Israels Knessetwahl 2026: Netanjahus politische Zukunft und die Stabilität der Demokratie
Am 27. Oktober 2026 wählen die Menschen in Israel die 26. Knesset. 120 Abgeordnete werden bestimmt – und für Benjamin Netanjahu geht es um weit mehr als um eine weitere Parlamentswahl. Der bislang am längsten amtierende Ministerpräsident des Landes könnte seine Regierungsmehrheit verlieren. Dann wäre seine politische Ära womöglich vorbei.
Die Abstimmung findet erstmals seit dem Hamas-Terrorangriff vor drei Jahren und den darauffolgenden Kriegen im Gazastreifen, im Libanon und im Iran statt. Im Zentrum stehen Netanjahus politische Zukunft, die Chancen der Opposition um den ehemaligen Armeechef Gadi Eisenkot – in der Berichterstattung auch Gadi Eizenkot genannt – und, laut einigen Einschätzungen, die Zukunft der israelischen Demokratie. Das Thema wurde für die Sendung „Forum“ auf SWR Kultur am 21. Oktober 2026 angekündigt. Der zugrunde liegende Artikel erschien am 16. Oktober 2026 und wurde aktualisiert.
Ein Wahltermin mit langer Vorgeschichte
Nach der vorgezogenen Neuwahl 2022 bildete sich eine Koalition aus Likud, Otzma Jehudit, Noam, Ha-Ichud HaLeumi – Tkuma, Vereinigtes Thora-Judentum und Schas. Benjamin Netanjahu wurde Ministerpräsident. Er hatte das Amt bereits von 1996 bis 1999 sowie von 2009 bis 2021 inne und ist insgesamt seit 17 Jahren Ministerpräsident.
Wegen des Gazakrieges bestand von Oktober 2023 bis Juni 2024 ein Kriegskabinett, dem auch Oppositionspolitiker angehörten. Im Dezember 2025 gehörten dem Kabinett Likud, Mafdal – HaTzionut HaDatit, Otzma Jehudit und Tikwa Chadascha an. Schas verließ im Juli 2025 die Regierung, blieb aber Teil der Koalition.
Im Mai 2026 kündigte die Regierung vorgezogene Neuwahlen an. Ein entsprechender Antrag wurde in erster Lesung ohne Gegenstimmen angenommen, letztlich aber nicht umgesetzt. Die Legislaturperiode endete regulär am 17. Juli 2026; deshalb findet die Wahl turnusgemäß am 27. Oktober statt. Das passt zu einem politischen System, in dem Wahlen laut Gesetz alle vier Jahre stattfinden, Knesset-Legislaturen bisher aber durchschnittlich nur zwei Jahre und acht Monate dauerten. Seit der Staatsgründung gab es 25 Knessetwahlen.
Vorgezogene Wahlen können durch Schwierigkeiten bei der Bildung stabiler Koalitionen, durch kleine Koalitionsparteien, die eine Parlamentsauflösung erzwingen, durch Sicherheitskrisen oder politische Zerwürfnisse ausgelöst werden. Regierungen werden in Israel stets von Mehrparteienkoalitionen getragen; die Zahl der Minister ist gesetzlich nicht begrenzt und lag bislang zwischen sieben und 32.
Ein komplizierter Wahlzettel, viele Lager
Jede Wählerin und jeder Wähler hat eine Stimme für eine Parteiliste. Die 120 Sitze werden proportional nach dem D’Hondt-Verfahren verteilt. Nach den Angaben zur Wahl 2026 gilt dafür eine Sperrklausel von 3,25 Prozent; die bpb nennt für Israel derzeit 3,5 Prozent der gültigen Stimmen. Sitze einer Liste gehen entsprechend der Reihenfolge ihrer Kandidatinnen und Kandidaten an diese. Eingetragene Parteien oder Zusammenschlüsse aus mindestens zwei Parteien können gemeinsame Listen einreichen.
Weil die Parteienlandschaft stark zersplittert ist, werden solche Listen häufig gebildet, um die Sperrklausel zu überwinden. Zwei Listen können außerdem eine Listenverbindung eingehen: Ihre Stimmen werden zusammengerechnet, wenn beide die Sperrklausel überschreiten; auch die Sitze innerhalb der Verbindung werden nach dem D’Hondt-Verfahren verteilt. Das gesamte Land bildet dabei einen einzigen Wahlbezirk. Die Wahlen sind allgemein, proportional und geheim.
Im September 2026 beschloss das zentrale Wahlkomitee zunächst den Ausschluss der mehrheitlich arabischen Parteien Vereinigte Arabische Liste, Ra’am, sowie der Vereinten Liste aus Chadasch, Balad und Ta’al. Als Begründung wurden Vorwürfe genannt, die Parteien lehnten Israels Existenz als jüdischen und demokratischen Staat ab, schürten Rassismus oder unterstützten den bewaffneten Kampf gegen Israel. Ein Antrag auf Ausschluss der rechtsextremen Partei Otzma Jehudit wurde abgelehnt. Anfang Oktober hob das Oberste Gericht die Ausschlüsse größtenteils auf; bestehen blieb der Ausschluss des Balad-Vorsitzenden Sami Abu Shehadeh.
Zur Wahl treten zahlreiche Parteien und Parteienbündnisse an, darunter politisch relevante Parteien und solche, die in Umfragen erscheinen. Der Artikel zur Wahl unterscheidet vier politische Blöcke: das Lager der aktuellen Regierung um Netanjahu und mögliche künftige Unterstützer, die Anti-Netanjahu-Allianz der Opposition unter Führung von Gadi Eizenkot, eine weitere Opposition, die keinem der beiden Lager angehört und eine lagerübergreifende Regierung bevorzugt, sowie die arabischen Parteien. Eine Zusammenarbeit zwischen Ra’am und dem Anti-Netanjahu-Lager ist zumindest theoretisch möglich.
Die jüngste dort genannte Umfrage stammt vom Institut Maagar Mochot und wurde am 13. Oktober 2026 veröffentlicht. Sie enthält eine Sitzverteilung sowie eine Aufteilung zwischen Netanjahu-Lager, Anti-Netanjahu-Lager und sonstiger Opposition.
Warum diese Wahl so nervös macht
Israel ist eine parlamentarische Demokratie. Das Staatsoberhaupt ist der Präsident beziehungsweise die Präsidentin, die Funktion ist überwiegend symbolisch. Die Legislative ist die Knesset mit 120 Sitzen, die Exekutive die Regierung, die Judikative wird vor allem durch den Obersten Gerichtshof verkörpert.
Bei den Wahlen im November 2022 traten 40 Wahllisten an, zehn zogen in die Knesset ein. Die Wahlbeteiligung lag bei 70,6 Prozent – etwa 72 Prozent unter jüdischen Bürgern und etwa 53 Prozent unter arabischen Bürgern. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung verfügte die Regierungskoalition über 68 Sitze, getragen von rechten und ultraorthodoxen Parteien. Die Opposition hatte 52 Sitze; zu ihr gehörten Parteien der Mitte, linke Parteien und arabische Parteien.
Die niedrige Hürde ermöglicht vielen gesellschaftlichen Gruppen, Ideologien und Interessen den Einzug ins Parlament. Gleichzeitig erschwert die Vielzahl der Parteien stabile Regierungsbildungen. Die ideologische und funktionale Geschlossenheit der Koalition erleichtert ihr die Verabschiedung umstrittener Gesetze. Für einen Regierungswechsel braucht es ein konstruktives Misstrauensvotum, also die Wahl einer neuen Regierungschefin oder eines neuen Regierungschefs.
Rund 60 Prozent der jüdischen Israelis bezeichnen sich als rechtsgerichtet, 22 Prozent ordnen sich der politischen Mitte zu, 14 Prozent sehen sich als links. Die politische Orientierung hängt stark von der religiösen Identität ab: In ultraorthodoxen, religiösen, traditionell-religiösen und traditionell-nichtreligiösen Gruppen ist jeweils eine klare Mehrheit rechtsgerichtet. Auch unter säkularen Juden bilden Rechte die größte politische Gruppe; säkularen Juden gehören nur noch etwa 43 Prozent der jüdischen Bevölkerung an.
Für die jüdische Öffentlichkeit ist der Gegensatz zwischen rechts und links heute die wichtigste gesellschaftliche Konfliktlinie. Arabische Bürger sehen dagegen weiterhin vor allem den Gegensatz zwischen Juden und Arabern als zentrale Trennlinie. Sie haben rechtlich dieselben individuellen Rechte wie jüdische Bürger und dürfen arabische Parteien gründen, besitzen jedoch keine kollektiven Rechte sowie keine territoriale, politische oder kulturelle Autonomie. Das 2018 verabschiedete Nationalstaatsgesetz „Israel: Nationalstaat des jüdischen Volkes“ legt fest, dass Israel ausschließlich der Nationalstaat des jüdischen Volkes ist. Arabischen Bürgern wird damit kein Recht zugesprochen, nationale Ansprüche geltend zu machen oder Israel in einen Staat aller seiner Bürger umzuwandeln.
Israel hat keine Verfassung. Alle bisherigen Versuche, eine solche zu verabschieden, scheiterten; religiöse Kreise betrachten die Tora als Verfassung des jüdischen Volkes und damit auch Israels. Hinzu kommen politische Differenzen über das Verhältnis von jüdischem und demokratischem Staatsverständnis sowie über die Grundlagen der staatlichen Ordnung. Das Fehlen einer Verfassung erleichtert es der Regierung, Gesetzesvorhaben im Interesse der Koalitionsparteien durch die Knesset zu bringen. Gesetze können nicht mit dem Argument verhindert werden, sie seien verfassungswidrig.
Der Oberste Gerichtshof könnte teilweise als Kontrollinstanz dienen, indem er undemokratische Gesetze für ungültig erklärt. Das Vertrauen in ihn ist jedoch gesunken: auf etwa 40 Prozent unter jüdischen Bürgern und etwas mehr als 25 Prozent unter arabischen Bürgern. Besonders religiöse und rechtsgerichtete Gruppen misstra
