung des Gesetzes nach mehreren Verfassungsbeschwerden vorläufig aus.

Rechtsruck im Parlament, Verhandlungsmacht beim Centrão

Im Senat gewann Bolsonaros Liberale Partei PL 19 Sitze und verfügt nun über 28. Das Movimento Democrático Brasileiro, MDB, gewann sieben Sitze und kommt auf acht. Lulas PT gewann sechs Sitze und verfügt insgesamt über neun. Im Abgeordnetenhaus holte die PL mit 121 Sitzen am meisten, die PT gewann 70. Zusammen mit PCdoB und Partido Verde kommt Lulas Bündnis „Federação Brasil da Esperança“ auf 88 Sitze.

Nach dem ersten Wahlgang standen 20 der 27 Gouverneure fest. Die Gouverneursposten verteilen sich auf acht verschiedene Parteien, über sieben wurde in der Stichwahl entschieden. Für politische Vorhaben braucht der Präsident also Partner – allen voran das informelle Parteienbündnis „Centrão“. Dazu zählen unter anderem MDB, PSD, União Brasil, Progressistas und Republicanos. Diese Parteien sind regional stark verankert und dienen häufig als Mehrheitsbeschaffer. Eine gemeinsame Ideologie verbindet sie nicht, eher politischer Pragmatismus. Je nach Zusammensetzung kontrolliert das Centrão mehr als die Hälfte der Abgeordnetenkammer. Ministerposten, politische Ämter und Haushaltsmittel sind dabei wichtige Verhandlungsmasse.

Brasilien ist eine präsidentielle Demokratie. Der Präsident ist Staats- und Regierungschef, wird für vier Jahre direkt gewählt und darf einmal unmittelbar wiedergewählt werden. Der Nationalkongress besteht aus 81 Senatoren – jeweils drei pro Bundesstaat mit achtjähriger Amtszeit – und 513 Abgeordneten, die für vier Jahre nach Verhältniswahl gewählt werden. Gouverneure werden ebenfalls für vier Jahre direkt gewählt. Wahlberechtigt ist, wer mindestens 16 Jahre alt ist; zwischen 18 und 70 Jahren besteht Wahlpflicht.

Sicherheit, soziale Gräben und digitale Wahlkämpfe

Öffentliche Sicherheit, Lebenshaltungskosten, Korruption und das Verhältnis zu den USA gehörten zu den zentralen Wahlkampfthemen. Kriminalität zählt für viele Brasilianer zu den größten Sorgen. Die Mordrate sank 2025 zwar auf 19,1 vorsätzliche Tötungsdelikte je 100.000 Einwohner – den niedrigsten Stand seit 2012. Zugleich stieg die Zahl der Femizide auf 1.571, den höchsten Wert seit Einführung des Straftatbestands 2015. Auf jeden vollendeten Femizid kamen 2,7 versuchte Femizide.

Die kriminellen Organisationen PCC und Comando Vermelho kontrollieren in Teilen Brasiliens den Drogenhandel sowie weitere Bereiche des lokalen