Europaweit gehen junge Menschen auf die Straße. Für Samstag sind in Deutschland Demonstrationen in 34 Städten geplant, darunter Berlin. An der Freien Universität Berlin richtet sich der Blick deshalb nicht nur auf mögliche Protestbilder, sondern auch auf die Frage, was junge Menschen eigentlich antreibt – und warum ihre Anliegen politisch so oft erst gehört werden, wenn es laut wird.

Die Bildungsforscherin Nina Kolleck erläuterte im Gespräch den Einfluss sozialer Medien und die politische Verantwortung gegenüber der jungen Generation. Das Interview wurde redaktionell bearbeitet und am 30. Oktober 2026 bei Radio3 ausgestrahlt.

Soziale Medien machen Protest schneller

Soziale Medien spielen laut Kolleck eine zentrale Rolle bei Jugendprotesten. Sie ermöglichen Mobilisierung und Koordination, Protestbewegungen können dadurch professioneller organisiert werden. Was in einem anderen Land beginnt, erreicht Deutschland heute deutlich schneller als früher. Protestformen verbreiten sich über Plattformen, manchmal innerhalb weniger Stunden.

Ausgespielt werden dabei besonders häufig emotionale und polarisierende Inhalte. Dazu zählen auch Gewaltverherrlichung und Gewaltvideos, wie sie in Frankreich verbreitet wurden. Das kann den Eindruck verstärken, Protest sei vor allem laut, aggressiv und außer Kontrolle. Kolleck betont jedoch, dass die französische Protestbewegung nicht insgesamt gewalttätig sei: Der Großteil der Demonstrierenden protestiere friedlich. Im Mittelpunkt stünden die schwierige Situation junger Menschen und deren geringe politische Berücksichtigung.

Deutschland sei hinsichtlich der Anliegen junger Menschen eher mit Frankreich als mit Serbien vergleichbar. In Deutschland und Frankreich geht es demnach um Bildung und mangelhafte Bildungssysteme, den Zustand von Schulgebäuden, Lebenshaltungskosten, Wehrpflicht und Klimaschutz. In Serbien stehen laut Kolleck zusätzlich Korruption, staatliche Verantwortung und großes institutionelles Misstrauen im Mittelpunkt.

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Wut gibt es auch hier

Misstrauen gegenüber der Regierung gebe es auch unter jungen Menschen in Frankreich und Deutschland. Kolleck sieht in Deutschland ebenfalls ein Potenzial für Gewaltausschreitungen. Die polizeiliche Kriminalstatistik verzeichnet seit mehreren Jahren mehr minderjährige Tatverdächtige. Außerdem ziehen lose Gruppierungen teils gezielt los, um Gewalt auszuüben; entsprechende Fälle gab es etwa in Brandenburg. Linksradikale Strukturen organisieren sich zunehmend besser.

Französische Zustände bei den Demonstrationen am Samstag erwartet Kolleck dennoch nicht. Die Mehrheit wende sich ausdrücklich gegen Gewalt. Kleine Gruppen, die plündern oder Gewalt ausüben, würden vermutlich schneller von der Polizei erkannt. Die deutsche Polizei sei anders aufgestellt als die französische.

Das heißt nicht, dass die Lage völlig entspannt wäre. Wenn sich Videos von brennenden Gegenständen, Geschrei und rennenden Menschen verbreiten, kippt die Stimmung schnell – online ebenso wie auf der Straße. Gleichzeitig bleibt der Kern vieler Proteste friedlich und richtet sich gegen den Eindruck, dass junge Menschen zwar betroffen sind, politisch aber kaum vorkommen.

Mehr als ein Platz auf der Zuschauertribüne

Kolleck fordert von der Politik, proaktiv auf junge Menschen zuzugehen und sie stärker einzubeziehen. Viele junge Menschen wollten gehört werden, mitwirken und sich auch für ältere Generationen einsetzen. Ihre Interessen müssten stärker berücksichtigt werden, weil die junge Generation in den vergangenen Jahrzehnten zu wenig einbezogen worden sei.

Ohne stärkere politische Einbindung junger Menschen befürchtet Kolleck eine weitere Polarisierung. Die Regierung solle junge Menschen direkt ansprechen und integrieren, politische Beteiligungsformate ausbauen und Themen junger Menschen stärker in den Mittelpunkt rücken. Zugleich müsse sich die Politik weniger stark auf ältere Menschen konzentrieren.

Für die Demonstrationen am Samstag dürfte damit nicht nur zählen, wie viele Menschen kommen. Entscheidend wird auch sein, ob aus Forderungen nach besseren Schulen, bezahlbarem Leben, Klimaschutz oder einer Debatte über die Wehrpflicht tatsächlich politische Beteiligung entsteht. In Berlin wird man das vermutlich zwischen Megafon, Smartphone und Polizeikette beobachten können.