Med Berlin, 27. Oktober 2026 – Ein Mensch liegt reglos im Bett, reagiert nicht auf Stimmen, bewegt weder Hände noch Augen. Von außen wirkt das wie vollständige Bewusstlosigkeit. Doch im Gehirn kann trotzdem einiges passieren. Studien des Neurologen Dr. Jan Claassen von der Columbia University in New York zeigen, dass Menschen nach schweren Hirnverletzungen oder im Koma trotz äußerlicher Reaktionslosigkeit ein funktionsfähiges Bewusstsein haben können.

Eine in „Brain“ veröffentlichte Studie untersuchte dafür ein nichtinvasives Gehirn-Computer-Interface, kurz BCI, bei 41 klinisch nicht ansprechbaren Patienten mit schweren akuten Hirnverletzungen. Die Betroffenen hörten akustische Signale und sollten sich vorstellen, die Tonfrequenz zu erhöhen oder zu senken. Rund ein Drittel konnte dieser Aufforderung mithilfe seiner Gehirnaktivität folgen.

Wenn der Körper schweigt, aber das Gehirn antwortet

Das Verfahren macht kognitive Aktivitäten sichtbar, die bisher verborgen blieben, und erfasst sie messbar. Nach Angaben Claassens können viele scheinbar komatöse Patienten ein gewisses Bewusstsein besitzen, obwohl sie nicht sprechen oder Hände und Augen bewegen können. Die über BCI festgestellten Bewusstseinssignale können Hinweise auf eine spätere Genesung liefern. Patienten mit dieser besonderen Gehirnaktivität haben häufig eine bessere Prognose, als ihr äußerer klinischer Zustand vermuten lässt.

Für Ärztinnen, Ärzte und Angehörige könnte die Schnittstelle damit einen Einblick in den tatsächlichen neurologischen Zustand geben und helfen, Fehldiagnosen zu verringern. Eine mögliche Kommunikation mit Komapatienten würde zudem zusätzliche Behandlungsmöglichkeiten eröffnen. Ganz so einfach ist es freilich nicht: Ein Signal im Gehirn ist noch kein Gespräch, und ein Gespräch noch lange kein Beweis dafür, dass ein Mensch seine Umgebung so klar erlebt wie ein gesunder, wacher Mensch.

Claassen hatte bereits 2019 mithilfe von EEG und künstlicher Intelligenz Hinweise auf verborgenes Bewusstsein gefunden. Damals zeigten etwa 15 Prozent bewusstloser Patienten mit Hirnverletzungen Anzeichen gezielter geistiger Aktivität, obwohl sie weder blinzeln noch ihre Zehen bewegen konnten. Die EEG-Aufzeichnungen deuteten darauf hin, dass sie versuchten, geforderte Bewegungen auszuführen. Vermutlich waren die entsprechenden Denkzentren aktiv, doch die Signale erreichten die Muskeln nicht.

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Neue Daten aus Dortmund

Auf der ANIM 2026, Europas größtem Kongress für Neurointensivmedizin, stellten internationale Expertinnen und Experten in Dortmund neue Forschungsergebnisse zu Koma nach akuten Hirnschädigungen vor. Im Mittelpunkt stand die sogenannte „cognitive-motor dissociation“, kurz CMD. Betroffene reagieren äußerlich weder durch Bewegung noch durch Sprache, zeigen aber Hinweise auf erhaltenes Bewusstsein und kognitive Verarbeitung. Verständliche motorische oder sprachliche Reaktionen fehlen – das Gehirn kann trotzdem arbeiten.

Eine mehrjährige Studie, die 2024 im „New England Journal of Medicine“ veröffentlicht wurde, untersuchte 241 Komapatienten. Bei 60 von ihnen, also rund 25 Prozent, zeigten fMRT- oder EEG-Aufnahmen über mehrere Minuten passende Hirnaktivitäten, nachdem sie aufgefordert worden waren, sich etwa das Öffnen und Schließen einer Hand oder eine Sportart vorzustellen. Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass einige Patienten verbale Anweisungen hören und verstehen können, obwohl sie nicht sichtbar darauf reagieren.

Als Originalpublikation wird die Studie mit dem DOI 10.1056/NEJMoa2400645 angegeben. Die neueren Befunde stellen damit auch die frühere Definition des Komas als Zustand vollständiger Bewusstlosigkeit infrage. Prof. Dr. Kirsten Möller schätzt, dass etwa 15 Prozent der Komapatienten bei Bewusstsein sein könnten, dies aber nicht mitteilen können.

Die schwierige Suche nach dem wachen Gehirn

Dr. Jan Claassen nutzt EEG und computergestützte Verfahren, um bei schwer hirngeschädigten, scheinbar bewusstlosen Patienten Hirnaktivitäten eines wachen Zustands zu erkennen. Ziel ist es, diejenigen zu identifizieren, die ihr Bewusstsein wiedererlangen können. Offen bleibt allerdings, ob verborgenes Bewusstsein tatsächlich mit einer höheren Wahrscheinlichkeit des Erwachens verbunden ist – und ob Betroffene ähnlich klar und wach wie gesunde Menschen sein können.

Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass mehr Patienten mit Bewusstseinsstörungen als bisher angenommen ihre Umgebung wahrnehmen könnten. Das verändert auch die ethische Frage nach der Dauer einer Behandlung. Wird die Therapie beendet und die Beatmung abgeschaltet, stirbt der Patient. Gerade weil äußerlich oft nichts zurückkommt, wiegt jedes zusätzliche diagnostische Signal schwer.

Die internationale Diskussion soll auf dem ANIM-Kongress vom 21. bis 23. Januar 2027 in Berlin fortgesetzt werden. Bis dahin bleibt die Untersuchung der Hirnaktivität ein vorsichtiges Tasten im Dunkeln: ein Ton, eine vorgestellte Bewegung, eine kleine messbare Reaktion – und die bange Frage, was dahinter tatsächlich ankommt.