In der Psychotherapeutischen Hochschulambulanz der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt (KU) in Ingolstadt geht es um Geräusche, die für andere kaum auffallen: ein Schmatzen, Fingertippeln, Nasehochziehen oder das Trampeln von Füßen. Für Claudia aus dem Oberallgäu, 48 Jahre alt, können sie Ekel, Abscheu und Wut auslösen. Beim Schlürfen von Apfelsaft bekommt sie manchmal Kopfschmerzen. Dann hält sie sich die Ohren zu oder verlässt den Raum.

Claudia leidet an Misophonie. Der Begriff kommt aus dem Griechischen und bedeutet „Hass auf Geräusche“. Gemeint ist nicht bloß ein empfindliches Gehör, sondern eine starke körperliche und emotionale Stressreaktion auf bestimmte Alltagsgeräusche. Das kann die Lebensqualität empfindlich zusammendrücken.

Ihre Familie wusste lange nicht, was hinter den Reaktionen steckt. Claudia ist verheiratet und hat zwei Kinder. Ihr Mann Martin, mit dem sie seit mehr als 20 Jahren zusammenlebt, isst in ihrer Gegenwart möglichst leise. Die Söhne nehmen ihre Mahlzeiten häufig mit auf ihr Zimmer. Im Büro weicht Claudia aus: Wenn Kollegen an ihrem Schreibtisch essen, arbeitet sie in einem leeren Raum, im Homeoffice oder mit Ohrstöpseln.

Ein Name für das, was vorher niemand erklären konnte

Anfang 2024 stieß Claudia auf eine Facebook-Gruppe zum Thema Misophonie. Zum ersten Mal fand sie dort eine Erklärung für ihre Beschwerden. Schon als Jugendliche hatte sie sich gemeinsamen Mahlzeiten entzogen und sich gefragt, ob mit ihr etwas nicht stimme. Die Kenntnis des Krankheitsbildes habe sie entlastet.

Inzwischen spricht sie mit ihrem engsten Umfeld darüber. Ihrer Mutter hat sie noch nichts erzählt. Familienfeiern bleiben schwierig, und ihren vollständigen Namen möchte Claudia nicht nennen: Sie fürchtet eine negative Reaktion, fehlendes Verständnis oder Spott. Später will sie ihrer Mutter von ihrer Erkrankung erzählen.

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Auslöser können Atemzüge sein, wiederholtes Beinwackeln oder das Klatschen von Flip-Flops. Auch Essgeräusche, Tippen, Klopfen, Rascheln, nasale Laute, Hals- und Rachengeräusche sowie bestimmte Konsonanten und Vokale werden beschrieben. Grundsätzlich kann fast jedes Geräusch zum Trigger werden. Nicht entscheidend ist dabei, wie laut es ist. Bei Misophonie spielen die subjektive Bedeutung und der Zusammenhang eine wichtige Rolle.

Die Reaktionen reichen von Irritation, Ärger, Frustration, Sorge und Angst bis zu Wut und Ekel. Manche Betroffene wollen sofort weggehen oder weinen, andere erleben Schmerzen, Unwohlsein, Konzentrationsverlust, erhöhte innere Aktivierung und starken Stress. Neben dem Gehör können auch sichtbare Fuß- oder Körperbewegungen und möglicherweise taktile Reize beteiligt sein. Unklar ist, ob solche Reize allein oder nur gemeinsam mit Geräuschen eine Reaktion auslösen.

Eine Versorgungslücke in Ingolstadt

Elisa Pfeiffer, Professorin an der KU, erforscht Misophonie und führt dazu eine Studie durch. Sie leitet die Psychotherapeutische Hochschulambulanz für Kinder und Jugendliche, die seit rund eineinhalb Jahren besteht und seit einigen Monaten eine evidenzbasierte Behandlung anbietet. Seit Mai ist sie nach Angaben der KU die erste Einrichtung im deutschsprachigen Raum mit einem solchen Angebot. Die Universität bezeichnet die Ambulanz außerdem als erste Einrichtung dieser Art in Deutschland.

Anfragen kommen aus ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz. Fünf bis zehn Therapieplätze stehen zunächst in Ingolstadt zur Verfügung. Die Behandlung findet im Rahmen einer wissenschaftlich begleiteten Fallstudie statt. Dabei soll geprüft werden, wie wirksam das Therapiekonzept im deutschen Sprachraum ist und ob es weiterentwickelt werden muss.

In der Sprechstunde werden individuelle Trigger-Geräusche erfasst, die Stärke der emotionalen Reaktionen eingeschätzt und mögliche Begleiterkrankungen abgeklärt. Grundlage ist ein in den USA entwickeltes Interview, das Pfeiffer und ihr Team für den deutschsprachigen Raum sowie für Kinder und Jugendliche angepasst haben. Betroffene und ihre Familien erhalten Informationen über das Krankheitsbild, mögliche Behandlungsansätze und praktische Strategien für den Alltag.

Das Therapiekonzept stammt aus den Niederlanden; seine Wirksamkeit wurde in einer großen Studie wissenschaftlich bestätigt. Die Ambulanz verbindet Patientenversorgung, Forschung und Lehre: Psychotherapie-Studierende lernen die therapeutische Praxis kennen, Forschungsergebnisse gelangen in die Versorgung, und Erfahrungen aus der Behandlung fließen zurück in die weitere Forschung.

Misophonie wird erst seit etwa 20 Jahren erforscht. Fachleute wissen darüber noch vergleichsweise wenig, und Betroffene warten häufig lange auf eine Diagnose oder Behandlung. Nach Angaben der KU sind etwa zwei Prozent der Bevölkerung betroffen. Belastbare, systematische Schätzungen fehlen allerdings, weil Studien methodische Einschränkungen haben.

Eine kürzlich veröffentlichte, von Pfeiffer federführend betreute Studie untersuchte erstmals Misophonie bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland und Österreich, die bereits wegen einer psychischen Erkrankung behandelt wurden. Von 214 Teilnehmenden berichteten rund 90 Prozent von Trigger-Geräuschen. Fast ein Drittel zeigte Symptome, die auf eine klinisch relevante Misophonie hindeuten. Diese Kinder und Jugendlichen waren im Alltag deutlich stärker eingeschränkt und bewerteten ihre Lebensqualität schlechter als die übrigen Teilnehmenden.

Für Kinder kann sogar der Schulbesuch zur Belastung werden. Viele Betroffene vermeiden Situationen mit anderen Menschen und nehmen dadurch weniger am gesellschaftlichen Leben teil. Pfeiffer sieht deshalb Bedarf an spezialisierter Diagnostik und Behandlung. Fachkräfte in der Kinder- und Jugendpsychotherapie sollten Misophonie berücksichtigen, sagt sie, und sie will über das Störungsbild aufklären sowie die Ausbildung von Fachkräften verbessern.

Nicht jede Abneigung ist Misophonie

Ein Problem liegt schon im Begriff selbst: Er wird teilweise verwendet, wenn Menschen bestimmte Geräusche lediglich unangenehm finden. Gleichzeitig fehlen tatsächlich Betroffenen weiterhin Ansprechpartner und Unterstützung. Entscheidend für die Abgrenzung von bloßer Geräuschempfindlichkeit sind laut Pfeiffer ein erheblicher Leidensdruck und deutliche Einschränkungen im Alltag.

Misophonie ist weder im ICD-10 noch im DSM-5 klassifiziert. Der Begriff wurde Anfang des 21. Jahrhunderts von Pawel und Margaret Jastreboff geprägt. Ein häufiges Synonym lautet „Selective Sound Sensitivity Syndrome“, also „Selektives Geräuschempfindlichkeits-Syndrom“; in der Forschung setzte sich überwiegend der Ausdruck Misophonie durch.

Von Hyperakusis unterscheidet sich Misophonie dadurch, dass Hyperakusis eine krankhafte Überempfindlichkeit gegenüber Schall allgemein meint. Bei Misophonie lösen bestimmte Geräusche die Reaktion unabhängig von ihrer Lautstärke oder ihren physikalischen Eigenschaften aus. Anders als bei Tinnitus kommen die Trigger meist von außen und werden häufig von Menschen erzeugt. Tinnitus besteht dagegen aus intern wahrgenommenen Ohrgeräuschen. Beide Phänomene hängen nicht zwingend von den Hörschwellen ab und können bei normalem oder eingeschränktem Hörvermögen auftreten.

Manche Forscher ordnen Phonophobie der Misophonie zu, wenn Angst die vorherrschende Reaktion auf bestimmte Geräusche ist. Auch Überschneidungen mit Störungen der Sinnesverarbeitung, vor allem sensorischer Überreaktivität, werden diskutiert. Die Datenlage ist begrenzt. Bei manchen Betroffenen entsteht außerdem der Drang, das wahrgenommene Geräusch nachzuahmen.

2013 formulierten drei Psychiater des Medizinischen Akademischen Zentrums Amsterdam auf Grundlage von Interviews mit 42 Patienten häufig zitierte Forschungskriterien. Danach löst ein bestimmtes menschlich erzeugtes Geräusch oder schon dessen Erwartung eine impulsive körperliche Reaktion aus, die mit Irritation oder Ekel beginnt und unmittelbar in Ärger übergeht. Dieser Ärger kann ein starkes Gefühl des Kontrollverlusts und selten auch potenziell aggressive Wutausbrüche auslösen. Die betroffene Person erkennt dabei, dass Ärger oder Ekel übermäßig oder unverhältnismäßig sind.

Weitere Kriterien sind, dass misophonische Situationen vermieden oder nur unter starkem Unbehagen, Ärger oder Ekel ausgehalten werden. Reaktionen oder Vermeidung müssen einen erheblichen Leidensdruck verursachen oder den Alltag deutlich beeinträchtigen. Außerdem dürfen die Symptome nicht besser durch eine andere Störung, etwa eine Zwangsstörung oder eine posttraumatische Belastungsstörung, erklärt werden.

Was Studien bisher zeigen – und was nicht

Zur Erfassung wurden verschiedene Fragebögen und Interviews entwickelt, wissenschaftlich überprüft sind sie jedoch überwiegend unzureichend. Ein Fragebogen erfasst Misophonie-Symptome, Emotionen und Verhaltensweisen sowie den allgemeinen Schweregrad der Geräuschempfindlichkeit. Bewertet wird auf einer Skala von 0 („nie“ beziehungsweise