Textland Literaturfest 2026: Wie Hoffnung zwischen Literatur und Politik ihre Richtung wechselt
In der Evangelischen Akademie Frankfurt hat das „Textland Literaturfest 2026“ begonnen. Das Motto lautet „Hoffnung“ – ein großes Wort, das an diesem Auftakt nicht geschniegelt daherkam, sondern in Lesungen, Vorträgen und Debatten ständig seine Richtung wechselte. Vom Römerberg aus zieht das Festival weiter: Am 7., 15., 21. und 28. November stehen Veranstaltungen in Darmstadt, Oberursel, Wiesbaden und Hanau auf dem Programm.
Studienleiterin Annegreth Schilling eröffnete mit einem Grußwort und einem Paulus-Zitat: „Die Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden.“ Als geistige Bezugspunkte dienten Ernst Blochs „Prinzip Hoffnung“, Hannah Arendts „Vita activa“, Byung-Chul Han sowie Corine Pelluchons Arbeiten zu Ökologie und Tierethik. Leon Joskowitz sprach von der Hoffnung, dass die Sprache die Oberhand behält, und verwies auf die Sintflut und den Ölzweig.
Ein Wort zwischen Pandora und Aktivismus
Wie widersprüchlich Hoffnung sein kann, zeigte der Blick in die Geschichte. Bei Hesiod liegt sie als größtes Übel auf dem Grund der Büchse der Pandora. Aischylos dagegen beschreibt sie als erstes Geschenk des Prometheus an die Menschheit: Sie hilft den Menschen, mit dem Wissen um den Tod und mit Angst umzugehen. Das griechische „elpis“ reicht damit vom tragischen Pessimismus über religiöse Hoffnung bis zu Aktivität und Aktivismus.
Eingeladen sind unter anderem Sasha Marianna Salzmann, Sharon Dodua Otoo, Insa Wilke, Max Czollek, Alice Hasters und Hadija Haruna-Oelker. Doron Rabinovici eröffnete das Programm mit „Die Unverdrossenen: ein kleiner Versuch über die Hoffnung“. Joana Osman las einen Essay über Frieden als reale Utopie und setzte sich mit der Lage nach dem Hamas-Angriff auf Israel am 7. Oktober 2023 auseinander.
Osman suchte nach Wegen jenseits einfacher Gut-Böse-Schemata. „Wir sind narrative Tiere“, sagte sie. Einen möglichen Anlass zur Hoffnung fand sie in der zwischenmenschlichen Begegnung: „Die Weltlage ist sehr desaströs, aber wir sind ja nicht die Weltlage. Wir können einander in die Augen sehen.“ Das klingt schlicht, fast zerbrechlich. Gerade deshalb blieb es hängen.
Rabinovici verband einen jüdischen Witz, Max Brods Erinnerung an Kafka, Zitate von Václav Havel und Bertolt Brechts „Lied von der Moldau“ mit dem Aufruf, „Ausschau zu halten nach mehr Licht“.
Politik auf der Bühne, Streit im Podcast
Max Czollek stellte sein Romandebüt „Zweifelssohn“ vor. Es geht um eine Reise als Jude durch Deutschland, um das „Jeremias-Syndrom“ und um prophetische Totenvisionen. Danach nahm Czollek an einer Live-Aufnahme des Podcasts mit Hadija Haruna-Oelker und Alice Hasters teil.
Die Runde diskutierte tagesaktuell die „GenZ regelt“-Proteste und den „Spiegel“-Bericht über die Berliner Linken-Politikerin Elif Eralp. In einer nicht zur Veröffentlichung freigegebenen Marginalie hatte Eralp ihre Angst vor Hamas-Aktivisten geäußert. Der „Spiegel“ bewertete dies laut Artikel als disqualifizierend für eine Politikerin.
Das Panel kritisierte den Umgang mit Eralp als frauenfeindliches Medienphänomen und verwies auf geleakte AfD-E-Mails, denen es größere Medienaufmerksamkeit zuschrieb. Bei Alice Hasters’ Buch „Anti Opfer“ ging es außerdem um die Konkurrenz zwischen linken und rechten Lagern um Opferstatus – im Buch als „Snowflakes“-Konflikt beschrieben.
Am zweiten Festivaltag begann das Programm mit dem Panel „Radikale Hoffnung: Schmerz in Zukunft verwandeln“. Neben Salzmann nahmen Sharon Dodua Otoo und Hadija Haruna-Oelker teil. Mehrfach bezogen sie sich auf Audre Lorde, eine Pionierin des Schwarzen Feminismus und Mitinitiatorin der modernen Bewegung Schwarzer Menschen in Deutschland. Wiederkehrend stand die Frage im Raum, ob der Hamas-Überfall vom 7. Oktober 2023 und die Zeit danach gesellschaftliche Perspektiven verändert haben.
Wenn Literatur aus dem politischen Raster fällt
Textland ist für gesellschaftspolitische Debatten und Medienanalysen bekannt. Es gab aber auch Texte, die nicht unmittelbar in dieses Raster passten. Martin Piekar erzählte in „Vom Fällen eines Stammbaums“ von der Beziehung zu seiner polnischstämmigen Mutter, ihrer gebrochenen Sprache, Armut und einer Familiengeschichte, in der die Verstorbenen ständig mit am Tisch zu sitzen scheinen.
Son Lewandowskis „Die Routinen“ handelt von Leistungssport und Missbrauch. Melara Mvogdobos Roman „Großmütter“ verbindet die Lebensgeschichten der beiden Großmütter der Erzählerin in Ghana und der Schweiz in einem Fern-Dialog. Solche Wechsel tun dem Festival gut: Eben noch Medienkritik und Parteipolitik, dann Familie, Körper, Erinnerung. Nicht alles lässt sich sauber sortieren – zum Glück.
Ein Literaturfestival ist grundsätzlich eine Veranstaltung zur Präsentation literarischer Werke; meist lesen Autorinnen und Autoren aus ihren Büchern. In Deutschland gehört Textland damit zu einer großen, sehr unterschiedlichen Festivallandschaft. Dazu zählen etwa „Frankfurt liest ein Buch“, GegenBuchMasse, lit.Cologne, das Literaturfest München, literaTURM in Frankfurt am Main, die Wiesbadener Literaturtage, „Ins Offene“ in Wiesbaden, das Erlanger Poetenfest, der Göttinger Literaturherbst, das internationale literaturfestival berlin, Leipzig liest, die Leipziger literarische Herbst sowie das Europäische Festival des Debütromans in Kiel.
Die Liste reicht von Krimiformaten wie dem Braunschweiger Krimifestival, Crime Time in Bremen, Mord am Hellweg, dem Krimifestival München und Tatort Eifel bis zu Festivals mit klaren regionalen oder politischen Profilen: den Linken Buchtagen Berlin, der Linken Literaturmesse Nürnberg, den Deutsch-israelischen Literaturtagen, dem Poesiefestival Berlin, Poetica in Köln und dem Schamrock-Festival der Dichterinnen in München. Auch kleinere Reihen stehen dort, etwa die Aarenshooper Literaturtage, Dachau liest, die Offenburger Literaturtage, Hausacher Leselenz, Literatur auf der Parkbank in Cottbus oder die Thüringer Literaturtage.
Genannt werden außerdem altonale in Hamburg, BamLit, das Berleburger Literaturpflaster, das Berliner Bücherfest, die Chiemgauer Kulturtage, collecting:dreams in Hannover, Der Norden liest, die Donnersberger Literaturtage, das Droste Festival auf Burg Hülshoff, das Eifel Literaturfestival, Ein Buch für die Stadt in Köln, das Europäische Literaturfestival Köln-Kalk, die Erfurter Herbstlese, erLESEN! im Saarland, Feelit in Heidelberg, die Fontane-Festspiele, ganzOhr in Koblenz, die Globale° in Bremen, das Hamburger Krimifestival, Ham.Lit, HarbourFront, die Heidelberger Literaturtage, Herbstlenz, HomBuch, die Ingolstädter Literaturtage, das internationale Literaturfest „Poetische Quellen“, das Kölner Bücherfest, die Krimifestivals in Gießen und Marburg, die Ladenburger Literaturtage, die Landshuter Literaturtage, LesArt in Dortmund und Mittelfranken, das Lesefestival Bensheim sowie Lesen.Hören in Mannheim.
Hinzu kommen Literatur am Dom in Altenberg, Lit.Eifel, LIT:potsdam, Lit.Ruhr, der Literarische Frühling in Nordhessen, der Literarische Sommer / Literaire Zomer in der Rhein-Maas-Region, Literatur Jetzt! in Dresden, Literaturdistrikt in Essen, Literaturfest LESEN! in Fürth, Literaturfest Meißen, das Literaturfestival Allgäu Schwaben, die Literaturwoche Graal-Müritz, das Lüneburger Krimifestival, das Lyrikfestival Hamburg, Metropol Con in Berlin, Mordsharz im Harz, die Münchner Bücherschau, Neben der Spur in Brandenburg, Norden – the nordic arts festival in Schleswig, phil.Cologne, Poetry on the Road in Bremen, Prosanova in Hildesheim, das Rheingau Literatur Festival, Stadtlesen in Offenburg und Trier, Stadt Land Buch in Frankfurt, texttage.Nürnberg, das Tübinger Bücherfest, ULF in Nürnberg, Wege durch das Land in Ostwestfalen-Lippe, das White Ravens Festival in München, Wortspiele in München und Würzburg liest ein Buch.
Auch die Schweiz ist auf dieser Festivalübersicht dicht vertreten: mit den Bieler Gesprächen, BuchBasel, den Burgdorfer Krimitagen, der
