Im Collegium Georgianum in Ingolstadt ging es am 29. Oktober 2026 um zwei ziemlich unterschiedliche Forschungsfragen – und doch um dieselbe Sache: Wie kann Wissenschaft helfen, wenn es kompliziert wird? Der Rotary-Club Ingolstadt und der Verein Rotary Stipendium Ingolstadt verliehen dort den Rotary-Forschungspreis 2026 an Alexander M. Danzer und Norbert Paulo von der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt (KU). Die Auszeichnung ist mit insgesamt 5.000 Euro dotiert und wird seit 2021 vergeben.

Danzer, Inhaber des KU-Lehrstuhls für Mikroökonomie, wurde für seine Mitwirkung an einem internationalen Forschungsprojekt zur Ebola-Behandlung ausgezeichnet. Paulo, der an der KU die Professur für Philosophie und Ethik der Digitalisierung leitet, erhielt den Preis für seine Forschung zur Ethik autonomer Fahrzeuge. Zwei Felder, die auf den ersten Blick kaum weiter auseinanderliegen könnten: hier ein Medikament gegen Durchfall in Ebola-Gebieten, dort die Frage, wie ein Auto in einer Unfallsituation entscheiden soll.

Ein günstiges Medikament gegen eine tödliche Krankheit

Danzers Studie untersucht Loperamid, ein oral einnehmbares Medikament gegen Durchfall. Der Wirkstoff bekämpft das Ebola-Virus nicht. Er könnte aber den extremen Flüssigkeitsverlust bremsen, der bei Ebola-Erkrankungen durch starken Durchfall entsteht – und damit die Überlebenschancen von Patientinnen und Patienten verbessern.

Der mögliche Vorteil liegt auch in den praktischen Bedingungen: Loperamid muss nicht gekühlt werden, kann oral eingenommen werden und kostet nur wenige Cent pro Dosis. Für Regionen, in denen medizinische Versorgung schwer erreichbar ist, sind das keine Nebensächlichkeiten.

Die Untersuchung basiert auf Daten von rund 5500 laborbestätigten Ebola-Fällen mit dokumentiertem Durchfall. Erhoben wurden sie in 20 Behandlungszentren in Guinea, Liberia und Sierra Leone. Danzer war maßgeblich an der Datenanalyse und an der methodischen Weiterentwicklung beteiligt.

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Eine klinische Studie war das ausdrücklich nicht. Die Daten stammen aus dem regulären Behandlungsalltag während der Ebola-Epidemie. Ob Loperamid verabreicht wurde, hing davon ab, ob die behandelnden Ärzte es einsetzen wollten und ob es verfügbar war. Danzer zufolge ähnelten die Bedingungen dennoch einer randomisierten Studie.

Jurymitglied Stefan Kaiser hob genau diesen Zugang hervor: Die Arbeit zeige, wie wirtschaftswissenschaftliche Methoden zur Lösung konkreter Probleme beitragen können. Das klingt trocken, ist es aber nicht. Hinter den Datensätzen stehen Menschen, überfüllte Behandlungszentren und die schlichte Frage, was unter schwierigen Bedingungen tatsächlich helfen kann.

WHO-Leitlinien mitten in einem neuen Ausbruch

Der zeitliche Zusammenhang ist heikel und aktuell. In der Demokratischen Republik Kongo gibt es derzeit einen Ebola-Ausbruch durch das Bundibugyo-Virus. Die Weltgesundheitsorganisation veröffentlichte am 11. Juni 2026 Leitlinien zur klinischen Behandlung von Filovirus-Erkrankungen; am 17. Juni folgten umfassende Leitlinien für Ebola- und Marburg-Viren mit 16 evidenzbasierten Empfehlungen.

Zum ersten Mal bündelt die WHO darin die klinische Behandlung aller Ebola- und Marburg-Viren. Vereinheitlicht wurden frühere krankheitsspezifische Empfehlungen für das Ebola-Virus, das Sudan-Virus, das Bundibugyo-Virus, das Taï-Forest-Virus und das Marburg-Virus. Entwickelt wurden die Leitlinien nach WHO-Standards und mithilfe der GRADE-Methodik. Beteiligt waren internationale Expertinnen und Experten sowie die WHO-Teams Health Emergencies, Preparedness and Response und Humanitarian and Disaster Management. Das Dokument umfasst 86 Seiten und trägt die Referenznummer ISBN B09774.

Ebola- und Marburg-Erkrankungen verlaufen schwer und sind je nach Ausbruch in 25 bis 90 Prozent der Fälle tödlich. Seit der Entdeckung des Marburg-Virus im Jahr 1967 wurden in Afrika 72 Ebola- und Marburg-Ausbrüche gemeldet. Die Folgen reichen weit über die Krankenstationen hinaus: Betroffene Gemeinschaften können sozial, wirtschaftlich und psychologisch massiv belastet werden.

Für Erkrankungen durch das Marburg-, Bundibugyo- und Sudan-Virus gibt es bislang keine zugelassenen Impfstoffe oder spezifischen Behandlungen. Umso stärker rückt die unterstützende Versorgung in den Mittelpunkt. Die WHO empfiehlt eine frühe Erkennung von Verschlechterungen, engmaschige Überwachung, gezielte Labortests, schnelle Flüssigkeitsgabe sowie die Behandlung von Dehydrierung und Schock. Bei vermuteten Begleitinfektionen sollen Antibiotika eingesetzt werden; genesene Patientinnen und Patienten sollen zur Erkennung von Spätfolgen und zur Verhinderung einer Weiterverbreitung nachbetreut werden.

Zu den zentralen Maßnahmen gehören klinische und labormedizinische Überwachung, orale und intravenöse Flüssigkeitstherapie, Schockbehandlung, der Einsatz von Vasopressoren, die Behandlung vermuteter bakterieller Koinfektionen, das Management hämorrhagischer Komplikationen und die Nachsorge nach der Entlassung. Priorisierte Labortests sollen behandelbare Probleme wie Unterzuckerung und Stoffwechselstörungen aufspüren. Bei Schock sollen intravenöse Flüssigkeiten und vasoaktive Medikamente frühzeitig und gezielt eingesetzt werden; Vitalzeichen und Durchblutungsparameter steuern die Behandlung.

Auch zusätzliche bakterielle Infektionen, einschließlich bakterieller Sepsis, sollen sofort angemessen behandelt werden. Für Überlebende ist eine strukturierte Nachsorge vorgesehen – nicht nur für das Wohlbefinden, sondern auch, weil Viren im Körper fortbestehen und weitere Infektionen möglich machen können.

Die Behandlung soll patientenzentriert, zeitnah und individuell angepasst erfolgen. Berücksichtigt werden dabei Nutzen und Risiken, die Sicherheit der Evidenz, Patientenpräferenzen, Umsetzbarkeit, Ressourcenbedarf, Chancengleichheit und Akzeptanz. Eine optimierte unterstützende Versorgung kann Komplikationen verringern, die Grundlage für weitere klinische Maßnahmen schaffen und klinische Studien zu antiviralen Medikamenten ermöglichen.

Die Empfehlungen sollen medizinisches Personal unterstützen, klinische Vorgehensweisen vereinheitlichen und Gesundheitseinrichtungen sowie politische Entscheidungsträger bei Planung und Vorbereitung helfen. Es geht dabei auch um Medikamente, medizinische Geräte, Laborkapazitäten und Personal. Die Leitlinien übertragen Erfahrungen aus jüngeren Ebola- und Marburg-Ausbrüchen in praktische Empfehlungen und ergänzen bereits bestehende WHO-Instrumente für eine sichere und wirksame Versorgung.

Wenn das Auto nicht mehr ausweichen kann

Norbert Paulo arbeitet an einem Problem, das ebenfalls keine bequemen Antworten kennt. Sein ausgezeichnetes Projekt trägt den Titel „Unparteilichkeit statt Gleichbehandlung: Eine methodische Korrektur der Ethik autonomer Fahrzeuge“. Es geht um Situationen, in denen ein Unfall nicht mehr verhindert werden kann.

Menschen reagieren dann womöglich reflexartig, panisch, widersprüchlich. Autonome Fahrzeuge tun das nicht. Sie handeln nach zuvor festgelegten Regeln. Welche ethischen und rechtlichen Kriterien sollen also gelten, wenn jede verfügbare Entscheidung Schaden bedeutet?

Paulos Untersuchungen zeigen, dass die Zustimmung zu bestimmten Entscheidungen von der jeweiligen Entscheidungsregel und von der Art des Dilemmas abhängt. Daraus folgt laut Paulo, dass gesellschaftliche Präferenzen nicht unmittelbar in gesetzliche Vorgaben übertragen werden können. Selbst wenn Merkmale wie Alter, Geschlecht oder sozialer Status nicht berücksichtigt werden sollen, bleibt die konkrete Regel für Extremsituationen offen.

Paulo empfiehlt deshalb, die Überzeugungen der Bevölkerung bei der Entwicklung solcher Regeln einzubeziehen, ihnen aber keine alleinige Entscheidungsbefugnis bei Entscheidungen über Leben und Tod zu geben. Der Juryvorsitzende Jens Hogreve betonte die Bedeutung der Forschung. Die Arbeit erschien in der Fachzeitschrift „Analysis“.

Förderung mit Blick über die KU hinaus

KU-Präsidentin Gabriele Gien bezeichnete den Preis als Anerkennung für die beiden Wissenschaftler und als Möglichkeit, die Forschung der Universität öffentlich stärker sichtbar zu machen. Gerade an einer überwiegend geisteswissenschaftlich ausgerichteten Universität werde Forschung in diesen beiden Bereichen nicht unbedingt zugetraut, sagte Gien.

Rotary-Club-Präsident Robert Frank erklärte, der Klub wolle Wissenschaftler unterstützen, damit neue Ideen entstehen und weltweite Probleme gelöst werden. Martin Beck, Vorsitzender des Vereins Rotary Stipendium Ingolstadt, verwies auf weitere Förderungen der Rotarier: Schulbildungsprojekte, den Wissenschaftswettbewerb „Jugend forscht“ und das Museum für Konkrete Kunst und Design.

Im Collegium Georgianum treffen damit nicht nur zwei Preisträger aufeinander, sondern auch zwei Arten, mit Unsicherheit umzugehen: Daten aus der Ebola-Versorgung und Regeln für Maschinen, die einmal Entscheidungen treffen sollen, die Menschen lieber gar nicht treffen müssten.