Med Berlin – In Frankfurt am Main hat Sanofi mit dem Bau einer neuen Insulinproduktionsanlage begonnen. Rund zwei Milliarden Euro investiert der Pharmakonzern in das Projekt. Die Fabrik soll eine bestehende Anlage ersetzen und die Versorgung Deutschlands und Europas krisenfester machen – eine Reaktion auch auf die anfälligen Lieferketten während der Corona-Pandemie.

Auf 36.000 Quadratmetern, ungefähr der Fläche von fünf Fußballfeldern, entstehen Produktionsbereiche mit modernen Standards und Künstlicher Intelligenz. Die Inbetriebnahme ist für 2032 geplant. Dann soll der Neubau zu den größten Insulinproduktionsstätten Europas gehören und Sanofis globales Versorgungsnetzwerk stärken. Beim Spatenstich verwies Sanofi-Chefin Belen Garijo auf die weltweite Abhängigkeit von Insulin. Der Wirkstoff ermöglicht die Aufnahme von Glukose aus dem Blut in die Körperzellen.

400 Millionen Euro öffentliche Unterstützung

Sanofi hatte das Vorhaben bereits 2024 angekündigt. Damals war von rund 1,3 Milliarden Euro für eine moderne Insulinproduktionsanlage bis 2029 die Rede. Nun fällt die Investitionssumme deutlich höher aus. Die EU-Kommission genehmigte im September staatliche Beihilfen von 400 Millionen Euro. Das Geld kommt vom Bund, dem Land Hessen und der Stadt Frankfurt; es soll die Insulinversorgung in Europa stärken und Sanofi für entstandene Nettokosten entschädigen. Die Genehmigung war die letzte noch ausstehende Zustimmung.

Ohne die Förderung hätte Sanofi nach früheren Angaben der EU den deutschen Standort geschlossen. Bis Ende 2032 muss der Konzern in Frankfurt-Höchst die neue Fabrik bauen. Bis Ende 2042 sollen dort jährlich mindestens 1,1 Tonnen Insulin hergestellt werden. Außerdem verpflichtet sich Sanofi, eine Tonne pharmazeutischer Insulinwirkstoffe zu lagern und bei Engpässen die europäischen Märkte bevorzugt zu beliefern.

Hessens Ministerpräsident Boris Rhein erklärte, das Projekt stärke die europäische Versorgungssicherheit und verringere Abhängigkeiten von Drittstaaten. Wirtschaftsminister Kaweh Mansoori sprach von einer langfristigen Sicherung der Insulinproduktion in Frankfurt-Höchst. Oberbürgermeister Mike Josef nannte die Investition ein wichtiges Signal für den Pharma- und Industriestandort sowie ein Bekenntnis zu Frankfurt und Hessen; die Stadt werde weitere Unterstützung leisten.

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Ein Standort mit ungewöhnlich großer Reichweite

In Höchst liegt laut den Angaben die einzige Produktionsstätte für Humaninsulin im Europäischen Wirtschaftsraum. Insgesamt gibt es dort nur zwei Insulinproduktionsstätten, die zweite betreibt Novo Nordisk in Dänemark. Fiele Frankfurt weg, könnte Europa bei Humaninsulin stärker von Importen aus Drittstaaten abhängig werden.

Am Frankfurter Standort arbeiten nach Unternehmensangaben rund 6.500 Menschen. Mehr als 4.000 Arbeitsplätze in Frankfurt-Höchst hängen an der Insulinproduktion. Von dort aus werden rund 15 Millionen Patientinnen und Patienten in etwa 80 Ländern mit Insulinprodukten versorgt. Die gesamte Wertschöpfungskette ist vor Ort gebündelt: Wirkstoffherstellung, Abfüllung, Fertigung von Pens und Autoinjektoren sowie Verpackung. In der neuen Anlage sollen künftig mehrere hundert Fachkräfte arbeiten.

Nach Angaben von Sanofi leben weltweit mehr als 500 Millionen Menschen mit Diabetes; bis 2050 könnte diese Zahl auf 800 Millionen steigen. Für sie ist die Lieferkette keine hübsche Grafik in einer Präsentation, sondern im Zweifel die Frage, ob das Medikament rechtzeitig in der Apotheke liegt.

Ein wachsender Markt mit vielen Abzweigungen

Der europäische Insulinmarkt wird nach Insulintyp und Geografie betrachtet. Erfasst werden Marktwerte in US-Dollar und Absatzvolumen in Einheiten. Unterschieden werden basale beziehungsweise lang wirkende Insuline, Bolus- beziehungsweise schnell wirkende Insuline, traditionelle Humaninsuline, Insulinkombinationen und Biosimilar-Insuline. Die Analyse umfasst das Vereinigte Königreich, Deutschland, Frankreich, Russland, Spanien, Italien und das übrige Europa. Der Studienzeitraum reicht von 2021 bis 2032, der Prognosezeitraum von 2027 bis 2032.

Mordor Intelligence schätzt das Marktvolumen für 2025 auf 6,24 Milliarden US-Dollar. Für 2026 werden 6,55 Milliarden, für 2027 6,87 Milliarden und für 2032 8,72 Milliarden US-Dollar erwartet. Für 2027 bis 2032 wird eine jährliche Wachstumsrate von 4,89 Prozent prognostiziert. Die Zahlen beruhen auf einem Schätzrahmen, der neun Monate tatsächlicher Daten mit einer Prognose für das vierte Quartal 2026 verbindet. Die Marktkonzentration gilt als hoch.

Rund 25 Millionen Menschen zwischen 60 und 79 Jahren leben in Europa mit Diabetes. Männer von 40 bis 59 Jahren weisen tendenziell höhere Prävalenzraten auf als Frauen; nach dem 70. Lebensjahr steigt die Zahl der Frauen mit Diabetes deutlich. Die durchschnittliche altersstandardisierte Diabetesprävalenz bei Erwachsenen in EU-Ländern lag 2023 bei 7,5 Prozent. Zypern, Portugal und Deutschland kamen auf mindestens 9 Prozent, während Irland und Litauen unter 4 Prozent lagen.

In mehreren Ländern, besonders in Nordeuropa, scheint sich die Prävalenz stabilisiert zu haben. In Süd-, Mittel- und Osteuropa wurden leichte Anstiege verzeichnet. Als Einflussfaktoren gelten steigende Adipositas, körperliche Inaktivität und die alternde Bevölkerung. Etwa 10 Prozent der Menschen mit Diabetes haben Typ-1-Diabetes; von ihnen verwenden rund 80 bis 90 Prozent Insulin. Auch Menschen mit Typ-2-Diabetes nutzten während der COVID-19-Pandemie Insulinpräparate. Fortschritte bei Insulinpräparaten gelten als weiterer Wachstumstreiber.

Für die Blutzuckerkontrolle müssen Betroffene ihre Behandlung regelmäßig anpassen, etwa mit Medikamenten oder durch zusätzliche Kohlenhydrataufnahme. Die Zahl neu diagnostizierter Typ-1- und Typ-2-Diabetesfälle steigt unter anderem im Zusammenhang mit Adipositas, ungesunder Ernährung und Bewegungsmangel. Nach Angaben der International Diabetes Federation beliefen sich die Diabetesausgaben in Europa für die Altersgruppe von 20 bis 79 Jahren auf 156 Milliarden US-Dollar; bis 2040 sollen es 174 Milliarden sein. Jährlich kommen laut IDF rund 21.600 Kinder mit Typ-1-Diabetes hinzu. Etwa 9 Prozent der gesamten Gesundheitsausgaben in Europa entfallen auf Diabetes.

Deutschland, Geräte und Konkurrenz

Deutschland wird ein deutliches Wachstum des Insulinmarktes zugeschrieben. Die Prävalenz von diagnostiziertem Typ-1- und Typ-2-Diabetes bei Erwachsenen ist hoch, daneben gibt es viele nicht diagnostizierte Fälle. Eine alternde Bevölkerung, steigende Adipositasraten und ungesunde Lebensweisen dürften die Typ-2-Diabetes-Prävalenz weiter erhöhen. Laut Deutschem Diabetes-Zentrum leben mindestens 7,2 Prozent der deutschen Bevölkerung mit Diabetes; in den kommenden zwei Jahrzehnten soll diese Zahl deutlich steigen.

Wachstum versprechen außerdem ein besserer Zugang zur Diabetesversorgung, die größere Akzeptanz moderner Insulinformulierungen und Verabreichungsgeräte, Biosimilar-Insulin sowie staatliche Initiativen und Erstattungsleistungen. Gesetzliche Krankenkassen müssen notwendige medizinische Behandlungen einschließlich Insulin übernehmen und die Eigenkosten begrenzen. Erstattungs- und Preispolitik sind stark reguliert. Weitere Chancen liegen in neuen Produkten, internationalen Forschungskooperationen, technologischen Fortschritten und einem wachsenden öffentlichen Diabetesbewusstsein.

Der europäische Markt ist wegen weniger großer globaler und regionaler Unternehmen stark konsolidiert. Fusionen und Übernahmen haben die Position einzelner Anbieter gestärkt. Zu den genannten führenden Unternehmen gehören Novo Nordisk, Sanofi, Eli Lilly, AstraZeneca und Biocon; eine Rangfolge nennt der Bericht nicht. Eli Lilly und Boehringer Ingelheim kooperieren bei der Entwicklung und Vermarktung von Abasaglar, einem Insulin Glargin. Pfizer und Wockhardt werden ebenfalls im Wettbewerbsumfeld genannt. Die Wettbewerbsanalyse behandelt Unternehmensprofile, Finanzkennzahlen, Produkte, Strategien und aktuelle Entwicklungen sowie Marktanteile von Novo Nordisk, Eli Lilly, Sanofi und weiteren Unternehmen. Auch Markttreiber, Markthemmnisse und die fünf Wettbewerbskräfte nach Porter fließen ein.

Bei den im Bericht enthaltenen Produkten reicht die Palette von Lantus, Levemir, Toujeo, Tresiba und Abasaglar bei den lang wirkenden Insulinen über NovoRapid/NovoLog, Humalog, Apidra, FIASP und Admelog bei den schnell wirkenden Präparaten bis zu Novolin/Actrapid/Insulatard, Humulin und Insuman als traditionelle Humaninsuline. Zu den Kombinationen zählen NovoMix, Ryzodeg