Freiburgs Hitzepuzzle: 1.000 neue Bäume gegen versiegelte Stadträume
Freiburg soll in den kommenden zwei Jahren 1.000 zusätzliche Bäume bekommen. Das fordern die Grünen für den nächsten Doppelhaushalt. Mehr Schatten, kühlere Straßen und Plätze, weniger aufgeheizter Asphalt – vor allem in Stadtteilen mit wenig Grün und auf stark versiegelten Schulhöfen.
Der Vorstoß kommt nicht aus dem Nichts: Beim Hitzecheck der Deutschen Umwelthilfe landete Freiburg auf Platz 176 von 195 untersuchten Städten. Nach Angaben des Berichts verlor die Stadt zwischen 2018 und 2025 rund 5.000 Bäume. Gerade an heißen Tagen merkt man das ziemlich unmittelbar – wenn der Boden flimmert, die Luft steht und selbst ein kurzer Weg durch die Innenstadt anstrengend wird.
Viele Flächen, wenig Abkühlung
Ein drastisches Beispiel ist der Platz der Alten Synagoge. Rund 9.000 Quadratmeter sind dort versiegelt. Die dunkle Fassade der benachbarten Universitätsbibliothek reflektiert zusätzlich Sonnenlicht. Asphalt, Beton und Gebäude speichern die Energie der Sonne und geben die Wärme noch nach Sonnenuntergang ab.
Auch deutschlandweit wächst das Problem: Jährlich werden rund 62 Quadratkilometer neu versiegelt – etwa so viel wie die Stadt Fürth. Rund die Hälfte der Siedlungs- und Verkehrsflächen ist bereits betoniert, gepflastert oder durch Tiefgaragen unterbaut. Solche Flächen heizen sich stark auf und kühlen nachts kaum ab. Besonders gefährdet sind ältere Menschen, Kinder und Menschen mit Vorerkrankungen.
Die Deutsche Umwelthilfe untersucht deshalb Städte mit mehr als 50.000 Einwohnern in jährlichen Hitze-Checks. Gemeinsam mit der Luftbild Umweltplanung Planung GmbH werden unter anderem Versiegelung, Grünbestand, Baumbeschirmung und Hitzebelastung anhand von Fernerkundungsdaten erfasst. Für den Hitze-Check 2026 wurden die Baumüberschirmung – also der Anteil des Bodens, der von Vegetation über 2,5 Metern Höhe bedeckt ist – und die Entwicklung der Flächenversiegelung in den vergangenen sieben Jahren bewertet.
Nur sieben Städte erreichen den wissenschaftlich empfohlenen Mindestwert von 30 Prozent Baumbeschirmung. Dazu zählen Hamburg, Berlin, Oldenburg, Potsdam und Solingen. In allen untersuchten Städten gehen große Bäume und Grünflächen verloren, während die Versiegelung zunimmt und die Hitzebelastung hoch bleibt. Laut den Untersuchungen fehlt es in fast allen Städten an ausreichendem Schutz vor den Folgen der Klimakrise.
Der erste DUH-Hitze-Check betrachtete den Anteil versiegelter Siedlungs- und Verkehrsflächen sowie das Grünvolumen, also die Menge klimawirksamer Vegetation, insbesondere von Bäumen. Daraus entstand eine Gesamtbewertung: 24 Städte erhielten eine Rote Karte, 82 eine Gelbe und 84 eine Grüne. Die schlechtesten Bewertungen gingen an Ludwigshafen, Heilbronn und Regensburg. Dort waren die Flächen besonders stark versiegelt und das Grünvolumen besonders gering.
Ein zweiter Hitze-Check richtet den Blick auf die Umweltgerechtigkeit. Bewohnte Stadtflächen werden dafür in Raster von 100 mal 100 Metern eingeteilt und nach vier Faktoren bewertet: Versiegelung, Grünvolumen, Oberflächentemperatur und Bevölkerungsdichte. Mehr als 12 Millionen Menschen leben demnach in Stadtteilen, die von extremer Hitze betroffen sind.
Ein Baum ist mehr als ein Schattenspender
Modellrechnungen von Wissenschaftlern des Karlsruher Instituts für Technologie zeigen, dass Hitzetage und Hitzestunden in Freiburg in den kommenden Jahrzehnten deutlich zunehmen könnten. Der Klimatologe Andreas Matzerakis erklärt, dass der Verlust eines Baums an einem extremen innerstädtischen Hitzestandort die jährliche Zahl extremer Hitzestunden von etwa 205 auf 330 erhöhen könne. Das entspreche etwa 10 bis 15 zusätzlichen Hitzetagen.
Stadtbäume funktionieren dabei wie natürliche Klimaanlagen: Sie spenden Schatten und kühlen durch Verdunstung. Unter Baumkronen können Oberflächen bis zu 30 °C kühler sein als an unbeschatteten Vergleichsorten; die gefühlte Temperatur kann um bis zu 5 °C niedriger liegen. Bei der Evapotranspiration nehmen die Wurzeln Wasser auf, das über die Blätter verdunstet. Die nötige Energie wird der Umgebung als Wärme entzogen.
Wie viel ein Baum tatsächlich leistet, hängt von der Baumart, dem Standort und der verfügbaren Wasser- und Wurzelraumkapazität ab. Hitze, Trockenheit, verdichtete Böden und begrenzter Wurzelraum setzen Stadtbäumen ordentlich zu. Blatt- und Kronenform, Bodenluft, Wasser und Wurzelraum müssen zusammenspielen. Pflanzen aus warmen und trockenen Regionen haben oft kleine, feste oder lederartige Blätter und kommen mit intensiver Sonneneinstrahlung sowie Wasserverlust besser zurecht.
Mehr Bäume bedeuten allerdings nicht automatisch mehr Kühlung. Zu dichte Vegetation kann die Luftzirkulation in Bodennähe beeinträchtigen. Lockere, differenzierte Kronen lassen Licht und Luft durch und unterstützen den Luftaustausch; gut geplante Vegetationsstrukturen können nachts kühle Luft aus begrünten Bereichen in stärker aufgeheizte Stadträume leiten. Die Forschungsgruppe Pflanzenverwendung des ZHAW-Instituts für Umwelt und Natürliche Ressourcen untersucht deshalb klimaangepasste Pflanzen und Vegetationsstrukturen. Klimagerechte Baumplanung heißt: Baumart, Standort und Wachstumsbedingungen aufeinander abstimmen.
Leitungen unter der Stadt, Wurzeln darunter
Baubürgermeister Martin Haag sagt, Freiburg sei mit seinem Klimaschutzkonzept bislang nicht gescheitert. Neue Bäume in der Innenstadt zu pflanzen, ist trotzdem ein ziemliches Puzzle. Unter Straßen und Plätzen liegen Kanalisation, Gas-, Fernwärme-, Telekommunikations- und Stromleitungen. Der Wurzelraum ist die zentrale, meist unsichtbare Herausforderung.
Oberbürgermeister Martin Horn verweist zudem auf die Folgekosten. In einem Nachbarlandkreis habe ein einzelner Baum mehr als 50.000 Euro gekostet. In normalen Grünanlagen kalkuliert die Stadt laut Haag mit etwa 2.000 Euro pro Baumpflanzung. Haag fordert trotz der technischen Schwierigkeiten weitere Pflanzungen und neue Lösungen: Viele bestehende Bäume stünden ebenfalls nahe an Leitungen und wüchsen dort problemlos.
Stadtbäume brauchen ausreichend durchwurzelbaren Boden, Wasser, Luft und Nährstoffe. Gleichzeitig muss der Untergrund Gehwege, Plätze und Verkehrsflächen tragen. Spezielle Baumsubstrate sollen beides ermöglichen. Bei mineralischen Substraten sorgt ein Gerüst aus groben, ineinandergreifenden Schottersteinen für Stabilität und erhält Poren für Wurzeln, Wasser und Luft. Eine feinere Substratschicht darüber schafft zusätzliche Wachstumsbedingungen. Solche Systeme können auch unter Gehwegen oder Fahrflächen liegen, sodass sich der Wurzelraum weit über die sichtbare Baumgrube hinaus erstreckt.
Eine etwa 35 m³ große Baumgrube kann mit geeigneten Substraten rund 10.000 Liter Wasser zurückhalten. Das gespeicherte Wasser steht den Wurzeln zeitversetzt zur Verfügung und kann helfen, Trockenperioden zu überbrücken. Baumgruben werden damit zugleich zu Speicher-, Wurzel- und Infrastrukturräumen.
Als ergänzende Maßnahmen für die Innenstadt nennt Haag Wassernebel, Fassadenbegrünung und Sonnensegel. Eine Fassadenbegrünung über der Rathausgasse ist geplant; Sonnensegel könnten perspektivisch auch auf dem Platz der Alten Synagoge zum Einsatz kommen.
Regen speichern, bevor er zum Problem wird
Versiegelung verschärft nicht nur die Hitze. Regenwasser kann schlechter versickern, bei Starkregen steigt dadurch das Überschwemmungsrisiko. Unversiegelte Böden, Parks, Bäume und anderes Stadtgrün kühlen, speichern Wasser und schaffen gesunde Lebensräume.
Das Schwammstadt-Prinzip setzt genau dort an: Regenwasser bleibt vor Ort, wird gespeichert, versickert oder der Vegetation zur Verfügung gestellt. Der Boden nimmt es auf und gibt es zeitversetzt an Pflanzen und das Grundwasser weiter. So wird die Kanalisation bei Starkregen entlastet und die Wasserversorgung der Bäume während Trockenperioden verbessert. Die Verdunstung über die Vegetation kühlt zusätzlich.
Pilotprojekte der ZHAW und verschiedener Städte gibt es unter anderem an der Waldstrasse in Luzern, auf dem Schosshaldenfriedhof in Bern und im WolkenWerk Zürich. Baumgruben werden dort beispielsweise verbunden, Wurzelräume unter befestigten Flächen erweitert. Wasser soll dort gespeichert werden, wo es gebraucht wird – und Bäume benötigen dafür oft deutlich mehr unter
