Am 20. Oktober 2026 wirkt ein Blick zurück nach 1995 erstaunlich aktuell: Damals besetzten Greenpeace-Aktivisten den schwimmenden Öltank „Brent Spar“ in der Nordsee. Millionen Menschen mieden anschließend Shell-Tankstellen, Parteien, Organisationen und Medien begleiteten den Protest. Deutsche Tankstellenpächter meldeten Umsatzrückgänge von bis zu 50 Prozent, zugleich sank Shells Aktienkurs.

Nach mehreren Wochen gab Shell nach und entsorgte die Plattform an Land. Der Politikwissenschaftler Ole Kelm von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf bezeichnet „Brent Spar“ als besonders wirksamen Boykottaufruf. Entscheidend sei die breite gesellschaftliche Beteiligung über Partei- und Organisationsgrenzen hinweg gewesen. Genau diese Mischung aus Symbol, öffentlicher Aufmerksamkeit und kollektivem Handeln fehlt vielen späteren Boykottkampagnen.

Ein Tank, kein Bohrturm

Die Brent Spar war ein schwimmender Öltank von Shell und Esso im Brent-Ölfeld, rund 190 Kilometer nordöstlich der Shetlandinseln. Von 1976 bis 1991 diente sie als Zwischenlager für Rohöl, das Tankschiffe anschließend zu Raffinerien an Land brachten. In Medien wurde sie häufig als Förderplattform bezeichnet – technisch war sie das nicht.

Die Konstruktion war 147 Meter hoch und wog 14.500 Tonnen. Sie bestand unter anderem aus 6.700 Tonnen Stahl und 1.000 Tonnen Ausrüstung. In ihrem Zentrum lag ein 93 Meter hoher und 29 Meter breiter Stahltank, der bis zu 50.000 Tonnen Öl aufnehmen konnte. Maschinen, Pumpen, Unterkünfte und ein Hubschrauberlandeplatz gehörten ebenfalls dazu. Neue Pipelines zum Ölterminal Sullom Voe machten den Tank überflüssig.

Shell plante deshalb 1995, die Brent Spar im Rockall-Trog westlich von Irland zu versenken. Greenpeace besetzte sie am 30. April 1995 vom Schiff Altair aus. Die Organisation warnte vor einem Präzedenzfall für die Entsorgung weiterer Plattformen in Nord- und Ostsee und forderte, Industrieschrott an Land zu recyceln, sofern das technisch möglich sei.

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Shell erklärte, mehrere Entsorgungsalternativen nach BPEO-Kriterien geprüft zu haben. Dabei seien Behörden, Fischereiverbände, OSPAR-Staaten und britische Genehmigungsbehörden einbezogen worden. Greenpeace warf dem Unternehmen dagegen vor, aus Kostengründen die Versenkung zu bevorzugen. Zunächst schätzte die Organisation die giftigen Ölrückstände auf etwa 100 Tonnen.

Vor allem in den Niederlanden, in Dänemark und Deutschland schlug der Konflikt hohe Wellen. Boykottaufrufe fanden starken Widerhall; deutsche Behörden ließen teilweise ihre Fahrzeuge nicht mehr bei Shell tanken. In Hamburg wurde sogar ein Brandanschlag auf eine Shell-Tankstelle verübt. Am 16. Juni 1995 erhöhte Greenpeace die Schätzung der Ölrückstände auf 5.500 Tonnen. Am 20. Juni entschied Shell, die Brent Spar an Land zu entsorgen, und reagierte mit der Kampagne „Wir werden uns ändern“.

Später bekam die Geschichte einen komplizierten Nachsatz. Am 5. September 1995 räumte Greenpeace ein, dass die Angabe von 5.500 Tonnen grob fehlerhaft gewesen war. Ein Prüfbericht der norwegischen Schiffsklassifizierungsgesellschaft Det Norske Veritas vom 18. Oktober 1995 bezifferte die Rückstände auf 75 bis 100 Tonnen. Greenpeace entschuldigte sich bei Shell und der Öffentlichkeit.

Von Shell beauftragte Studien hatten ergeben, dass eine Versenkung keine wesentlichen Umweltprobleme verursacht hätte. Mögliche lokale Kontaminationen wurden berücksichtigt, ihre Auswirkungen im Vergleich zur allgemeinen Meeresverschmutzung aber als gering bewertet. Das britische U.K. Select Committee on Science and Technology bestätigte diese Einschätzung und empfahl die Versenkung als beste Lösung.

Im Mai 1996 wurde die unabhängige Scientific Group on Decommissioning Offshore Structures, die „Shepard Commission“, gegründet. Sie bestätigte im Wesentlichen Shells ursprüngliche Analyse, verlangte aber weitere Forschung und die Berücksichtigung der öffentlichen Wahrnehmung. In Nature wurde Greenpeace später vorgeworfen, bei der Kampagne Fakten nicht ausreichend berücksichtigt zu haben.

Die Geologen Euan Nisbet und Mary Fowler verwiesen darauf, dass an natürlichen Quellen am Meeresboden große Mengen Schwermetalle und Rohöl austreten und dort dennoch vielfältiges Tiefseeleben vorkommt. Ihrer Auffassung nach hätte eine Versenkung der Brent Spar bestimmten Mikroorganismen sogar nutzen können. Andere Autoren widersprachen und führten unter anderem an, Angaben zum Metallausstoß einer genannten Quelle seien um den Faktor 10.000 überhöht gewesen.

Im Juli 1998 beschlossen die 15 Teilnehmerstaaten der OSPAR-Konferenz ein Verbot der Versenkung von Ölplattformen im Nordatlantik. Im selben Jahr begann in Norwegen der Rückbau der Brent Spar, unter anderem mit dem Schwimmkran Thialf. Ein großer Teil der gereinigten Außenhülle wurde ab 2003 als Fundament für einen 140 Meter langen Kai mit 20 Metern Wassertiefe in Mekjarvik bei Stavanger verwendet. Der übrige Teil wurde verschrottet. Die Verschrottung kostete 70 Millionen DM, entsprechend etwa 36 Millionen Euro in damaliger Kaufkraft.

Von Shell zu Müller

Der Fall gilt Ole Kelm von der HHU Düsseldorf als Ausnahme. Gegen Nestlé, Tesla, Amazon und die Molkerei Müller wurde ebenfalls zu Boykotten aufgerufen, ihre Wirkung bleibe aber meist begrenzt. 2025 gaben 62 Prozent der Befragten in Deutschland an, bestimmte Dienstleistungen, Marken oder Produktionsländer aus politischen, ethischen oder ökologischen Gründen zu meiden.

In Kelms Auswertung wird Nestlé am häufigsten als Boykottziel genannt, gefolgt von Tesla und Amazon. Auch die Produktionsländer USA und China stehen auf der Liste. Die Molkerei Müller ist als einziges deutsches Unternehmen auf Platz fünf vertreten. Eigentümer Theo Müller ist öffentlich mit AfD-Chefin Alice Weidel verbunden und gratulierte der Partei nach deren Wahlerfolg in Sachsen-Anhalt.

Der Friedberger Supermarktbetreiber Michael Wollny rief im Februar per Facebook dazu auf, Müller, Nestlé und andere Konzerne zu meiden. Aus dem Sortiment nehmen könne er die Marken wegen ihrer großen Marktmacht nicht, erklärte Wollny; stattdessen empfahl er Produkte anderer Hersteller. Neben Zustimmung erhielt er Beleidigungen, Hassnachrichten und Drohbriefe.

Acht Monate später hielt Wollny an seiner Position fest, betonte aber, Kunden nicht vorschreiben zu wollen, was sie kaufen. Einen bewussten Rückgang des Müller-Konsums in seinem Markt stellte er nicht fest. Für ihn sind Konsumentscheidungen auch eine Frage von Regionalität, Saisonalität und der Unterstützung kleiner Hersteller. Der Preis spiele zugleich eine entscheidende Rolle – und der steht beim Einkauf oft ziemlich unromantisch ganz vorne.

Die Kampagnenorganisation Campact verteilte 2025 mehr als zwei Millionen Sticker mit der Aufschrift „Alles AfD oder was?“. In Supermärkten wurden sie an Müller-Produkten angebracht. Theo Müller geht juristisch gegen die Aktion vor.

Der Umsatz der Unternehmensgruppe Theo Müller stieg trotz der Proteste weiter: 2025 lag er bei 10,4 Milliarden Euro, rund eine Milliarde Euro höher als im Vorjahr. Einen vergleichbaren Imageschaden wie Shell 1995 hat das Unternehmen bislang nicht erlitten.

Boykott, Herkunft und historische Last

Boykottaufrufe richten sich nicht nur gegen einzelne Unternehmen, sondern auch gegen ganze Herkunftsländer. Laut Kelm stehen derzeit die USA und China im Mittelpunkt. Israel ist bereits seit Jahren Ziel entsprechender Kampagnen. Die BDS-Kampagne zum Boykott und zur Isolierung Israels wurde 2019 vom Bundestag mit großer Mehrheit als antisemitisch verurteilt.

Kelm warnt, solche Aufrufe ließen breite Interpretationsspielräume zu und könnten auch von antisemitischen Akteuren genutzt werden. In Deutschland kommt eine besonders schwere historische Erfahrung hinzu: Das NS-Regime forderte zum Meiden jüdischer Geschäfte und Dienstleistungen auf. Ein Aufkleber an einer Packung ist deshalb nie nur ein Aufkleber, wenn sich dahinter politische Botschaften, wirtschaftlicher Druck und alte Bilder überlagern.

Der Shell-Konflikt begann mit einem schwimmenden Tank, führte über Tankstellen, Zeitungsseiten und aufgeheizte Debatten bis in wissenschaftliche Prüfberichte. Die Brent Spar liegt längst nicht mehr draußen im Rockall-Trog. Teile ihrer gereinigten Hülle tragen heute einen Kai bei Stavanger