Berlin, 1. Oktober 2026. Mohammad ist 19 Jahre alt und hat seit seiner Kindheit ungefähr alle drei Wochen Blut bekommen. Nicht ausnahmsweise, sondern als festen Bestandteil seines Lebens. Der Grund: eine schwere, erblich bedingte Beta-Thalassämie. Vier Monate nach einer Behandlung an der Berliner Charité braucht er nun keine Transfusionen mehr.

Am 28. Mai erhielt Mohammad das Gentherapeutikum Exagamglogene Autotemcel, kurz Exa-cel. Bei der ersten Gabe war auch Emmanuelle Charpentier dabei, CRISPR-Mitentwicklerin und Nobelpreisträgerin. Es war zugleich eine Premiere: An der Charité wurde erstmals in Deutschland eine zugelassene CRISPR-Gentherapie eingesetzt. Mohammad geht es nach Angaben seiner Ärzte sehr gut. Er möchte eine Ausbildung beginnen und einen weitgehend normalen Alltag führen.

Wie die Behandlung funktioniert

Beta-Thalassämie verhindert, dass der Körper ausreichend funktionsfähiges Hämoglobin bildet. Die Folge ist eine ungenügende Sauerstoffversorgung. Schwer Erkrankte benötigen häufig ein- bis zweimal monatlich Bluttransfusionen; bei Mohammad waren es etwa alle drei Wochen. Die regelmäßigen Gaben können allerdings eine Eisenüberladung verursachen, Organe schädigen und die Lebenszeit verkürzen. Unbehandelt kann die Erkrankung bereits im Kindesalter tödlich verlaufen.

Für die Therapie wurden zunächst Mohammads eigene blutbildende Stammzellen entnommen und in einem Speziallabor in den Niederlanden mit CRISPR/Cas9 genetisch verändert. Dabei wurde das Gen BCL11A inaktiviert. Es schaltet normalerweise nach der Geburt das Programm zur Bildung des fötalen Hämoglobins ab. Durch die Geneditierung wird dieses Programm dauerhaft reaktiviert.

Fötales Hämoglobin kann Sauerstoff ebenso gut transportieren wie gesundes Hämoglobin und umgeht den genetischen Defekt. Nach monatelanger Vorbereitung erhielt Mohammad mehr als 900 Millionen veränderte Stammzellen per Infusion zurück. Zuvor musste eine intensive Chemotherapie Platz im Knochenmark schaffen. Die Zellen siedelten sich dort an und produzierten neue Blutzellen. Bereits 40 Tage später bildete sein Körper wieder fötales Hämoglobin; laut Charité macht es inzwischen rund 85 Prozent des gesamten Hämoglobins aus. Sein Hämoglobinwert liegt im Normalbereich.

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Der Preis dafür ist nicht nebensächlich: Die Chemotherapie kann schmerzhafte Nebenwirkungen, Einschränkungen der Fruchtbarkeit und Organschäden verursachen. Die in klinischen Studien beobachteten Nebenwirkungen wurden laut den Autoren überwiegend dieser vorbereitenden Behandlung zugeschrieben, nicht der Geneditierung selbst. Casgevy, wie Exa-cel auch genannt wird, hat sich bislang als weitgehend sicher erwiesen; eindeutig durch CRISPR verursachte schwere Nebenwirkungen wurden bisher nicht berichtet. Möglich sind jedoch geringfügige zusätzliche Veränderungen im Erbgut. Wie wahrscheinlich sie sind und welche langfristigen Folgen sie haben könnten, ist noch offen.

Erste Erfahrungen aus Deutschland und den Studien

Das Universitätsklinikum Düsseldorf setzte CRISPR/Cas9 ebenfalls gezielt an der DNA blutbildender Stammzellen ein. Das UKD war als spezialisiertes Zentrum an zwei klinischen Studien beteiligt; dort wurde vor mehr als zwei Jahren der erste jugendliche Thalassämie-Patient in Deutschland mit diesem Verfahren behandelt. Die Studien zu Exagamglogene autotemcel erschienen am 24. April 2024 im New England Journal of Medicine: „Exagamglogene Autotemcel for Transfusion-Dependent β-Thalassemia“ (DOI: 10.1056/NEJMoa2309673) und „Exagamglogene Autotemcel for Severe Sickle Cell Disease“ (DOI: 10.1056/NEJMoa2309676).

Untersucht wurden Jugendliche und junge Erwachsene mit transfusionsabhängiger Beta-Thalassämie oder schwer verlaufender Sichelzellkrankheit. Beide Erkrankungen beeinträchtigen Bildung oder Funktion des adulten Hämoglobins und können trotz konventioneller Behandlung starke Beschwerden, chronische Organschäden und eine verkürzte Lebenserwartung verursachen.

Bei der Beta-Thalassämie benötigten 32 von 35 auswertbaren Patienten, also 91 Prozent, mindestens zwölf Monate nach der Therapie keine Bluttransfusionen. Bei der Sichelzellkrankheit hatten 29 von 30 auswertbaren Patienten, 97 Prozent, mindestens zwölf Monate lang keine vaso-okklusiven Krisen. Dabei verschließen sich kleine Blutgefäße; es kommt häufig zu extremen Schmerzen und Krankenhausaufenthalten.

Die Ergebnisse führten im März 2024 zur bedingten Zulassung der Exa-cel-Therapie durch die Europäische Arzneimittel-Agentur. Die Anwendung bleibt spezialisierten Zentren vorbehalten. Die Charité ist das erste dafür qualifizierte Zentrum in Deutschland. Weil Langzeitdaten fehlen, werden alle behandelten Patienten 15 Jahre medizinisch überwacht. Auch am UKD läuft eine solche Langzeit-Beobachtungsstudie zu Wirksamkeit und Sicherheit.

Das Team der Pädiatrischen Stammzelltherapie unter Leitung von Prof. Dr. Roland Meisel untersucht die Methode derzeit weiter, vor allem bei Kindern unter zwölf Jahren. Zwei Studien schlossen Kinder im Alter von fünf bis elf Jahren ein. Vorläufige Daten, die Ende 2025 vorgestellt wurden, betrafen vier Kinder mit Sichelzellanämie und sechs mit Beta-Thalassämie. Die Wirksamkeit scheint ähnlich wie bei älteren Behandelten: Die Kinder mit Sichelzellanämie hatten danach keine schweren Krisen, jene mit Beta-Thalassämie waren nicht mehr auf Transfusionen angewiesen. Allerdings dauerte die Nachbeobachtung bislang nur zwölf Monate. Eine frühere Behandlung könnte spätere chronische Folgeerkrankungen verhindern.

Zwei Krankheiten, ein Ansatz

Sichelzellanämie und β-Thalassämie entstehen durch Mutationen im Gen für β-Globin, einen Bestandteil des Hämoglobins. Bei der Sichelzellanämie verformen sich rote Blutkörperchen, werden unbeweglich, sterben früher ab und können verklumpen. Kleine Gefäße verstopfen, Organe werden geschädigt, starke Schmerzkrisen entstehen. Manche Betroffene erleben solche Episoden mehrmals im Jahr und sind körperlich deutlich weniger belastbar. Bei guter Behandlung erreichen heute fast alle betroffenen Kinder das Erwachsenenalter.

Die Studienzahlen zur Sichelzellanämie zeigen, wie stark die Beschwerden zurückgehen können: In einer weiteren Auswertung hatten 39 von 42 behandelten Personen mindestens zwölf Monate keine Schmerzkrisen. Die durchschnittliche schmerzkrisenfreie Zeit lag bei etwa 31 Monaten, bei einer Person fast 60 Monate. Vor der Behandlung waren es durchschnittlich rund vier Krisen pro Jahr. Die Konzentration des fötalen Hämoglobins blieb bislang stabil, was für eine dauerhafte Ansiedlung der veränderten Stammzellen im Knochenmark spricht. Auch die Lebensqualität verbesserte sich deutlich.

Bei der β-Thalassämie wurden 54 Personen behandelt, 53 von ihnen benötigten mindestens zwölf Monate lang keine Bluttransfusionen mehr. Die Wirkung hielt im Durchschnitt etwa 35 Monate an, in einem Fall bislang 64 Monate. Eine klassische Knochenmarktransplantation kann ebenfalls heilen, wenn ein passender Spender gefunden wird. Sie bringt aber hohe Risiken mit sich und scheitert oft genau an diesem fehlenden Spender. Hydroxycarbamid kann die Bildung fötalen Hämoglobins anregen, die Hämoglobinkonzentration erhöhen und Schmerzkrisen verringern; regelmäßige Untersuchungen helfen außerdem, Komplikationen früh zu erkennen und vorzubeugen.

Casgevy zwischen Hoffnung und offenem Risiko

Casgevy ist das erste zugelassene Therapeutikum auf Grundlage der CRISPR-Technologie. Für Personen ab zwölf Jahren bestehen Zulassungen seit Ende 2023 in Großbritannien und den USA sowie seit Februar 2024 in der Europäischen Union. Der gesamte Ablauf kann bis zu zwölf Monate dauern. Weltweit werden jährlich rund 60.000 Kinder mit schwerer Beta-Thalassämie geboren.

Entwickelt wurde Casgevy ursprünglich von der Schweizer Firma CRISPR Therapeutics. Mitbegründerin ist Emmanuelle Charpentier, die gemeinsam mit Jennifer Doudna für die Entdeckung der CRISPR-Technologie den Nobelpreis erhielt. CRISPR Therapeutics arbeitet seit 2015 mit dem US-Unternehmen Vertex Pharmaceuticals zusammen; die ersten Patienten wurden 2018 behandelt. Im Jahr 2025 schlossen weltweit 64 Patienten die Behandlung mit Casgevy ab, für 2026 wurden höhere Zahlen erwartet.

Billig ist der Eingriff nicht: In Deutschland kostet Casgevy ungefähr 2,2 Millionen Euro, der vorläufige Listenpreis in den USA liegt bei 2,2 Millionen US-Dollar. Dazu kommt die lange Nachsorge. Auch bei Mohammad wird sich erst über Jahre zeigen, wie stabil